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Der Zweite Weltkrieg in Stormarn 24. April 1945 — Oldesloes schwarzer Tag
Lokales Stormarn Der Zweite Weltkrieg in Stormarn 24. April 1945 — Oldesloes schwarzer Tag
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19:16 10.09.2014
Gar nicht viel passiert? Das Bild täuscht, die Zerstörungen am und rund um den Bahnhof Bad Oldesloe waren massiv. Quelle: Stadtarchiv
Bad Oldesloe

Es ist der schwärzeste Tag in der Geschichte Bad Oldesloes: Von 10.36 bis 10.54 Uhr dauert am 24. April 1945 der schwerste Bombenangriff, den die Stadt je treffen soll.

Ein paar Tage vor Kriegsende fallen 1262 Bomben auf das Bahnhofsviertel, 300 Häuser werden zerstört. Es sterben 706 Menschen, es gibt zahllose Verletzte. Einheimische genauso wie Flüchtlinge, Wehrmachtsangehörige und Durchreisende sind unter den Opfern. „Es ist wie eine Wunde, die niemals heilt“, formulierte es der mittlerweile verstorbene Oldesloer Arzt Dr. Carsten Hager gerührt am 60. Jahrestag des Bombenangriffs 2005. Im kommenden Jahr jährt sich der Tag zum 70. Mal.

Die Peter-Paul-Kirche wird zum Notfalllazarett.

Hager verliert damals seine drei Geschwister Dieltinde (17), Jens (14) und Ingrid (19). Sie sterben im Haus des Onkels, der eine Villa am Sülzberg sein eigen nennt, also in unmittelbarer Bahnhofsnähe. Hager, zu der Zeit 20 Jahre alt, erlebt das Unglück nicht mit, er ist in russischer Kriegsgefangenschaft. Vom Tod seiner Geschwister erfährt er erst bei seiner Heimkehr 1946. Die Mutter überlebt die Tragödie, weil sie Milch holen ist.

Das Schicksal von Familie Hager ändert sich innerhalb von 18 Minuten radikal; wie das vieler anderer Familien auch. In drei Wellen werfen die Kampfbomber ihre tödliche Fracht auf das Zielgebiet Bad Oldesloe ab — angekündigt durch Leuchtmarkierungen, den sogenannten Tannenbäumen, die die Vorhut abwirft. Ohrenbetäubender Lärm liegt über der Stadt, das laute Brummen der englischen Bomber vermischt sich mit den dumpfen Explosionen, dem Bersten von Fensterscheiben und dem furchtbaren Geräusch zusammenstürzender Häuser.

Die Bahnhöfe in Lübeck und Hamburg sind da bereits restlos zerstört. Nun trifft es die Stormarner Stadt. Der Bahnhof gilt als Knotenpunkt, als wichtige Verteilerstation in Richtung Norden — auch für viele Flüchtlingsströme mit Soldaten und Zivilisten aus dem Osten. Militärzüge und Marschkolonnen halten hier, Wehrmachtshelferinnen und Krankenschwestern sind hier im Einsatz. Auch ihr Leben wird am 24. April 1945 jäh beendet, viele Familien zerstört.

Glück hat Horst Radtke. Zusammen mit Mutter Herta und seinen kleinen Schwestern Irmtraut (7) und Brigitta (1) sucht der Elfjährige Schutz in den Gebläsekellern des alten Silos am Bahnhof. Der Bombenverband dreht schon nach Neumünster ab, da schlägt eine Fliegerbombe direkt in den Keller ein. Der Familie passiert nichts, auch die Explosion des Munitionszuges in unmittelbarer Nähe kann ihnen nichts anhaben. Sie schlagen sich in Richtung Pölitzer Weg durch, hier ist ihr Zuhause, unterwegs werden sie getrennt. „Keiner kann unsere Freude beschreiben, als wir nach und nach zu Hause eintrafen“, erzählt Horst Radtke den LN 1995. Das Mietshaus, in dem die Familie wohnt, steht noch. Er erinnert sich: „Die Häuser gegenüber . . . zerbombt. Die Kneipe nebenan . . . weg.“ Das Haus des Friseurs steht noch halb, ein Klavier lugt durch das Loch im Dach. Radtkes Vater Erich, er ist als Landmaschinen-Baumeister, „kriegswichtig“ und arbeitet damit in Bad Oldesloe, schaufelt viele Menschen aus den Trümmern. Unter anderem rettet er einen Mann aus einem Keller, dem Bombensplitter beide Beine abgerissen haben.

Viele, die Schutz in Splittergräben, Luftschutzkellern und im Tunnel am Bahnhof suchen, wird ihr Zufluchtsort zum Verhängnis. Sie werden verschüttet, kommen ums Leben. Darunter auch 200 Wehrmachtshelferinnen und Krankenschwestern, die in der Stadt auf freie Gleise nach Kiel warten. Oldesloes damaliger Bürgermeister Friedrich Wilhelm Kieling wendet sich an den Lübecker Polizeipräsidenten: „Dingender Notruf. Stadt Bad Oldesloe durch Terrorangriff schwer zerstört. Hohe Menschenverluste, alle Nachrichtenmittel ausgefallen. Erbitte dringend Hilfseinsatz größten Ausmaßes.“

Im so genannten Präparandeum in der Königstraße starben 30 Menschen. Unter ihnen der kommissarische Landrat Rolf Carls.

Das Drama einer Stadt unter Bombenhagel, zwei Wochen vor Kriegsende. Am schwersten trifft es die Mewes-, Brunnen- und Bahnhofstraße, in der Innenstadt gibt es massive Zerstörungen, ebenso in der Ratzeburger Straße und dem Pölitzer Weg. Weinende, verzweifelte Menschen irren durch die von Trümmern übersäten Straßen, suchen ihre Angehörigen. Nicht alle können sie lebend wieder in die Arme schließen. Viele finden ihre Frauen, Kinder, Schwestern, Brüder oder Nachbarn unter den Toten wieder, die in der Peter-Paul-Kirche aufgebahrt werden. Die Kirche wird zum Notfalllazarett, die Ärzte operieren ohne Unterlass — so viele Verletzte.

Der 24. April 1945 ist der schwärzeste Tag für Bad Oldesloe, für viele Familien und bleibt mahnend im Gedächtnis. Dr. Carsten Hager, der lange um seine drei Geschwister trauert, geht seinen eigenen Weg der Versöhnung: Beim Gedenkgottesdienst zum 50. Jahrestag der Bombardements auf die Stadt reicht er dem einstigen britischen Bomberpiloten John Mc Donnel demonstrativ die Hand.

Kerstin Kuhlmann-Schultz

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