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Stormarn Das geht auch mit 90 Jahren: Yoga im Seniorenwohnpark
Lokales Stormarn Das geht auch mit 90 Jahren: Yoga im Seniorenwohnpark
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18:47 05.02.2016
Koordinationsbewegungen und tiefes, bewusstes Atmen — die Damen und Herren der Yogagruppe lieben die Herausforderungen. Quelle: Fotos: Matzen

„Ich bin 90 und mache Yoga“, sagt Gertrud Dziggel. Ungewöhnlich? Nicht im Seniorenwohnpark Klein Hansdorf. Jede Woche absolvieren zwölf Damen und ein Herr unter der Anleitung von Sabine Tiedtke ihre Asanas. Statt auf der Matte praktizieren sie ihre Übungen im Stuhl. Aber Körper und Geist werden trotzdem verbunden. Und genau darum geht es schließlich beim Yoga. „Seit einem Jahr biete ich den Kurs in der Einrichtung an. Und er wird super angenommen“, freut sich die Yogalehrerin und ausgebildete Krankenschwester aus Bad Oldesloe.

Es ist schön zu sehen, wie jeder nach seinen Möglichkeiten bei den Übungen mitmacht.“Sabine Tiedtke, Yogalehrerin

„Setzen Sie sich gerade hin, Füße hüftbreit auseinander und fest auf den Boden stellen. Die Hände liegen locker auf den Oberschenkeln, der Kopf zieht Richtung Decke. Und jetzt tief durch die Nase ein- und ausatmen.“ Tiedtke spricht mit ruhiger, sanfter Stimme. Und die Senioren-Yogis wissen, was zu tun ist. Auch die, die sonst in ihrem Rollstuhl eher zusammensacken, beginnen ihre Wirbelsäule zu strecken und tief zu atmen.

„Jede meiner Stunden beginnt mit Atemübungen“, sagt Tiedtke. Denn ältere Menschen atmen oft flach und kurz. Da aber gutes Durchatmen dem Wohlbefinden und der Gesundheitsförderung dient, baut die Yoga-Expertin auch zwischen den Asanas immer wieder Atemübungen ein. Die Wirkung ist enorm. „Für mich ist das eine große Wohltat“, sagt Gretchen Schlender, die von Anfang an beim Kurs dabei ist. „Ich achte auch viel mehr auf meine Atmung, seitdem ich beim Yoga dabei bin — das tut einfach gut.“

Doch neben dem bewussten, tiefen Atmen geht es in der Stunde auch darum, die Glieder in Bewegung zu bringen. Elfriede Mohr ballt als erstes die Fäuste, als es heißt „Hände von den Oberschenkeln lösen und boxen“. Die 91-Jährige schiebt abwechselnd ihre faltigen Hände nach vorne und zurück. Auf ihre Koordination ist sie ganz stolz. „Auch wenn ich im Rollstuhl sitze, das klappt alles noch ganz gut“, verrät die zarte Dame nach der Stunde. Danach ist das Kreisen mit Oberkörper und Schultern dran. „Yoga für Senioren — das sind die kleinen Bewegungen. Es ist so schön zu sehen, wie jeder nach seinen Möglichkeiten mitmacht“, sagt Sabine Tiedtke. Auch wenn mal einer in seinem Rollstuhl nach rechts oder links kippe oder bei den Übungen einnicke — „das gehört einfach dazu“, so Tiedtke.

Nach dem anstrengenden Kreisen dürfen die Senioren beim Atmen entspannen. „Ganz tief durch die Nase atmen — und alle auf A ausatmen. Stöhnen ist erlaubt“, lacht die 53-Jährige. „Aaaaaaaa!“ Jeder stimmt mit ein. Anschließend sollen die Kursteilnehmer ihre Arme und Beine von unten nach oben abklopfen. „Ich habe einen Herzschrittmacher bekommen“, ruft eine der Teilnehmerinnen dazwischen. „Auf den dürfen Sie nicht klatschen“, empfiehlt die Lehrerin.

Als nächstes ist Radfahren dran. „Frau Schramm, das können Sie doch besonders gut“, weiß Tiedke. Das lässt sich die Seniorin nicht zweimal sagen. Wie ein junges Mädchen strampelt sie mit den Beinen in der Luft.

Zum Schluss kommt für viele der vielleicht schönste Teil: die Entspannung. „Ich mache Ihnen schöne Musik an, Sie schließen die Augen und lassen einfach alles los — alle Gedanken, alle Sorgen, alle Schmerzen.“ Währenddessen geht Sabine Tiedtke zu jedem einzelnen Teilnehmer der Runde und massiert sanft Schultern und Nacken. „Das ist so schön — danke“, flüstert eine Dame mit geschlossenen Augen.

Sie genießt den Moment der Zuwendung, die Berührung. Wie alle anderen auch.

Körperkontakt sei für die alten Menschen besonders wichtig, so Tiedtke. „Deshalb baue ich auch gerne Übungen mit ein, bei denen sie sich gegenseitig an den Händen fassen.“ Kein Wunder, dass nach dem Kurs keiner hinausgehen oder -rollen mag, auch wenn das Mittagessen schon vorbereitet ist. „Das Miteinander und die Gemeinsamkeit gefällt mir so gut“, sagt Gretchen Schlender. „Dass wir die Übungen zusammen machen, das bringt mir richtig viel Spaß“, fügt Ilse Reher hinzu.

Auch Betreuungskraft Michaela Dörfler weiß, wie welche Bedeutung der Yogakurs für die Bewohner hat. „Die Senioren warten schon sehnsüchtig darauf. Und wenn der Kurs mal ausfällt, sind sie richtig enttäuscht.“

Britta Matzen

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