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Der Zweite Weltkrieg in Stormarn Flüchtlinge in Stormarn: Alle mussten zusammenrücken
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18:19 15.08.2014
Die Massenunterkunft im ehemaligen „Genesungsheim“ in der Kieler Straße in Trittau im Jahr 1962. Früher war hier eine Kegelbahn untergebracht.
Bad Oldesloe

Schlimme Zeiten, schlimme Zeiten: Der Zweite Weltkrieg tobt noch, 1944 erreicht die Rote Armee deutsches Gebiet und Millionen Menschen machen sich auf, ihre Heimat zu verlassen. In langen Flüchtlingstrecks ziehen sie über die zugefrorene Ostsee, 700 Schiffe nehmen allein in den letzten Kriegsmonaten mehr als zwei Millionen Menschen an Bord, um sie in Sicherheit zu bringen.

Eine trügerische Sicherheit, denn die wenigsten wissen, wohin ihre Reise geht. Fern der Heimat sollen sie wieder neu anfangen — wo kommen sie hin, was erwartet sie dort, überleben sie überhaupt die Flucht? Schleswig-Holstein ist das Land im Westen, das am meisten Menschen aus den Ostgebieten aufnehmen wird. Bis 1949 kommen 1,6 Millionen Frauen und Männer, mit Kindern oder ohne. Im Land selbst leben nur eine Million Menschen.

Der Kreis Stormarn nimmt die meisten Hilfsbedürftigen auf. 1939 leben 67 889 Einwohner im Kreis, 1949 schon 150 616 — eine Steigerung von 122 Prozent. An der Spitze der Flüchtlingsstatistik für Gesamt-Westdeutschland steht Großhansdorf: 1500 Einwohner und 3502 Flüchtlinge.

Die Briten als Besatzungsmacht machen den damaligen Landrat Wilhelm Paasche — seine Nazivergangenheit kommt erst später ans Licht — deutlich, dass alle zur Verfügung stehenden Räume für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden müssen. Jedem Einwohner, so dokumentiert es das Buch „Überleben, Leben, Erleben“, stehen gerade einmal 3,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Im Oktober 1945 geht von Paasche an die Bevölkerung folgender Appell: „Wir gehen einem der schwersten deutschen Winter der ganzen deutschen Geschichte entgegen . . . Jeder, ob Eingesessener, ob Flüchtling, muss sich jetzt einschränken und das Letzte, was er hat, dem geben, der es braucht, um durch den Winter zu kommen.“ Es folgt eine entbehrungsreiche Zeit, der Alltag wird bestimmt durch den Wohnraummangel, durch die Sorge ums Essen und die Suche nach Arbeit.

Nicht jeder Raum, nicht jede Notunterkunft, hat einen Ofen, Brennhexen werden aufgestellt — primitiver Brennofen und Herd in einem. Wer ein Rohr hat, um den Rauch ins Freie zu lenken, ist gut dran.

Wer nicht in einem Privat-Wohnraum untergebracht ist, lebt in Notunterkünften, in Baracken, die eilends errichtet werden. Schulen, Gutsgebäude oder Herrenhäuser werden zu Massenquartieren. Das Schloss Ahrensburg beherbergt mehrere hundert Flüchtlinge.

Wer glaubt, auf dem Land wäre es einfacher, irrt: Viele Heimatlose werden als Bedrohung empfunden, stoßen auf feste soziale Strukturen, die es ihnen nicht immer einfach machen. Eine Frau, die mit ihrem kleinen Kind in Trenthorst unterkommt, leidet. Als sie Milch von den Bauern möchte, hält man ihr die Kanne vor das Gesicht und schüttet den Inhalt vor ihre Füße. Kein Einzelfall. Der Schriftsteller Arno Surminski hat solche Konflikte selbst erlebt. Einen Teil seiner Kindheit und Jugendzeit verbringt der gebürtige Ostpreuße nach Ende des Krieges in Trittau. In seinem autobiographischen Roman „Kudenow — oder An fremden Wassern weinen“ verarbeitetet er das Erlebte.

Andere Flüchtlinge hingegen berichten von dem tiefen Willen der Stormarner, in der Not zu teilen. Ihnen wird Arbeit angeboten, Lebensmittel werden zugesteckt. Der Zeitzeuge Hans-Joachim Schröder berichtet in dem Aufsatz „Fluchtpunkt Stormarn: Die Not der Nachkriegsjahre“, dass auf seinem elterlichen Hof die Menschen sofort integriert wurden. Für ihn sind die Flüchtlingskinder auf Gut Hohenholz in erster Linie neue Spielgefährten, die er nicht mehr missen möchte. Seine Mutter stillt sogar ein Flüchtlingsbaby und sichert ihm damit das Überleben.

In Bad Oldesloe gründet sich der Stormarner Ableger der Deutschen Hilfsgemeinschaft. Geholfen wird allen Stormarnern, die leiden, mit kostenlosen Speisungen, Unterhaltung von Wärmestuben, aber auch durch das Verteilen von Kleidung oder Hilfe bei der Wohnungssuche. Zentrale Aufgabe: Die Betreuung von Kindern. Im Tralauer Schloss wird ein Kinderheim errichtet, das Kreiskinderheim am Lütjensee entsteht. 1950 gibt es für die Jungen und Mädchen ein Zeltlager in St. Peter auf der Halbinsel Eiderstedt. Sie sollen auf andere Gedanken kommen — die schlimmen, schlimmen Zeiten vergessen.





Der Zweite
Weltkrieg
in Stormarn

Kerstin Kuhlmann-Schultz

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