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Stormarn Das dritte Leben der Zarpener Glocke
Lokales Stormarn Das dritte Leben der Zarpener Glocke
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18:27 23.12.2017
Pastor Nils Wolffson zeigt die mittlere Glocke in Zarpen, die eine wechselvolle Geschichte hat. FOTOS (2): B. ALBROD
Zarpen

Kirchen haben mit Glocken eine Stimme, die weithin gehört wird. In Zarpen hängen drei Glocken im Turm. Die kleinste von 1464 steht schon lange unter Denkmalschutz. Die beiden anderen Glocken hatten weniger Glück: Die große Bronze-Glocke von 1673 wurde im ersten Weltkrieg am 14. August 1918 kurz vor Kriegsende für die Materialbeschaffung im Zarpener Kirchturm zerschlagen und die Scherben abtransportiert. An ihrer Stelle hängt seit 1959 ein Neuguss. Die mittlere Glocke wurde zweimal abtransportiert, kehrte aber vom Glockenfriedhof unversehrt zurück nach Zarpen.

In der Kirche von Zarpen hängen drei Glocken. Die mittlere von 1744 hat eine besondere Geschichte: Zweimal sollte sie eingeschmolzen werden, zweimal ist sie aus beiden Weltkriegen vom Hamburger Glockenfriedhof nach Zarpen heimgekehrt. Zarpens Chronist Jürgen Ehlers hat die Geschichte der Glocke recherchiert.

„Mit den Glocken wird bey den Leichen so unbändig hantiert“

1744 hatte der Lübecker Glockengießer Laurentius Strahlborn sie gegossen. Das verrät eine Inschrift, aus der sich auch die Vorgeschichte der Glocke ablesen lässt. „Die lateinische Inschrift beginnt mit den Worten „Soli Deo Gloria“, also „Allein Gott gebührt Ehre“, erzählt Ehlers. Weil auch eine Widmung für den Plöner Herzog Friedrich Karl auf der Glocke sei, könne man davon ausgehen, dass er sie für Zarpen, über das er von 1739 bis 1761 herrschte, finanziert hatte.

„Laut Inschrift ist die mittlere Glocke der Neuguss einer gesprungenen Vorgängerglocke“, sagt Ehlers. Ein altes Kirchenbuch hält fest, dass der Lübecker Glockengießer damals 70 Reichsthaler und 24 Schillinge für seine Arbeit bekommen hat, sechs Reichsthaler kostete der Transport nach Lübeck. Zusätzlich zur Inschrift schmücken ein Fries und ein Relief der Kreuzigung die Glocke.

Sprünge in den Glocken waren nicht unüblich. „Mit den Glocken wird bey den Leichen so unbändig hantiert, dass sie leicht springen können, wenn nicht vorgebeugt wird“, hatte der Zarpener Pastor Fischer 1788 festgestellt. Bis 1917 hing die mittlere Glocke nach dem Neuguss unbehelligt im Kirchturm, aber dann sollte ihr letztes Stündlein schlagen. Das Berliner Kriegsministerium ordnete im Frühjahr 1917 an, Metall zwangsweise einzuziehen. Die Kirchen mussten ihre Bronzeglocken auflisten, die in drei Kategorien unterteilt wurden.

„Die Glocke aus dem Herstellungsjahr 1744, schwer 1500 kg, fällt unter Gruppe A und ist zu enteignen“, hält ein Schreiben des Kreisausschusses vom 15.5.1917 fest, das Zarpens Pastor Nils Wolffson in seinen Unterlagen hat. „Sie muss am Donnerstag, dem 31.5.1917 vormittags 10 ½ Uhr pünktlich am Bahnhof in Reinfeld zum Abtransport abgeliefert werden.“ Gruppe A bezeichnete die Glocken, die unter keinem besonderen Schutz standen. „Mit einem Mordsaufwand wurde die schwere Glocke damals zum Bahnhof gebracht, von wo aus sie mit dem Zug nach Hamburg transportiert wurde“, sagt Jürgen Ehlers. Dort landete die mittlere Glocke auf dem Glockenfriedhof.

