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Anfang 1945: In neun Wochen von Liesken nach Grabau

Bad Oldesloe Anfang 1945: In neun Wochen von Liesken nach Grabau

Alle Einwohner des Heeresremonte-Amtes in Ostrpeußen machten sich mit einem langen Treck über das Haff auf den Weg nach Stormarn.

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Zum 50. Jahrestag der Ankunft in Stormarn — 1995 — spielten die Grabauer den Flüchtlingstreck aus Liesken nach.

Quelle: JW/Archiv

Bad Oldesloe. „Ich war 13, als ich auf die Flucht ging“, sagt Helga Schlüter (82), geborene Kuhlke, aus Bad Oldesloe. Sie machte sich mit allen Einwohnern des Dorfes Liesken in Ostpreußen am 28. Januar 1945 mit Planwagen und Zucht-Pferden auf den Weg ins 900 Kilometer entfernte Grabau. Liesken und Grabau waren Heeresremonte-Ämter, auf denen Pferde für das Militär gezüchtet wurden. „Wir sind mit den Großeltern geflüchtet“, sagt Helga Schlüter. Ihre Mutter lebte schon nicht mehr, der Vater, Kutscher auf dem Gut, war im Krieg.

„Mein Großvater war Nachtwächter zu der Zeit,“ erinnert sich Helga Schlüter. Er war es, der um Mitternacht die Bewohner der zwölf Häuser weckte. Mit den Worten: „Schnell anziehen, wir müssen los“, habe die Großmutter sie aus dem Bett geworfen. Dann wurden dreifach Klamotten übereinander gezogen, Federbetten, Decken und alles was wärmt auf die Wagen gepackt, die heimlich vorbereitet schon in der großen Scheune bereit standen. Und dann ging es los, bei bitteren Minus 20 Grad Celsius. Tagelang schon hatten sie die Granaten der sich nähernden Russen gehört. „Uns wurde gesagt, das sind Sprengungen“, so Schlüter. „Die Erwachsenen und großen Kinder mussten zu Fuß laufen. Ich auch.“

Etwa 160 Personen und etwa 62 Pferde gehörten zum Flüchtlings-Treck. Es brachte ihnen Vorteile, dass die Angestellten des staatlichen Gutes Uniformen trugen und die Leute dachten, es handele sich um einen Militärtransport. Schlüter: „Es hieß bloß immer „vorwärts“, wir sollten nicht lange überlegen.“ Die Jungs, die auf den Pferden ritten oder neben den Kutschern saßen, hätten es zunächst noch für ein Abenteuer gehalten. Da ihre älteste Schwester in Berlin bei Verwandten war, hatte Schlüter die Obhut über die drei jüngeren Geschwister, von denen der jüngste Bruder gerade mal fünf Jahre alt war. „Ich musste immer aufpassen“, erinnert sie sich. Übernachtet wurde häufig auf Bauernhöfen. „In Danzig haben wir im Kino geschlafen. Wir sind immer irgendwo untergeschlüpft.“ Außer in den Nächten, die sie wegen der Flieger auf den Wagen zubrachten, weil sie weiterfahren mussten.

Zum Trinken wurde während der zweimonatigen Flucht der Schnee aufgetaut und daraus Kaffee gekocht: Kornfrank oder Muckefuck. Essen gab es häufig aus der Wehrmachtsküche.

„Das Schlimmste war der Marsch über das Haff“, erinnert sich die gebürtige Ostpreußin. Es sei grauenhaft gewesen, sie sah eingebrochene Fuhrwerke und Leichen, die daneben lagen. „Wir sind nachts rübermarschiert, tagsüber wurde geschossen.“ Alle hätten laufen müssen.

Auf der Nehrung hätte Helga Schlüter fast den Treck verloren. Die Planwagen waren gerade im Schritttempo unterwegs und die Großmutter hatte sie aufgefordert, Käsedosen von einem umgekippten Lastwagen einzusammeln. Die packte sie brav in ihre Schürze — doch dann fuhr der Treck plötzlich schneller und sie verlor ihn aus den Augen. Die Großmutter hätte schon geweint: „Sie dachte, ich bin verloren“.

Doch die Enkelin hatte Glück im Unglück, lief hinterher und fand den Treck wieder. In Grabau seien sie nach zwei Monaten Odyssee am 28. März „toll aufgenommen worden“. Zunächst waren sie in der Schule untergebracht, später, als die Soldaten abgezogen waren, lange in einer Baracke am Ortsrand. Ein kleiner Teil des Trecks kam erst fünf Jahre später in Grabau an. Er wurde während der Flucht von den Russen geschnappt und festgesetzt.

„Ich denke noch oft an die Zeit“, sagt Helga Schlüter über die Flucht aus Ostpreußen. Sie habe lange davon geträumt. „Das hat mich lange belastet“, sagt sie. 1991 erst war sie gemeinsam mit anderen Grabauern das erste Mal wieder in ihrem einstigen Heimatdorf, ein weiteres Mal mit der Familie 2007. Die Häuser habe es noch gegeben, in der Schule hätten sie sich auf ihre alten Plätze gesetzt. „Das war ein Erlebnis“, so Schlüter. Die Fahrt wurde in Fotos festgehalten. Ebenso wie der Treck, der 1995 und 2005 in Grabau noch einmal nachgestellt wurde.

Das Gut Grabau
Margarinefabrikant Friedrich Bölck verkaufte das Gut Grabau 1936 an die Wehrmacht. In neu errichteten Gebäuden brachte man bis zu 1000 „Remonten“ (Heeres-Pferde) unter. Nach Grabau treckte das gesamte ostpreußische Remonte-Gut Liesken mitsamt Pferden und Mitarbeitern einschließlich deren Familien.

Susanna Fofana

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