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Stormarn Abschied von der Politik: Rainer Wiegard zieht Bilanz
Lokales Stormarn Abschied von der Politik: Rainer Wiegard zieht Bilanz
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21:57 28.04.2017
2008: Finanzminister Rainer Wiegard gab eine Regierungserklärung zur HSH Nordbank ab. Quelle: Foto: Carsten Rehder/dpa
Bargteheide

Rainer Wiegard gehört zu den Menschen, die auf der Straße erkannt werden. Nicht nur in Bargteheide, wo der Trittauer seit seinem sechsten Lebensjahr zu Hause ist, sondern in ganz Schleswig-Holstein und teilweise darüber hinaus. Von 2005 bis 2012 war der heute 67-Jährige unter Ministerpräsident Peter Harry Carstensen Finanz- und kurzzeitig auch Innenminister von Schleswig-Holstein. Bis zum 6. Juni sitzt der CDU-Politiker noch im Kieler Landtag, dann ist nach 43 Jahren Schluss mit der Politik.

Am 6. Juni scheidet der ehemalige Kieler Finanzminister aus dem Landtag aus.

„Es gab für mich zwei Anlässe, in die Politik zu gehen“, erzählt Wiegard von den Anfängen. „Der eine war bei der Bundeswehr, als mir während der Nachrichten plötzlich klar wurde, dass ich alt genug war, um Soldat zu sein, aber nicht alt genug, um wählen zu dürfen. Damals war man erst mit 21 volljährig.“ Der zweite Anlass war 1972 das Misstrauensvotum von Rainer Barzel gegen Willy Brandt. „Das ist daran gescheitert, dass Stimmen gekauft wurden.“ Das bewog Wiegard, 1975 in die CDU in Bargteheide einzutreten. 1978 wurde er bereits Ortsvorsitzender. „Ich bin ohne Ambitionen angetreten“, sagt der Finanzexperte, der rasch in den Kreistag und 2000 in den Landtag aufstieg, wo er als finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion agierte. Die Erfahrung dafür brachte er aus seinem Beruf als Leiter des Bereichs Finanzen und Revision beim Bundesvorstand der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft mit.

„Dass ich Finanzminister werde, habe ich erst in dem Moment geglaubt, als alle den Vertrag unterschrieben hatten“, zieht er nach zwölf Jahren Bilanz. „Damals sollte eigentlich Dietrich Austermann das Amt bekommen und ich das Ressort Wirtschaft übernehmen, aber für mich gab es nur das Finanzministerium oder gar nichts.“ Mit dem Amt übernahm er 1,7 Milliarden Euro Schulden. „Das war eine große Aufgabe, aber sie kam nicht überraschend, ich war ja darüber im Bilde.“ Wiegard verordnete der Politik einen strengen Sparkurs und ist stolz darauf, dass er bei der Entscheidung mitgewirkt hat, ein Schuldenverbot nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in der Landesverfassung festzuschreiben. „Ich habe damals in der Öffentlichkeit sehr viel Zuspruch für meinen Konsolidierungskurs bekommen“, sagt er. „Dabei war es eine schwere Zeit: 2008 kam die Finanzkrise, danach eine Rezession.“

Bis heute steht er zu seinem Sparkurs und bedauert keine Entscheidung. „Ich wäre aber gerne noch so lange im Amt geblieben, dass ich den Beweis hätte antreten können, etwas bewirkt zu haben.“ Heute sprudeln die Einnahmen, aber Wiegard sieht den Umgang damit kritisch. „Ich werfe der jetzigen Regierung vor, dass sie das Füllhorn ausschüttet, statt Schulden zurück zu zahlen“, sagt er. Zudem seien wichtige Investitionen in die Infrastruktur unterblieben, dadurch habe sich die Wirtschaft in Schleswig-Holstein nicht entwickeln können. „Schleswig-Holstein hat den Anschluss verloren, 1989 lagen wir noch gleichauf mit Bayern.“

Mit dem Ministeramt kam ein gewisser Promistatus. „Am meisten vermisse ich den Fahrer“, sagt Wiegard, „ich habe viel Zeit im Auto verbracht und konnte da gut arbeiten. Ich war damals länger mit meinem Fahrer zusammen als mit meiner Frau.“ Letzteres war ein Wermutstropfen. „Ich freue mich darauf, wenn mein Leben nicht mehr von anderen bestimmt wird“, erklärt er. Alle 45 Minuten ein Termin, kaum Urlaub, das sei hart. „Einmal musste ich meine Frau in Ägypten zurücklassen, weil ich plötzlich zurückgerufen wurde.“ Dazu kommen ständige Erreichbarkeit und viele Reisen. „Ich freue mich auf die Ruhe“, so Wiegard.

Allerdings warten auch Aufgaben in Stormarn auf ihn, denn er ist Mitglied in 20 Vereinen, hat die Finanz-Verwaltung des Vereins „Kleines Theater“ in Bargteheide übernommen, ist Stiftungsratsvorsitzender der Bürgerstiftung Stormarn und Schirmherr des „Campus der Visionen“ an der Bargteheider Anne-Frank-Schule. „Auch Tennis möchte ich wieder spielen.“ Als Souvenir an die politische Arbeit nimmt Wiegard ein blau-weiß-rotes Riesensparschwein mit. „Das ist mir in Flensburg bei meiner ersten Rede als Finanzminister überreicht worden.“ Zuhause wird es einen guten Platz bekommen. „Um die Finanzen kümmert sich privat meine Frau, sie ist Steuerberaterin.“

 Bettina Albrod

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