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Als die Lords Stormarn rockten

Mollhagen Als die Lords Stormarn rockten

Sie galten als die deutschen Beatles: Vor genau 50 Jahren fielen die Lords ins kleine Mollhagen ein. Erinnerungen an die Zeit, als das Dorf Kopf stand.

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Die Lords bei Gastwirtsfamilie Bern in Mollhagen (v.l.): Ulli Günter (gestorben), daneben Leo Lietz, Bernd Zamulo und Rainer Petry (sitzend) mit Anke Berns Oma, Mutter und Tante.

Quelle: privat/hfr

Mollhagen. Anke Bern hütet ihre Alben wie einen Schatz. Es dokumentiert eine Zeit, die für viel Wirbel in ihrem Heimatdorf sorgte. In den 1960er Jahren fielen nämlich etliche Größen der Musikszene ins lütte Mollhagen ein. Sie ließen die Wände der Gaststätte erzittern, die ihre Eltern vorübergehend an einen Hamburger verpachtet hatten. Werner Rönnfeld taufte die Lokalität „Tanzcasino ohne Namen“ und engagierte angesagte Bands. So kam es, dass vor exakt 50 Jahren auch die Lords das halbe Dorf mit ihrer Anwesenheit elektrisierten.

LN-Bild

Sie galten als die deutschen Beatles: Vor genau 50 Jahren fielen die Lords ins kleine Mollhagen ein – Erinnerungen an die Zeit, als das Dorf Kopf stand.

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Tour-Daten

Die Lords sind wieder auf Tour und zwar am Freitag, 5. August , in Gardelegen, Sonnabend, 20. August, in Bürstadt, Sonnabend, 17. September,   in Bückeburg , Sonntag, 2. Oktober, in   Uelzen, Sonnabend, und am 15. Oktober, in Offenbach.

Das weiß umzackte Bild, das die heutige Gastwirtin aus den transparenten Fotoecken löst, hat in der Tat Seltenheitswert und markiert einen Kontrast, der nicht größer sein könnte: Da sitzen die kernigen Landfrauen in blumigem Kleid und Strickjacke – Anke Berns Oma, Mutter und Tante – , umringt von akkurat gekleideten jungen Männern in schwarzem Zwirn. Mit ihren hohen Spitzkrägen, den schmalen Schlipsen wirken sie fast deplatziert, wie verkleidet auf dem bäuerlichen Hof in Mollhagen. Auch die bauschigen Pagenköpfe mit den schnurgeraden Ponys vermitteln den Eindruck, als seien die vier jungen Männer einem Modemagazin der 60er entsprungen. Andere Aufnahmen zeigen sie in genau diesem Aufzug beim Radieschenzupfen im Gemüsegarten oder Posieren mit frisch geschlüpften Küken.

Die Kneipentür schwingt auf und Hans Möller tritt ein. „Mensch, das sind ja die Lords“, ruft er Anke Bern beim Blick auf die Fotos begeistert zu. Gleich schwelgt er in Erinnerungen. Im August 1966 ging er noch zur Schule. Die Eltern hatten ihm strengstens verboten, beim Beat-Konzert zu luschern. „Da bin ich zur Oma und die hat gesagt: ,Geh ruhig gucken Jung’.“ Das ließ sich der damals Elfjährige natürlich nicht zweimal sagen. In den Saal der Gaststätte durfte er zwar nicht, aber durch eine Luke in der Wand konnte er die Stars auf der Bühne erspähen. „Da war ja endlich mal was los in Mollhagen“, erinnert sich der heute 60-Jährige.

Dicht an dicht wie die Ölsardinen stand das junge Publikum im Saal. Tanzen war nicht möglich, wobei Kopfnicken damals ohnehin schon als Ausdruck ekstatischer Verzückung galt. „Ich schätze, es werden so 500 Leute gewesen sein“, sagt Möller, und Anke Bern fügt hinzu, dass ihr Schwiegervater Polizist gewesen ist und noch nie in seinem Leben so viele Strafzettel geschrieben hatte wie damals. „Die kamen ja aus Hamburg, Lübeck und überall her. Geparkt haben sie kreuz und quer.“

Weitere Recherchen zum legendären Auftritt der Band, die über lange Zeit Spitzenplätze in den Charts einnahm mit Songs wie Poor Boy oder Gloryland, erwiesen sich als äußerst schwierig. Erwachsene, die das Konzert damals offiziell mit Eintrittskarte erlebten, sind kaum noch aufzuspüren.