Glockenfriedhöfe nannte man die Sammelplätze für Glocken während des Ersten und Zweiten Weltkrieges, wo sie gelagert wurden, ehe sie eingeschmolzen wurden, um Munition daraus zu fertigen. Im Ersten Weltkrieg sollen rund 65000 Glocken eingeschmolzen worden sein, geschätzt 70000 sollen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen sein. Nur wenige Glocken entgingen diesem Schicksal – darunter die mittlere Glocke aus Zarpen.

Am 12. Juli 1919 erhielt der Kirchenprobst im Kreis Segeberg einen Brief von der Geschäftsstelle der Kriegsmetall Aktiengesellschaft Hamburg, den Ehlers in seinen Unterlagen hat. Darin teilt die Gesellschaft mit, dass die Zarpener Glocke, die am 16. Juni 1917 eingetroffen war, noch da und ein Rückkauf möglich sei. Gegen Zahlung von 3676 Mark kehrte die mittlere Glocke unversehrt aus dem Ersten Weltkrieg heim und wurde wieder in Zarpen aufgehängt.

Dort läutete sie wieder, bis sie am 17.6.1942 erneut abgeliefert werden musste – wieder ging es für die Glocke zum Bahnhof in Reinfeld und von dort auf den Hamburger Glockenfriedhof in der Nähe der Hüttenwerke in Hamburg-Veddel. Dort türmten sich die Glocken am Hafen und wurden nach und nach eingeschmolzen. Nach Kriegsende waren rund 10000 Glocken übrig, darunter wieder die mittlere Glocke aus Zarpen, die nun auch den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte. Ein Glockenkustos, der von der Militärregierung eingesetzt worden war, sollte sich schließlich um die Rückführung der Glocken kümmern. 1947 bildete sich ein Ausschuss für die Rückführung der Glocken. Nachdem die Glocke identifiziert war, konnte die Gemeinde sie 1947 erneut vom Glockenfriedhof im Hamburger Hafen zurückholen und wieder im Kirchturm aufhängen.

Von den Konfirmanden mit

der Hand geläutet

Dort läutet sie bis heute den Gottesdienst ein. Über enge Stiegen aus Holz führt eine Leiter auf den Glockenboden. „Ältere Zarpener erinnern sich noch, dass die Glocken von den Konfirmanden mit der Hand geläutet wurden“, erzählt Zarpens Pastor Nils Wolffson. „Dabei sollen schmächtige Jungen am Seil in die Luft gehoben worden sein.“ Mittlerweile geht das Läuten elektronisch und seit 2017 auch per Fernbedienung.

„Das Geläut folgt einer strengen Läuteordnung, die gut 200 Jahre alt ist.“ Danach läutet die mittlere Glocke zu Hochzeiten, bis die Braut kommt, und bei Beerdigungen zum Auszug aus der Kirche.

„Außerdem ist sie sonntags um 8 Uhr mit dem Weckläuten dran“, sagt Wolffson. „Dadurch wussten die Menschen in den entfernt liegenden Dörfern, dass sie sich zum Gottesdienst auf den Weg nach Zarpen machen mussten.“ Zehn Minuten vor dem Sonntagsgottesdienst läutet sie noch einmal, und um 18 Uhr zum Feierabendläuten am Wochenende erklingen alle Zarpener Glocken gemeinsam.

Abschied

Ein fremder Schmiedgeselle übernahm die traurige Aufgabe, das herrliche Stück kirchlichen Guts zu zertrümmern", hält die Chronik der Zarpener Kirchengemeinde fest. Gemeint war die große Glocke von 1673, für die am 9. August 1918 eine Abschiedsfeier auf dem Turm gehalten wurde. Ein Zarpener wird in der Chronik mit den Worten zitiert: Solche Glocken wie die Zarpener hätte man in Hamburg und Lübeck nicht. 1959 wurde sie durch eine neue Glocke ersetzt, so dass das Dreiergeläut wieder vollständig war.

Bettina Albrod

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