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Demenzkranker lief weg: Keiner übernahm die Verantwortung

Ahrensburg Demenzkranker lief weg: Keiner übernahm die Verantwortung

Im Dezember 2011 lief ein demenzkranker Mann aus einem Pflegeheim in Südstormarn weg. Einige Tage später wurde er tot in einem Wald auf Hamburger Stadtgebiet gefunden. Das Amtsgericht Ahrensburg stellte jetzt das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung ein.

Ahrensburg. Wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung mussten sich jetzt der Eigentümer der Einrichtung, die damalige Pflegeleiterin und die Betreuerin des Verstorbenen vor dem Ahrensburger Amtsgericht verantworten. Die Schwester des Mannes trat als Nebenklägerin auf. Das Verfahren wurde gestern eingestellt, vor allem deshalb, weil die Angeklagten zeigten, dass das Geschehen sie für solche Fälle sensibilisiert hat.

„Verantwortung – jeder teilt sie, keiner trägt sie“, fasste Richterin Dr. Gisela Happ das Grundproblem zusammen. Denn jeder für sich hatten die Angeklagten nach bestem Wissen gehandelt, aber keiner hatte den entscheidenden Schritt getan, mit dem das Unglück vielleicht hätte verhindert werden können. Der Verstorbene war zwei Monate zuvor aus einer offenen in die geschützte Einrichtung gekommen, weil er bereits elf Mal weggelaufen war. In der geschützten Einrichtung sollte ein Zahlencode garantieren, dass Betreute mit Weglauftendenz im Haus bleiben. Der Mann, der orientierungslos war, nicht sprechen konnte, zuckerkrank und nur spärlich bekleidet war, verließ unbeobachtet das Haus. Trotz einer sofort eingeleiteten Suchaktion, die tags darauf mit Spürhunden und Wärmebildkameras fortgesetzt wurde, konnte er nur noch tot gefunden werden.

Der Eigentümer der Einrichtung hatte das Problem erkannt und sechs Tage zuvor ein Gespräch geführt, um die Verlegung des Mannes in eine geschlossene Unterbringung zu erreichen. „So schnell“, argumentierte sein Anwalt, „kann eine Verlegung nicht erreicht werden. Dafür muss eine richterliche Einweisung vorliegen.“ Erschwerend kam hinzu, dass die Heimaufsicht des Kreises die Nutzung eines Zahlencodes untersagt hatte, da dadurch auch diejenigen im Haus bleiben müssten, die sich frei bewegen könnten und nur den Code vergessen hätten. Auf die Sicherheit des Codes hatte sich aber die Betreuerin des Mannes verlassen, die angab, über dessen Versuche, aus dem Heim wegzulaufen, nicht informiert gewesen zu sein. Sie hatte eine geschlossene Pflege abgelehnt, weil die sich mit ihrer Auffassung von Menschenwürde nicht vertragen hätte. Die Pflegeleiterin war erst krank und dann im Urlaub gewesen, so dass sie von den Problemen des Mannes nur wenig gewusst hatte.

„Bei allen drei Angeklagten bestand eine gegenseitige Abhängigkeit bei der Verantwortung“, so die Richterin, „keiner hat konsequent gehandelt und damit hat auch keiner die Gefahr abgewendet.“

Gleichzeitig stand den Angeklagten das System im Wege: Die Heimaufsicht hatte den Sicherheitscode untersagt, ein Richter hätte keine Einweisung genehmigt, die die Betreuerin ohnehin ablehnte. Zudem hatte der Obduktionsbericht Tod durch Unterzuckerung oder durch Unterkühlung ausgeschlossen.

Die Zeichen des Dazulernens bei den Verantwortlichen überzeugten schließlich das Gericht. Der Betreiber der Einrichtung nimmt keine Personen für geschützte Unterbringung mehr auf, die Pflegeleiterin hat ihren Beruf aufgegeben und arbeitet als Krankenschwester. Die Betreuerin bedauerte das Geschehen, betonte aber, dass sie die betreuten Menschen weiterhin respektieren wolle.

 Bettina Albrod

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