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15:18 09.01.2019
Nicole Grimske an Bord mit einem der Geflüchteten.   Quelle: Draheim/Boxfish (hfr)
Bargteheide/Valletta

Die seit Tagen auf zwei Rettungsschiffen im Mittelmeer festsitzenden Migranten dürfen vorerst in Malta an Land gehen. Die 49 Geretteten würden anschließend auf Deutschland und sieben weitere EU-Mitgliedsstaaten verteilt, erklärte der maltesische Premierminister Joseph Muscat am Mittwoch. Die Schiffe der deutschen Hilfsorganisationen Sea-Watch und Sea-Eye durften nicht in Malta anlegen, sondern müssten die Gewässer des Landes umgehend nach dem Transfer der Menschen auf Schiffe des maltesischen Militärs verlassen, sagte Muscat.

Sea-Watch hatte 32 Migranten vor Weihnachten unweit der libyschen Küste gerettet. 17 weitere nahm die Regensburger Organisation Sea-Eye kurz vor dem Jahreswechsel an Bord. Seitdem saßen die Migranten auf den Schiffen fest, die Nahrungsvorräte wurden schon knapp. Schon seit fast drei Wochen ist Nicole Grimske auf der „Professor Albrecht Penck“, dem Boot der Rettungsorganisation Sea-Eye. Für die Bargteheider Ärztin ist es schon der zweite humanitäre Hilfseinsatz.

„Hier geht es gerade hoch her“, berichtete Nicole Grimske am Mittag via Telefon den LN, als sich die Nachricht verbreitete, dass die beiden Schiffe anlegen dürften. So weit kam es dann zwar nicht, doch zumindest konnten die Flüchtlinge über maltesische Schiffe europäischen Boden betreten.

Bevor der Empfang abbrach, konnte Grimske noch ihre bisherigen Eindrücke schildern. Hier ihr Bericht:

„Am 29. Dezember haben wir etwa 25 bis 28 Seemeilen vor der libyschen Küste ein kleines, überladenes Holzboot mit 17 Personen gefunden. Die Seenotrettungsleitstellen in Rom, Malta und Bremen haben sich für nicht zuständig erklärt und uns an die „libysche Küstenwache“ verwiesen. Die haben uns dann zunächst angewiesen, uns zurückzuziehen und auf sie zu warten. Allerdings befanden sich auf dem Boot Personen, die nicht mehr richtig ansprechbar waren. Zudem waren alle Personen in dem Boot völlig durchnässt und unterkühlt. Daher haben wir die Personen an Bord genommen und versorgt. Die „libysche Küstenwache“ traf etwa vier Stunden später ein und hat uns dann angewiesen, nach Norden zu fahren.

Einige Männer schlafen an Deck

Inzwischen haben sich unsere Gäste körperlich etwas erholt. Sie sind deutlich gezeichnet von ihrem Aufenthalt in Libyen und leiden an verschiedenen Erkrankungen wie Hautinfektionen, Verdauungsproblemen und Schmerzen. Aktuell gibt es aber keine schwerwiegenden medizinischen Probleme.

Unsere Gäste berichten von Folter und davon, dass Freunden von ihnen, die fliehen wollten, in die Füße geschossen wurde. Danach hätten sie sie nicht mehr gesehen. Einige haben auch schon mehrere Fluchtversuche hinter sich und haben berichtet, dass die Menschen, die sie in die Boote gesetzt haben, dieselben waren, wie die, die sie dann später als „libysche Küstenwache“ wieder eingefangen und zurückgebracht haben.

Die Unterbringungsmöglichkeiten bei uns an Bord sind leider sehr begrenzt. Die Hälfte der Männer schläft draußen in einem Container an Deck, die andere Hälfte der Männer und die Frau auf dem Fußboden im Inneren des Schiffes. Da es im Container sehr kalt ist, wird jede Nacht getauscht. Da unser Wasser knapp ist, konnten wir den Gästen bisher noch keine Duschgelegenheit ermöglichen und nur die schmutzigsten Sachen einmal waschen. Die meisten von ihnen tragen daher noch immer die von der Überfahrt verdreckte Kleidung.

Seit der Silvesternacht befinden wir uns nun vor der maltesischen Küste und warteten darauf, dass uns ein sicherer Hafen zugewiesen wird. Besonders für unsere Gäste bedeutete das eine permanente Anspannung. Auf der „Sea-Watch“, die gemeinsam mit uns vor der maltesischen Küste wartete, befanden sich die Menschen schon seit dem 22. Dezember, und die Lage spitzte sich immer weiter zu. Einer der Gäste ist sogar ins Wasser gesprungen, um aus eigener Kraft das Festland zu erreichen. Glücklicherweise konnte er – zum zweiten Mal – gerettet werden.“

Zwei Schiffe

Sea-Eye ist eine deutsche Hilfsorganisation zur Rettung von in Seenot geratenen, meist geflüchteten Menschen im Mittelmeer. Sitz der Nichtregierungsorganisation ist Regensburg. Gegründet wurde sie 2015. Mittlerweile hat Sea-Eye zwei Schiffe erworben und ist regelmäßig im Mittelmeer unterwegs.

Nicole Grimske ist Ärztin für Innere Medizin und Arbeitsmedizin und hat eine arbeitsmedizinische Praxis in Bargteheide. Zur ihrem Engagement und der Flüchtlingspolitik in Europa sagt sie: „Ich habe persönlich großes Verständnis dafür, dass Italien und Malta sich dafür einsetzen, dass die Verantwortung für die aus dem Mittelmeer geretteten Flüchtlinge innerhalb der EU gerecht verteilt wird. Italien hat im Jahr 2018 mehr als 20.000 Menschen aus dem Mittelmeer aufgenommen, Spanien sogar über 50.000, in Deutschland waren es 115 Menschen. Ich halte es aber für unmenschlich und grausam, diesen Konflikt auf dem Rücken von hilfsbedürftigen Menschen auszutragen. Zu oft werden sie wie jetzt als Faustpfand für politische Streitigkeiten missbraucht. Diese Politik macht mich immer wieder fassungslos.“

Markus Carstens

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