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Der Zweite Weltkrieg in Stormarn Opfer des Bombenangriffs in Massengräbern beigesetzt
Lokales Stormarn Der Zweite Weltkrieg in Stormarn Opfer des Bombenangriffs in Massengräbern beigesetzt
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18:53 10.09.2014
Im Bombenhagel sind auch viele Diakonissinnen getötet worden. Quelle: kks
Bad Oldesloe

Hugo Erdmann hat Glück, die schweren Bombenangriffe auf seine Heimatstadt erlebt er nicht mit: Zu jener Zeit ist der mittlerweile 94 Jahre alte Bad Oldesloer als Soldat im Kriegseinsatz — zwölf Kilometer vor Amsterdam. Trotzdem beschäftigt der Bombenangriff auf Bad Oldesloe kurz vor Kriegsende auch ihn, berühren die Schicksale der Menschen auch sein Herz, denn Hugo Erdmann arbeitet nach Kriegsende auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde Oldesloe. Hier macht er seine Ausbildung, hier wird er später stellvertretender Friedhofsverwalter. Er hört viele Geschichten, die sich um den 24. April 1945 drehen.

Der ehemalige Friedhofsmitarbeiter Hugo Erdmann an der Gedenkstätte für die vielen Toten des Bombenangriffs vom 24. April 1945. Foto: kks


„Ich hatte Glück“, blickt der Senior zurück. Seiner Familie ist nichts geschehen und er ist nicht in Gefangenschaft geraten. Im Juni 1945 kommt er wieder nach Hause, nach Blumendorf. Kurze Zeit später beginnt er auf dem neuen Friedhof am Lindenkamp seine Ausbildung zum Friedhofsgärtner. Da sind die vielen Menschen, die am 24. April ums Leben gekommen sind, längst im Gemeinschaftsgrab beerdigt. Die toten Wehrmachtsangehörigen, auch daran erinnert sich der Oldesloer, werden auf dem alten Friedhof beigesetzt, die 307 Zivilisten finden ihre letzte Ruhestätte auf dem neuen Friedhof.

Der Bildhauer Richard Kuöhl soll es gewesen sein, der 1947 ein Ehrenmal entwirft. Hier wird Jahrzehnte lang an die Opfer gedacht. Erdmann erzählt von Umbettungen, von Familien, die sich auf die Suche nach ihren Angehörigen begeben.

Er kennt viele Schicksale. „Hier ist auch ein großes Grab“, zeigt der Rentner, „in dem liegen viele Diakonissinnen. Die kamen aus Berlin und sollten Kinder begleiten“. Sie zahlen mit ihrem Leben, „auch die Kinder sind alle gestorben“.

Oder das Drama um Pastor Theodor Burckhardt und seine Frau Bolette Michelet, beide aktive und verfolgte Gegner der Nationalsozialisten. Das Ehepaar Burckhardt verlässt mit einem der letzten Züge Berlin und landet in Bad Oldesloe. „Die waren nur auf der Durchreise“, hat Erdmann erfahren. Das wird ihnen zum Verhängnis, Burckhardts Ehefrau stirbt, der Pastor selbst soll die Beisetzung der Menschen im Massengrab vorgenommen haben. Bolette Michelet Burckhardts Grab findet sich bis heute auf dem Friedhof, ihr Mann wurde vor 25 Jahren ebenfalls dort beigesetzt — die Grabstätte wird jetzt zum Ehrengrabmal. „Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort“, bedauert der ehemalige Friedhofsangestellte, „wie viele andere auch.“

Davon zeugen auch die Namenslisten, die der heutige FriedhofsverwalterJörg Lelke verwahrt: Im Gemeinschaftsgrab liegt die Berlinerin Margarete Einfeldt, sie wird nur 24 Jahre alt, als sie im Bombenhagel stirbt. Es ist die letzte Ruhestätte für Christa mit Kind und Alwine Heins, die erst am 5. Mai 1945 gefunden wird. Es ist die letzte Ruhestätte für 115 Unbekannte. So viele Schicksale, so viele trauernde Familien. Bis heute gebe es Anfragen nach Vermissten, erzählt Lelke. Nach Menschen, die an Oldesloes schwärzestem Tag ums Leben kamen. 

K. Kuhlmann-Schultz

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