Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Bombenangriff auf Bad Oldesloe: Ein Zeitzeuge berichtet
Lokales Stormarn Bombenangriff auf Bad Oldesloe: Ein Zeitzeuge berichtet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:13 17.04.2019
Dietrich Böhler, Enkel des einstigen Studiendirektors Alfred Ursinus, war Zeitzeuge des Bombenangriffs auf Bad Oldesloe am 24. April 1945. Böhler enthüllte eine Gedenktafel für seinen Großvater auf dem Friedhof. Quelle: Dorothea von Dahlen
Bad Oldesloe

 Der 24. April 1945 schien ein unbeschwerter, lauer Frühlingstag zu werden. Punkt 10.36 Uhr nahm die Idylle ein jähes Ende. Vogelgezwitscher verstummte abrupt, als die Sirenen das grausige Ereignis ankündigten. Kurz darauf erfüllte schon ein Dröhnen die Luft. Im Geschwader entluden 110 britische Lancaster-Flugzeugen der Royal Army Force ihre tödliche Fracht über Bad Oldesloe. In nur 18 Minuten hinterließen 1262 Bomben ein Trümmerfeld. Über 700 Menschen starben. Der wohl schwerste Angriff in ganz Schleswig-Holstein galt in erster Linie dem Bahnhof, da Bad Oldesloe ein kriegswichtiger Verkehrsknotenpunkt war. Doch die Bomben trafen auch zivile Ziele, wie Zeitzeugen berichten.

Als solcher hat jetzt der Berliner Philosoph Dr. Dietrich Böhler Bad Oldesloe besucht und seine Erfahrungen geschildert. Damals noch ein kleiner Junge, befand er sich zurzeit des Bombardements im Hause seines über alles geliebten Großvaters, Alfred Ursinus, in der Salinenstraße 18. Während einer Gedenkfeier am Grab des einstigen Logenmeisters und Studiendirektors, schilderte Böhler, wie er das schreckliche Ereignis erlebte.

Detonation ließ Scheiben und Türen splittern

„Wenn die Sirene ertönte, sind wir ab in den feuchten Keller, wo immer die Wasseruhr tickte und ich mir eine rezidivierende Bronchitis holte“, erzählte der heute 77-Jährige. So sei es auch am 24. April gewesen, mit der Ausnahme, dass sich seine „geliebte, halb erblindete Uromi“ weigerte, die schlüpfrige Treppe mit hinabzusteigen. „Sie war eine überaus gütige Stoikerin und meinte, wir blieben verschont.

Doch dann gab es plötzlich einen nie gehörten Lärm und einen gewaltigen Luftdruck, ein Beben als stürze das Haus um“, erinnerte sich Böhler. Als er nach der Entwarnung die Küche betrat, stand die alte Dame wie erstarrt dort, die Marmeladenbrote, die sie für alle geschmiert hatte, gespickt mit Splittern – um sie herum nichts als Glasscherben, geborstene Türen und anderes, von der Detonation zerstörtes Mobiliar. „Mein Großvater hat sich gleich daran gemacht, den Schutt wegzuräumen. Die Bombe, die alles zerstörte, lag tatsächlich vor unserem Haus“, sagte Böhler.

Bombe 2018 entschärft

Viele Bombenschlummern immer noch in Bahnhofsnähe im Oldesloer Boden. Vor zwei Jahren erst musste im neuen Baugebiet Claudiussee eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden. 1200 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Zum Glück klappte alles problemlos.

SA-Leute bedrohten Oldesloer Freimaurer

Während der Gedenkfeier auf dem Oldesloer Friedhof, an der auch Mitglieder der Oldesloer Johannis-Loge teilnahmen, wurde deutlich, wie sehr Böhler seinen Großvater verehrte, ja zum Vorbild nahm. Er beschrieb ihn als aufgeklärten, humanistischen Menschen, „mit einem starken Bekenntnis zur Freiheit“. Dazu, dass Böhler sich späterhin selbst der Philosophie widmete und als Professor an der FU Berlin eine neue Ethik der sozialen Verantwortung begründete, dürfte nicht zuletzt die Haltung seines Großvaters gegenüber den Nationalsozialisten beigetragen haben. Denn dem Freimaurer musste ihre engstirnige Ideologie gegen den Strich gegangen sein.

