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Stormarn Braak: Das Maß aller Dinge
Lokales Stormarn Braak: Das Maß aller Dinge
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23:04 23.06.2018
Horst Jonitz hat in seinem Garten den historischen Messstein, der einen Punkt der "Braaker Basis" markiert. Quelle: Albrod

Es war Herbst, als sich 1820 eine seltsame Karawane aus Pferdefuhrwerken über ein Feld zwischen Braak und Ahrensburg bewegte: Die Vermessungsexperten Heinrich Christian Schumacher und sein Kollege Carl Friedrich Gauß waren mit einem Trupp unterwegs, um zwei Messpunkte festzulegen, die als „Braaker Basis“ zur Grundlage für die Vermessung der Königreiche Dänemark und Hannover werden sollten.

Carl Friedrich Gauß stand 1820 in Stormarn auf einem Acker bei Braak. Dort hat der Mathematiker und Astronom mit Heinrich Christian Schumacher, Astronom in Altona, zwei Messpunkte angelegt. Die „Braaker Basis“ diente der Vermessung zweier Königreiche und ist heute noch da.

Dafür hatte Schumacher eine relativ ebene Strecke ausgewählt. Für das Abmessen der Basislinie mussten Bäume und Büsche entfernt werden. Der Historiker Jürgen Koch beschreibt das komplizierte Verfahren der Messung, bei dem identische Stangen in immer gleichen Abständen in den Boden gerammt wurden. Maßketten, Werkzeuge und der Reichenbach-Theodolit, ein präzises Winkelmessgerät, wurden auf Pferdewagen mitgeführt und vom Militär bewacht. Die gemessenen Eckpunkte wurden mit einem gemauerten Schacht versehen, in die eine Messmarke aus Kupfer eingelassen wurde.

Die Wissenschaftler wollten für die Landvermessung die Methode der Triangulation anwenden, die das zu vermessende Gebiet mit Dreiecken überzog, um über Winkelmessungen auch die Erdkrümmung berücksichtigen zu können. Für diese Dreiecke wurde die „Braaker Basis“ mit knapp sechs Kilometern Länge die Eichstrecke. Die beiden Eckpunkte mussten sowohl von der Spitze des Sieker Kirchturms als auch vom Hamburger Michel aus zu sehen sein. Damit ergab sich die erste Dreiecksseite für die dänische und gleichzeitig die hannoversche Vermessung, die an der Elbe begann. Schumacher bekam zusätzlich den Auftrag, das Herzogtum Holstein auszumessen. Daniel Kehlmann greift das Thema in „Die Vermessung der Welt“ auf, in der Gauß eine Hauptrolle spielt.

Die Messungen in Braak mussten wegen des Wintereinbruchs unterbrochen werden und wurden erst ein Jahr später von Schumacher abgeschlossen. Schumacher, 1780 in Bramstedt geboren, war mit dem drei Jahre älteren Gauß befreundet, in dessen Sternwarte in Göttingen er als Stipendiat Studien betrieben hatte. Er wurde 1815 Professor in Kopenhagen und später Direktor der Sternwarte in Altona, das damals zu Dänemark gehörte. Nachdem er den Auftrag zur Landvermessung des dänischen Königreichs bekommen hatte, schlug er vor, auch das angrenzende Königreich Hannover einzubeziehen.

Auf Drängen Schumachers ließ der König in Hannover anfragen, ob Gauß bei der Braaker Basismessung anwesend sein könnte. Gauß reiste also nach Stormarn und schrieb später: „Während meines Aufenthalts in Holstein habe ich gemeinschaftlich mit dem Professor Schumacher ( ) einem Theile der Basismessung beigewohnt.“ 1821 begann Gauß mit der Vermessung des Königreichs Hannover, während Schumacher sich nach Norden arbeitete. Ausgangsstrecke war für beide die Braaker Basis.

Deren Messpunkte existieren noch heute. Oberirdisch wurden sie mit einem Stein markiert. Ein Messpunkt liegt in einem Feld bei Braak, wo er im Getreide verborgen ist, der zweite findet sich in Ahrensburg in einem Garten im Stadtteil Im Hagen. Horst Jonitz hat das geschichtsträchtige Grundstück vor vielen Jahren gepachtet. „Das Gelände gehört der Stadt Ahrensburg“, berichtet Jonitz, der von dem historischen Stein wusste, als er einzog. „Man wollte damals den Zugang zum Messpunkt freihalten, falls man ihn noch mal nutzen wollte. Es kommen immer mal wieder Hobby-Archäologen oder Interessierte vorbei, um sich den Stein anzusehen.“ Immerhin könnte es ja sein, dass Gauß ihn mal in der Hand hatte.

Zeichensprache

Der historische Stein ist gekennzeichnet. „Der Schnittpunkt der beiden Linien, die das + bilden, markiert den eigentlichen Punkt“, heißt es beim Landesamt Geoinformation und Vermessung Hamburg.

Gäbe es das Kreuz nicht, wüsste man nicht, wo genau auf der Oberfläche des Pfeilers der Punkt ist.

„Das Dreieck kennzeichnet die Nordseite des Pfeilers und soll die Orientierung im Gelände erleichtern. Das ist bei allen deutschen Trigonometrischen Punkten (TP) so üblich. Auf der gegenüberliegenden Seite, also im Süden, sind üblicherweise die Buchstaben TP für ,Trigonometrischer Punkt’ eingemeißelt.“ Warum auf der Nordseite auch die Buchstaben LO eingemeißelt sind, sei unbekannt.

Bettina Albrod

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