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Stormarn Besuch bei den Orks
Lokales Stormarn Besuch bei den Orks
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21:55 26.05.2017
Diabolo (r.), Herr des Schreckens, und Aukete, Herrin der Gerechtigkeit, kämpfen zunächst mit Worten. Danach geht es zur Sache. Quelle: Fotos: Bettina Albrod
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Lütjensee

Wenn man an diesem Wochenende auf den Wiesen in Lütjensee etwas Gehörntes mit Fell erblickt, dann ist das keine Kuh, sondern eine Kreatur aus einer anderen Welt, wahrscheinlich ein Ork. Die Welt heißt „Avanor“ und entwickelt sich seit 22 Jahren stetig weiter. Ihre gut 200 Bewohner sind der Einladung des Vereins „Farmion“ aus Reinfeld gefolgt, der zum Live-Rollenspiel Kinder und Jugendliche nach Lütjensee geladen hatte. Drei Tage lang bilden die Akteure eine geschlossene Abenteuer-Gemeinschaft, leben ihre Rolle, kämpfen um Macht und Land, suchen Geheimbotschaften, lösen Rätsel oder beschwören magische Gestalten herauf.

 

„Wer mitmacht, gehört entweder zu einem Menschenvolk oder zur Brut“, erläutert Dennis Prüßmann, der vor 14 Jahren bei „Farmion“ eingestiegen ist und mittlerweile die Fantasy-Spiele koordiniert. Was einst als Nerd-Hobby ein Nischendasein fristete, ist durch Filme wie „Herr der Ringe“ oder diverse Pen-and-Paper-Spiele längst zu einem Breitenhobby geworden. „Alles ist dabei, von Juristen über Versicherungskaufleute bis zu Schülern“, hat Informatiker Prüßmann beobachtet, „ich habe hier mal meine Englisch-Lehrerin getroffen, auch sie macht LARP.“

Das ist die Abkürzung für Life Action Role Playing, und die Betonung liegt auf Action. Täuschend echt geht die Brut – dazu gehören Orks, Untote, Trolle oder Halblinge, dazu der ein oder andere Katzenmensch – und die Gulon Dâr, fanatische Priester menschlichen Ursprungs, unterstützt durch die Imener, die Ureinwohner eines Avanor-Landes, aufeinander los.

„Die Kostüme macht man selbst, das ist Ehrensache“, erklärt Ork Johann Bomblat, der in Pelz, Sackleinen und Kettenhemd langsam in der Sonne schmilzt. Wo ihm der Schweiß runterläuft, waren es am ersten Tag Tränen bei einer Gruppe kleiner Mädchen. „Die Brut sah zu unheimlich aus“, erläutert Prüßmann, „deshalb haben wir erst einmal alle ohne Masken gezeigt, um die Situation zu entschärfen.“ Um Tränen insgesamt zu vermeiden, will auch das richtige Kämpfen gelernt sein. Obwohl die Waffen weich und unschädlich sind, ist mancher „Böse“ im Eifer des Gefechts schon etwas heftig vermöbelt worden.

„Wir bringen den Mitspielern bei, dass alles nur Schaukampf ist“, sagt Prüßmann. „Beim LARP kann man viel lernen.“ Die Waffen werden vor jedem Kampf gecheckt, es gibt strikte Regeln, und es funktioniert. „In 20 Jahren gab es nur einen Bruch, und daran war das Gelände Schuld.“

Lernen kann man auch soziales Zusammensein in der Gruppe, die im Jugendgästehaus und in Holzhütten auf dem Gelände übernachtet und sich drei Tage lang als Gemeinschaft bewähren muss. „Hier wird jeder so angenommen, wie er ist“, erklärt Bomblat. Viele Jugendleiter und Pädagogen sind dabei: Spielen, so die Veranstalter, geht auch draußen gut, Fantasie klappt auch abseits des Displays in freier Natur. Dazu haben sich die Organisatoren kreativ ins Zeug gelegt. Nicht nur die Kostüme sind selbst gemacht, sondern auch ein Gefängnis mit neun unterirdischen Ebenen nebst Folterkammer, die Bibliothek mit Schriftrollen, von denen einige in der Sprache Schwarzelbisch verfasst sind, die man lernen kann. „Wer die Texte richtig übersetzt, findet nützliche Hinweise für die Lösung der Spielaufgaben“, sagt Prüßmann. Das bietet auch denjenigen Teilnehmern etwas, die nicht auf den Kampf aus sind. Dazu kommen mittelalterliche Camps, ein Drachenskelett aus Styropor, ein magisches Portal, eine Statue oder das echte Schwein, das am Sonnabend über offenem Feuer im Lager gebraten wird.

Zwölf Autoren haben im Hintergrund gearbeitet, um das Drehbuch für drei Tage mit seinen vielen unterschiedlichen Plots zusammenzustellen, und viele Helfer werkeln für einen reibungslosen Ablauf im Hintergrund. „Wir geben den Spielern viel Freiheit bei der Umsetzung der Aufgaben, um sie nicht zu sehr zu gängeln“, sagt Prüßmann, „auf der anderen Seite sollen aber die Aufgaben am Ende der drei Tage erfüllt sein. Manche Dinge müssen passieren, damit die Welt weitergeht.“ Denn die steht bei der nächsten Farmion-Freizeit wieder als Kulisse zur Verfügung.

 Bettina Albrod

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