Interessante Artikel zum Zweiten Weltkrieg in Stormarn

Vom Dachdecker zum Partisanen: Dokumentation über einen Obdachlosen, der die Kriegswirren auf dem Balkan erlebte

Flüchtlinge in Stormarn: Alle mussten zusammenrücken

Die Männer waren an der Front, auf den Höfen arbeiteten die Frauen: Stormarnerinnen berichten vom Alltag

Sie erlebte den Kriegsausbruch als Neunjährige in Reinfeld: „Wir waren froh, dass wir lebten und gesund waren“

Schließlich waren auch die Oldesloer Logenbrüder Anfeindungen ausgesetzt. Im Frühjahr 1933, so hatte Böhler von seiner Mutter später erfahren, marschierte ein Trupp SA-Männer durch die Salinenstraße, laut brüllend: „Nieder mit den Freimaurern!“ „Oldesloe war braun. Das ist die bittere Wahrheit“, referierte Böhler. Die Loge habe sich unter dem rechten Terror letztlich selbst aufgelöst. Da er sich sehr um seine Familie sorgte, habe sein Großvater „politisch den Kopf eingezogen“ und sich durch die Nazizeit „hindurchgewunden“.

Großvater Ursinus begrub „böse“ Nazi-Bücher

Als das beim Angriff zerstörte Haus in der Salinenstraße 18 im Spätsommer wieder hergerichtet war, konnten alle ihr in der Not bezogenes Refugium in Dreggers bei Familie Freesemann wieder verlassen. Erstaunt nahm Böhler damals wahr, dass der Hausmeister der inzwischen entwidmeten, weil einst nach dem SA-Sturmführer Horst Wessel benannten Schule schubkarrenweise Bücher in die Salinenstraße brachte. „Ich erinnere den Bücherberg, der sich plötzlich auf dem Hof auftürmte“, erzählte er.

Die Militärregierung hatte Studienrat Ursinus den Auftrag erteilt, die Schulbücherei von Naziliteratur zu befreien. Die Erklärung, die Böhler von seinem Großvater erhielt, ist ihm bis heute im Gedächtnis geblieben. „Das sind wahrhaft böse Bücher, Dokumente der furchtbaren, unverzeihlichen deutschen Verirrung des Volkes von Kant, Goethe und Schiller“, zitierte er ihn. Die in seinen Augen barbarische Verbrennung der Nazis mochte er nicht nachahmen, also hob er kurzerhand eine große Grube aus, warf die „bösen Bücher“ hinein.

Zu Ehren von Ursinus wurde denn auch eine Gedenktafel am Grab der Familie enthüllt. Zur Galerie prominenter Oldesloer, die auf diese Weise geehrt werden, gehören schon die Künstlerin Else Wex und Alt-Bürgermeister Claus Hinrich Mewes.

Hauptangriffsziel des Luftgeschwaders war der Oldesloer Bahnhof. Doch letztlich legten die Bomben einen ganzen Stadtteil in Schutt und Asche.

Dorothea von Dahlen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Stadt, Kirche und die Ida-Ehre-Schule gestalten gemeinsam einen Festakt im Gedenken an die Opfer der Bombardierung Bad Oldesloes im Jahre 1945. Binnen 18 Minuten glich die Stadt einem Trümmerhaufen.

17.04.2019

Es gibt viele Gründe, eine Pilgerreise anzutreten. Eine 16-Jährige, die in einer Krise steckt, hat sich mit ihrer Sozialpädagogin auf den Weg gemacht. Wir haben die beiden auf dem Jakobsweg getroffen.

16.04.2019

Enno Glantz feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Er hat in Delingsdorf und Hohen Wieschendorf zwei Erdbeer-Höfe aufgebaut. In diesem Jahr beginnt die Saison besonders früh.

16.04.2019