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Stormarn Amazon greift Stormarner Handel an
Lokales Stormarn Amazon greift Stormarner Handel an
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11:17 06.08.2017
Gepackte Transporttaschen mit Lebensmitteln stehen im Depot von „AmazonFresh“. Der US-Konzern ist in Stormarn mit einem Online-Supermarkt gestartet. Quelle: Fotos: Dpa, Bma, Hfr

 Wer in Ammersbek, Bargteheide, Barsbüttel, Glinde, Reinbek oder Tangstedt wohnt, kann sich die Produkte von „AmazonFresh“ ab sofort direkt nach Hause liefern lassen. Brot, Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst, Fisch, Milch, Käse, Jogurt, Tiefkühlgerichte, Getränke oder etwas zum Knabbern – „,AmazonFresh‘ hat mehr als 300000 Produkte im Programm, davon 6000 Bioartikel“, sagt Benjamin Vorwerk von der Amazon-Agentur Zucker Kommunikation in Berlin.

Oldesloer Wirtschaftsvereinigung: Lokale Händler sollten ihre Vorteile ausspielen.

„Wir achten auf die Qualität unserer Produkte. Falls eines Ihrer gekauften Produkte nicht 100-prozentig frisch ist, erhalten Sie Ihr Geld zurück“, verspricht das Unternehmen auf seiner Website.

Bis 22 Uhr können die Kunden bei „AmazonFresh“ bestellen. „Die Lieferung erhalten Sie am nächsten Tag in einem gewählten Zwei-Stunden-Fenster“, teilt Amazon mit. DHL sei der Partner, der die Ware vom Lager in Berlin zum Kunden nach Hause bringe. Die meisten Bestellungen würden in wiederverwendbaren Papiertaschen ausgeliefert. „Gekühlte oder tiefgekühlte Ware verpacken wir in isolierte Tragetaschen. Neben Isolier-Einlagen werden auch Eispacks und Trockeneis genutzt, um die Tragetaschen in der entsprechenden Temperatur zu halten“, teilt Christine Maukel von Amazon mit. Amazon reinige und prüfe sie, bevor sie wieder verwendet würden.

Nicole Brandstetter, Vorstandsmitglied der neuen Wirtschaftsvereinigung Bad Oldesloe, empfiehlt den Händlern, zwar Respekt, aber keine Angst vor „AmazonFresh“ zu haben. „Vielmehr ist es wichtig, dass die lokalen Händler ihre Vorteile noch mehr ausspielen: Sie liefern regionale, frische Produkte, die ohne Unterbrechung der Kühlkette geliefert werden. Außerdem kann der Kunde die Ware vor dem Kauf begutachten.“ Und wenn es doch mal Anlass zur Reklamation gebe, habe man einen persönlichen Ansprechpartner vor Ort und nicht ein anonymes Call-Center.

„Im Prinzip ist das, was Amazon jetzt anbietet, nichts Neues. Lebensmittel-Lieferservice hat es schon immer gegeben“, sagt Hans-Martin Bohac, Referent für Lebensmittel und Umweltfragen beim Einzelhandelsverband Nord in Kiel. „AmazonFresh“ sei nur ein weiterer Marktteilnehmer, durch den sich der Wettbewerb verschärfe und der eine Konkurrenz für den stationären Handel darstelle. „Doch der Handel mit Lebensmitteln ist ein Geschäft, das man gut verstehen und beherrschen muss. Denn hier handelt es sich nicht um Bücher oder CDs, sondern um ein schnell verderbliches Frischesortiment, bei dem es auf Hygiene ankommt. Und das stelle ich mir schwierig vor“, so Bohac.

Vertrauen in Erzeuger

Auch das Thema Vertrauen spielt nach Ansicht des Einzelhandelsverbandes gerade beim Einkauf von Lebensmitteln eine große Rolle. Bohac: „Wenn ich den Erzeuger kenne, dann lasse ich mir die Produkte auch nach Hause liefern. Aber bei Amazon als weltweiten Dienstleister hat man eher ein abstraktes Gefühl. Man weiß nicht, wo die Ware herkommt.“

Welche Kunden nimmt Amazon ins Visier? „Berufstätige und auch ältere Leute. Aber gerade letztere wollen einen Vertrauensbezug, um ihre besonderen Wünsche angemessen vorbringen zu können und auch verstanden zu werden. Ob Amazon all diese Aspekte abdeckt, wage ich zu bezweifeln“, so der Experte vom Einzelhandelsverband. Alte Menschen liebten ja manchmal auch das Alltagsgespräch mit dem Verkäufer. „Wir empfehlen deshalb grundsätzlich, zum Händler des Vertrauens zu gehen. Sie können ihn auch fragen, ob er einen Lieferservice möglich machen kann“, so Bohac.

Delikatessen Peters bietet zum Beispiel seit mehr als 50 Jahren einen Lieferservice für seine Kunden aus Bad Oldesloe und Umgebung an. „Bei uns kann man anrufen oder per Fax bestellen“, sagt Kerstin Zickermann von Delikatessen Peters. Firmen, Schulen und viele Stammkunden würden diesen Service in Anspruch nehmen. „Das ist ein ganz tolles Vertrauensverhältnis. Wir beraten unsere Kunden und kennen ihre Wünsche auch genau“, so Zickermann. Den Mitarbeitern falle es sogar auf, wenn mal ein Posten auf der Bestellung fehle. „Dann rufen wir den Kunden an und fragen, ob er nicht das Brot vergessen habe.“

Boom erwartet

Derzeit macht der Onlineversand von Lebensmitteln nur ein Prozent des gesamten Branchenumsatzes von 114,7 Milliarden Euro aus. Doch Experten sagen dem Online-Handel von Lebensmitteln einen Boom voraus. Einige halten es sogar für realistisch, dass der Anteil der Online-Verkäufe von Lebensmitteln in zehn Jahren bei zehn bis 20 Prozent liegt. „Da muss man abwarten, ob sich dieser Trend bewahrheitet. Bei solchen Margen sind wir eher zurückhaltend“, sagt Bohac vom Einzelhandelsverband Nord.

Ganz günstig ist der neue Online-Service allerdings nicht. Wer sich Lebensmittel von „AmazonFresh“ liefern lassen möchte, zahlt Rechnungsbetrag, Liefergebühren sowie 9,99 Euro im Monat. Zusätzlich kommt eine Gebühr in Höhe von 69 Euro im Jahr hinzu für den Amazon-Premiumdienst Prime. Denn nur Prime-Kunden können bei „AmazonFresh“ bestellen. Versandkostenfrei ist der Service für diejenigen, die für mindestens 40 Euro einkaufen.

 Britta Matzen

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