Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Alleinerziehende im Spiegel der Geschichte
Lokales Stormarn Alleinerziehende im Spiegel der Geschichte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:34 13.09.2016
Marion Gurlit, Gleichstellungsbeauftragte in Bad Oldesloe, ist froh, die informative Schau noch bis Freitag im KuB zeigen zu können. Quelle: bma
Anzeige
Bad Oldesloe

„Alleinerziehend, aber nicht allein“ – dieses Angebot gibt es in Bad Oldesloe seit 20 Jahren. „Den Geburtstag haben wir zum Anlass genommen, eine Ausstellung aus dem Frauenmuseum Bonn zu uns zu holen“, sagt Marion Gurlit, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Der Titel: „Alleinerziehende im Spiegel der Geschichte“. Gezeigt werden Schautafeln, die dem Besucher die Last alleinerziehender Mütter im Laufe der Jahrhunderte anschaulich vor Augen führen. Die Schau wird im September und Oktober an verschiedenen Orten der Stadt zu sehen sein. Zum Auftakt wird sie im Foyer des neuen Kultur- und Bildungszentrums (KuB) gezeigt.

Zu allen Zeiten hat es Mütter gegeben, die ihre Kinder allein aufzogen. In Folge von Krieg, Seuchen und Naturkatastrophen mussten Frauen oft ohne Ehemann die Kinder großziehen. Das war akzeptiert, solange die Moral gewahrt blieb. Als Witwen fielen sie nicht aus dem gesellschaftlich tolerierten Rahmen. Anders verhielt es sich bei ledigen Müttern und deren „Bastarden“ – sie hatten unter Ausgrenzung und harten Bestrafungen zu leiden.

Johann Wolfgang von Goethe verarbeitete zum Beispiel das Schicksal einer ledigen Mutter in seiner „Faust“-Tragödie. Gretchen war eine echte Person des Zeitgeschehens: Sie war die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt, die 1771 in einer Waschküche ihrer Dienstherrin ein Kind geboren hatte, das später tot aufgefunden wurde. Die Magd wurde zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet. Der Prozess erregte damals großes Aufsehen.

„Laut Bürgerlichem Gesetzbuch (BGB) von 1900 war der Vater nicht mit seinem unehelichen Kind verwandt“, berichtet Gurlit. Er musste zwar Alimente für sein Kind zahlen, konnte diese aber verweigern, wenn er Zeugen oder Belege für den sexuellen Mehrverkehr der Frau vorwies. Das hatte gravierende Auswirkungen. Nach einer Untersuchung von 1912 waren 90 Prozent der unehelichen Väter ihrer Zahlung mit dem Hinweis auf Mehrverkehr nicht nachgekommen. „Die uneheliche Mutter hatte gegenüber dem Kindsvater keinen Anspruch auf Unterhalt“, so die Gleichstellungsbeauftragte. Das sei heute glücklicherweise anders.

Anfang des 20. Jahrhunderts schaltete sich die Politik ein. Lily Braun (SPD), nach der auch eine Straße in Bad Oldesloe benannt ist, kämpfte für die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit und forderte eine Mutterschaftsversicherung, die es den Müttern erlauben sollte, nach der Geburt ein paar Wochen nicht zu arbeiten und trotzdem Lohn zu beziehen.

Eine besondere Rolle spielte auch Helene Stöcker, nach der ebenfalls eine Straße in der Stadt benannt wurde. Stöcker, die ungewollt kinderlos war, gründete 1905 den „Bund für Mutterschutz“, der gegen Vorurteile gegenüber ledigen Müttern auftrat und aktiv Sexualaufklärung betrieb. Sie forderte auch eine neue Ethik, in der Frauen auch außerhalb der Ehe ihre Sexualität ausleben konnten, und propagierte explizit das Recht auf ledige Mutterschaft.

Die Weimarer Verfassung räumte unehelichen Kindern Chancengleichheit ein und durch neue Sozialgesetze konnten sie erstmals Leistungen beziehen. Im Nationalsozialismus wurde die Stellung lediger Frauen, die dem Führer ein Kind schenkten, aufgewertet – vorausgesetzt sie waren sozial angepasst, deutsch, „erbgesund“ und „arisch“.

„Dann gab es die Kehrseite – diejenigen, die sich nach Ansicht der Nazis nicht fortpflanzen durften. Wer nicht so gebildet oder medizinisch auffällig war, wurde zwangssterilisiert“, berichtet Gurlit.

Seitdem sind 70 Jahre vergangen, und die Situation alleinerziehender Mütter hat sich gewandelt. „Dennoch sind die Alleinerziehenden auch heute noch am ehesten von Armut betroffen“, so Gurlit.

Und nach wie vor sei es so, dass die Zahlungsmoral der Väter ausgesprochen gering sei. „Die alleinerziehenden Frauen haben Probleme, Wohnraum zu finden, und auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Bezahlbarkeit der Kinderbetreuung ist schwierig.“

Ausstellung wandert

Die Ausstellung „Alleinerziehende im Spiegel der Geschichte“ ist noch bis zum 16. September im Foyer des KuB zu sehen. Vom 19. bis 23. September wird die Schau in der evangelischen Familienbildungsstätte im Poggenseer Weg gezeigt, vom 26. September bis 21. Oktober im Foyer der Sparkasse und im Anschluss bis Ende Oktober in der Stadtbibliothek.

90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen

Laut Statistischem Bundesamt leben rund 1,6 Millionen Alleinerziehende in Deutschland, davon sind mehr als 90 Prozent Frauen. Mit steigender Tendenz. Inzwischen ist jede fünfte Familie eine „Ein-Eltern-Familie“, in den neuen Bundesländern sogar jede vierte.

In Schleswig-Holstein gibt es rund 93000 Alleinerziehende, überwiegend Frauen. Im Kreis Stormarn gibt es 7551 Alleinerziehende.

Wird – aus welchen Gründen auch immer – kein Unterhalt gezahlt, kann die alleinerziehende Mutter im Kreisjugendamt einen Antrag auf Unterhaltsvorschuss stellen. Der Staat übernimmt die Zahlungen.

Nach dem Unterhaltsvorschussgesetz wird bis zum zwölften Lebensjahr, aber höchstens sechs Jahre lang, Unterhaltsvorschuss gezahlt.

In Schleswig-Holstein liegt die Zahl der unterhaltssäumigen Elternteile seit Jahren konstant bei rund 27000.

Britta Matzen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Gebäude der Oldesloer Einrichtung ist in die Jahre gekommen – Pädagogen wünschen sich eine Krippe.

13.09.2016

Am Sonnabend läuft in Bad Oldesloe das Drama „Welcome“ – Programm für die ganze Familie.

13.09.2016

Die Frauenkulturtage Bad Oldesloe unter Leitung der Gleichstellungsbeauftragten Marion Gurlit bieten nach der Sommerpause mit einem Live-Hörspielkrimi nach Agatha ...

13.09.2016
Anzeige