Jürgen Kähler (70), damals Keyboarder der Mollhagener Rock’n’- Bluesband, gehörte noch am ehesten zur Klientel des Tanzcasinos. Aber der inzwischen im niedersächsischen Stiepelse ansässige Gastwirt war ausgerechnet am besagtem August-Abend nicht dort. „Ich habe aber mal auf der selben Bühne in Ahrensburg gespielt wie die Lords“, fällt ihm schließlich nach einer Bedenkzeit ein. „Die waren damals älter als wir.“ Auch die Schloss-Stadt sei in den 1960ern immer für eine musikalische Überraschung gut gewesen.

Das kann die Mollhagenerin Andrea Wroblewski (61) nur bestätigen. Mit erstaunlich toleranten Eltern ausgestattet, durfte sie die Lords in Ahrensburg live erleben. „Es war mein erstes Konzert überhaupt. Mein Vater hat mich natürlich begleitet“, erzählt sie begeistert. Die damals Zwölfjährige durfte sogar auf der Bühne sitzen. „Nur Blickkontakt, mehr war nicht“, antwortet sie auf die Frage, ob einer der Lords von ihr Notiz genommen, sie gar angesprochen hat.

Nein, mit Kuscheltieren wurden die angehimmelten Stars seinerzeit noch nicht beworfen. Es ging verhältnismäßig gesittet zu bei den Konzerten der Lords. „Wir waren ja die Guten und fielen auf, weil wir nett aussahen“, erinnert sich Oberlord Leo Lietz. „Man hat uns auch die deutschen Beatles genannt.“ Ihr Markenzeichen sei der Gentleman-Musiker gewesen, der die Bühne mit Stiefel und Gamaschen betritt und dem Bandnamen alle Ehre machte. Fast eine erwachsene Fassung des Kleinen Lords, der in den 60ern gern in der Vorweihnachtszeit im deutschen TV ausgestrahlt wurde.

Dass er und seine Freunde jemals in der Mollhagener Gaststätte gespielt und auch übernachtet haben, daran kann sich Bandleader Lord „Leo“ Lietz heute aber beim besten Willen nicht mehr erinnern. „Wir sind sechs Jahre lang ohne Wohnung quer durchs ganze Land gezogen. Wir lebten aus dem Koffer, hatten etwa 300 Auftritte im Jahr“, erzählt er. Im Übrigen hätten die Lords nicht solch ein skandalumwittertes Leben geführt wie etwa die Rolling Stones. Exzesse, Frauen, zertrümmerte Hotelzimmer: All das habe nichts mit dem Alltag der vier Musiker zu ihren Hochzeiten zu tun gehabt. „Das war ja harte Arbeit. Tagsüber sind wir irgendwo hingefahren, mit dem Tourbus oder dem eigenen Auto, haben Soundcheck gemacht, ewig gewartet, bis wir dran waren und sind nach dem Auftritt tot ins Bett gefallen“, skizziert Leo Lietz den durchschnittlichen Tagesablauf eines Lords.

Und doch haben die deutschen Gentleman-Musiker so einiges gemeinsam mit den eher rüden Rock’n’Rollern aus Angelsachsen. Ähnlich wie die Rolling Stones, allen voran deren Frontmann Mick Jagger, können sie nicht lassen von der Bühne, dem Kontakt zum Publikum, der Liebe zur Musik. Und so touren die Lords auch in diesem und im folgenden Jahr wieder – ganz wie früher durch die deutschen Lande. Nach Mollhagen wird es sie indes nicht mehr führen. Eingefleischte Fans müssen schon reisen, um ihre Idole zu erleben.

 Dorothea von Dahlen

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