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Das süße Gold kam einst aus Ratzbek

Ratzbek Das süße Gold kam einst aus Ratzbek

Der Kaufmann Albert Claussen gründete eines der ersten Versandhäuser in Deutschland.

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Dieses romantische Landhaus baute Thomas Claussens Großvater in den 1920er Jahren, als er sich in Ratzbek niederließ.

Quelle: Fotos: Dorothea von Dahlen

Ratzbek. „Honigversand“ prangt in geschwungener Schrift an der Fassade. Über einen quer angebrachten Stoßgriff aus Messing gelangt man ins Innere des Firmensitzes. In die Wand eingelassene Glasbausteine verteilen bunte Farbtupfer im Treppenaufgang zum Kontor. Und selbst das Büroinventar atmet noch den Geist der 60er Jahre, der Freunden des Retrostils Tränen der Verzückung in die Augen treibt.

LN-Bild

Der Kaufmann Alfred Claussen gründete eines der ersten Versandhäuser in Deutschland.

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Stolz präsentiert Thomas Claussen die geradezu museal wirkenden Büroräume aus der Zeit, da der Handel mit Honig noch ein einträgliches Geschäft war. „Wir haben in Spitzenzeiten 800 Tonnen im Jahr verarbeitet“, erzählt der Agraringenieur und Landwirt. 20 Mitarbeiter waren damals allein für den Versand des flüssigen Goldes zuständig, das aus ganz Europa am Reinfelder Bahnhof eintraf, in der Honigschmelze auf dem Ratzbeker Hof weiterverarbeitet und von dort aus deutschlandweit verschickt wurde.

„Wir hatten 500-Gramm-Dosen, die Firmen gern als kleine Geschenke an ihre Geschäftskunden verteilt haben“, erzählt Thomas Claussen. Außer Honig gingen später auch Pakete mit regionalen Spezialitäten wie Kaisermarzipan oder Katenrauchschinken nach eigener Rezeptur auf die Reise. Letztere liegt heute immer noch gut gesichert im Safe der Familie. Schon damals war der Honighandel ohne Qualitätskontrolle undenkbar. „Wir hatten sogar ein eigenes Labor mit 50 Mitarbeitern, die sicherstellten, dass der Honig einwandfrei war. Jede Dose bekam einen Attest“, berichtet Claussen.

Den Grundstein des wirtschaftlichen Erfolgs legte schon sein Großvater Albert Claussen, unter dessen Namen das Ratzbeker Unternehmen auch bis zuletzt firmierte. Er selbst entstammte einer Familie von Handelsleuten und Seefahrern. Laut seinem Enkel Thomas segelten seine Vorfahren mit einer Dreimaster-Bark nach Übersee. Auch Albert Claussen kam offenbar viel in seinem Leben herum. Der Bankkaufmann verbrachte lange Zeit in Istanbul, wurde im Ersten Weltkrieg verwundet und kehrte der Aufregungen wohl überdrüssig nach Deutschland zurück. 1924 ließ er sich gemeinsam mit seiner Familie und der seiner Schwestern in Ratzbek nieder. Er hatte Beziehungen zu französischen Imkern und importierte von ihnen den ersten Honig, später kam italienischer und spanischer hinzu. Während des Zweiten Weltkriegs geriet das Handelsgeschehen zeitweilig ins Stocken. „Die Engländer hatten ihr Hauptquartier hier im Wohnzimmer eingerichtet und meinen Großvater als Bürgermeister eingesetzt. Ganz Hanseat konnte er natürlich auch gut Englisch sprechen“, erzählt Thomas Claussen.

Ihm zufolge gründete der Großvater eines der ersten Versandhäuser in Deutschland überhaupt und baute ein Vertriebssystem auf, das Sohn und später Enkel weiter verfeinerten. Mit persönlichen Anschreiben hielten die Claussens die Abnehmer in den 50er/60er Jahren bei der Stange. Handgemalte Werbung umgab die Produkte mit einem Hauch von Individualität und Exklusivität. So wuchs und wuchs der Kundenstamm.

Das wiederum war sogar dem Nachrichtenmagazin Spiegel eine Erwähnung wert. In einer Ausgabe aus dem Jahr 1976 startet das Blatt einen Generalangriff gegen den Versandhandel, dessen Werbemethoden allzu aufdringlich seien. Auf Ratzbek bezogen heißt es da sarkastisch, „dass der hochbetagte Vater (Albert Claussen) des jetzigen Firmenchefs (Jürgen Claussen) seine eiserne Gesundheit nur dem hauseigenen Bienenhonig verdankt, ist vermutlich auch erst dem Werbefachmann aufgefallen.“ Mit 65 Jahren zog sich auch Thomas Claussens Vater aus dem Geschäft zurück. Damals sprossen die ersten Supermärkte wie Pilze aus dem Boden, was zur Folge hatte, dass dem Versandhandel mit Honig keine Zukunft beschieden war. Dem Juniorchef wurde bewusst, dass er seinen Lebensunterhalt besser aus anderer Quelle speisen sollte. Versuche, einen Gourmethandel zu etablieren, scheiterten. Die Kochschmiede ist derzeit verpachtet. Statt dessen baute Thomas Claussen den landwirtschaftlichen Zweig des elterlichen Hofs aus. Anfang der 1990er Jahre erwarb er weiteres Land in Mecklenburg-Vorpommern. Heutzutage baut Claussen auf insgesamt 600 Hektar in Stormarn sowie rund um Petersberg in Nordwestmecklenburg Weizen, Gerste und Raps an.

Das Kontor aber hat inzwischen eine neue Funktion erhalten. Es ist zum Standort eines Online-Handels für Tanzschuhe und Ballett-Zubehör geworden. Außerdem übernehmen dort Petra Sinning und ihre emsigen Ameisen, die Office-Ants, die Buchhaltung und die gesamte kaufmännische Abwicklung für Unternehmen.

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Ein Leben für die Keramik

Eine überregional hoch angesehene Institution in Ratzbek ist die Stiftung von Peter Siemssen. Über Jahrzehnte hinweg hat der einstige Manager des Porzellanherstellers Rosenthal kunstvolle Keramiken von seinen Geschäftsreisen nach Mexiko, China, Japan, Thailand und ganz Europa mitgebracht. Dazu gehören auch Stücke von Gilbert Portanier, dessen Werk Picasso mit den Worten kommentierte: „Jedes seiner Stücke gehört ins Museum.“ Siemssen ist dieser Maxime nicht nur gefolgt, er hat auch dafür gesorgt, dass der künstlerische Nachwuchs eine Förderung erhält. So haben schon viele begabte Keramiker als Stipendiaten die Chance gehabt, ihre Ideen in der Ratzbeker Werkstatt zu verwirklichen. dvd

 Dorothea von Dahlen

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