Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° stark bewölkt

Navigation:
Vom Dachdecker zum Partisanen

Klein Wesenberg Vom Dachdecker zum Partisanen

Klein Wesenberger über einen Obdachlosen, der die Kriegswirren auf dem Balkan erlebte.

Voriger Artikel
Anfang 1945: In neun Wochen von Liesken nach Grabau
Nächster Artikel
Erschreckendes Bekenntnis

Partisanen im Zweiten Weltkrieg.

Quelle: imago

Klein Wesenberg . Bis zu welchem Grad sind es die äußeren Umstände, die das Leben eines Menschen formen? Inwieweit beeinflusst er es selbst durch seine Entscheidungen? Diese Fragen haben Klaus Rainer Martin aus Klein Wesenberg schon immer fasziniert und begleiten ihn auch bei seinen historischen Forschungen zum Zweiten Weltkrieg.

Ein Schicksal, wie es nicht wechselhafter und kurioser sein könnte, hat Martin lange lange Zeit für sich behalten müssen. Als er während seiner Diakon-Ausbildung in der 1960er Jahren in einem hessischen Obdachlosenhaus tätig war, gewährte er einem armselig gekleideten, beinamputierten Mann Einlass. Johannes Weiß schüttete ihm alsbald sein Herz aus. Er erzählte seine Lebensgeschichte mit der Auflage, Martin möge sie erst nach 50 Jahren aufschreiben, wenn er selbst nicht mehr lebe. Und das hat der pensionierte Sozialpädagoge, der lange Zeit das Reinfelder Haus „Sonnenschein“ leitete, jetzt auch getan. Die Dokumentation „Ein Schieferdecker auf der Flucht“ erschien vor einigen Monaten.

Was der Mann, der eben noch in der Fußgängerzone gebettelt hatte, berichtete, klang so ungeheuerlich, dass die Geschichte einfach wahr sein musste. Weiß hatte als Dachdecker in Wermelskirchen gearbeitet. Nach einem Techtelmechtel mit der Tochter des Meisters nötigte ihn dieser zur Ehe. Im letzten Moment ergriff Weiß die Panik. Statt zur Hochzeitsfeier reiste er kurzerhand nach Frankfurt und von dort ins Ungewisse.
„Er gelangte letztlich nach Klagenfurt in Österreich, arbeitete wieder als Dachdecker und schloss sich einer kommunistischen Gruppe an. Er wechselte auch die Identität, um nicht aufzufliegen. Aus Joachim Weiß wurde Joachim Schwarz“, erzählt Autor Martin. Doch am 12. März 1938 endete die Verschnaufpause. Die deutschen Truppen marschierten ohne Ankündigung in Österreich ein. Weiß floh auf Anraten seiner Genossen nach Jugoslawien. Durch knietiefen Schnee kämpfte er sich über den Loibl Pass nach Herzegowina. Nach Kroatien konnte er nicht, dort lauerten die Faschisten der Utascha Bewegung. Also zog er weiter nach Hadžici.

Drei Jahre blieb Weiß dort, half Schieferdächer von Moscheen und Synagogen zu decken, entwickelte sich in Abendschulungen zum waschechten Marxisten. Im April 1941 wurde es wieder brenzlig. Die deutsche Wehrmacht rückte an, um Jugoslawien zu durchqueren und in Griechenland einzufallen. Der Regentschaftsrat hatte den Truppen freies Geleit gewährt. Doch ein Militärputsch verwickelte sie auch hier in Gefechte.
Wie alle anderen Stationen von Weiß’ Lebensgeschichte unterfüttert Autor Martin auch diese mit detaillierten Hintergrundinformationen. So fällt es dem Leser leichter nachzuvollziehen, was sich im Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien abgespielt hat. So ist vielleicht weniger bekannt, dass die Deutschen den Italienern damals helfen wollten, die Briten aus Griechenland zur vertreiben. Doch die Gemengelage in Jugoslawien war komplizierter als angenommen: Das jugoslawische Militär, das Volk und im Gegensatz zu seinem Regentschaftsrat war auch König Peter II. auf Seiten der Briten. Und so stürzte das Militär die Regierung am 27. März 1941 und die deutsche Wehrmacht begann am 6. April 1941 nicht nur gegen Griechenland, sondern auch gegen Jugoslawien Krieg.

Angesichts der militärischen Intervention der Deutschen sah sich Weiß gezwungen, unterzutauchen. Der einst vor dem Traualtar geflohene Dachdecker befand sich mit einem Mal im jugoslawischen Untergrund. Die Partisanen, denen er jetzt angehörte, sabotierten die Deutschen, wo sie nur konnten, sprengten Bahngleise und lieferten sich Gefechte. Hitler hatte damals die Losung ausgegeben, dass für jeden von Partisanen getöteten Deutschen einhundert Zivilisten erschossen werden sollten.

Über mehrere Etappen gelang es Weiß, den griechischen Hafen von Igoumenitsa nahe Albanien zu erreichen. Dort heuerte er als Sanitäter auf einem Rot-Kreuz-Schiff an. Es sollte unter deutscher Flagge im Auftrage der britischen Militärverwaltung verwundete deutsche Kriegsgefangene aus Nordafrika abholen. Weiß wollte sich nämlich dorthin absetzen. Er vertraute dies den britischen Offizieren an und hoffte, dass sie ihn in Tobruk von Bord gehen ließen. Doch sie führten ihn als Spion in Handschellen vom Schiff und übergaben ihn der Militärverwaltung.

Und auch das wirkt wie Ironie des Schicksals: Der Dachdecker aus Wermelskirchen war nie in Kämpfe verwickelt gewesen und hatte im Kriegs auch keine Verletzungen davongetragen. In einem ägyptischen Gefangenenlager wurde er von einer herabstürzenden Wand begraben. Als er wieder zu sich kam, hatte man ihm das linke Bein amputiert. Ein ganzes Jahr brachte Weiß im Lazarett zu. Im Mai 1946 kehrte er im Austausch mit anderen Gefangenen schließlich nach Deutschland zurück.

Eine Zeitlang war Weiß im Gogomobilwerk in Dingolfing beschäftigt. Als er eines Tages seine Arbeit verlor, wurde er auch obdachlos und begann zu betteln. Die Tochter seines früheren Meisters hat er zwar nie wiedergesehen, doch zog er Erkundigungen ein. Sie war inzwischen mit jemand anderem verheiratet und hatte eine Tochter, die neun Monate, nachdem Weiß sie verlassen hatte, zur Welt kam.

Dorothea von Dahlen

Buchtipp: Ein Schieferdecker auf der Flucht, ISBN 978-3-942468-20-6, 10,95 Euro.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den Dezember 2017 zu sehen!

Lassen Sie sich gegen Grippe impfen?

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.

TSV Trittau

Alles zu den Badminton-Stars beim TSV Trittau.

Zweiter Weltkrieg

Dieses Dossier beschäftigt sich mit der Situation in Stormarn während des Zweiten Weltkriegs.