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Der lange Weg aus der Sucht

Bargfeld-Stegen Der lange Weg aus der Sucht

Seit 20 Jahren bietet das Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus im „Ausweg“ einen qualifizierten Entzug von Medikamenten und Alkohol an.

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Im Schnitt werden pro Jahr etwa 520 Personen in der Entzugsstation B, dem Ausweg, behandelt. In 20 Jahren waren es etwa 10400 Frauen und Männer.

Quelle: fotolia

Bargfeld-Stegen. Für viele Frauen und Männer sieht das Leben so aus: Es geht einfach nicht ohne, nicht ohne Medikamente, nicht ohne Alkohol. Um für sich im Leben bestehen zu können, nehmen sie Pillen, greifen sie zur Flasche. Sie können nicht anders, denn „dass die Menschen trinken oder medikamentenabhängig sind“, so erklärt es der stellvertretende ärztliche Direktor im Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus und Oberarzt der Suchtabteilung, Dr. Peter Hans Hauptmann, „ist keine Willensschwäche, es ist eine Krankheit“. Und dieser Krankheit begegnen die Ärzte in der Klinik bereits seit 20 Jahren. „Ausweg“ heißt die Station B, in der die Patienten einen niedrigschwelligen Entzug von ihrer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit machen können.

LN-Bild

Seit 20 Jahren bietet das Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus im „Ausweg“ einen qualifizierten Entzug von Medikamenten und Alkohol an.

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Ich war sogar schon zweimal über Weihnachten hier, obwohl ich clean war. Ich wusste genau, es kommt eine Krisenzeit, da kochen die Gefühle hoch.“Ein Patient

Patienten wie Janina Möller und Hinnerk Henning (beide Namen geändert), mit denen die LN sprechen konnten. Möller, die seit vielen Jahren von Medikamenten abhängig ist, macht zum siebten Mal einen Entzug. „Es ist schwierig für mich, ich werde immer wieder rückfällig. Am Anfang habe ich mich geschämt, wenn ich wieder in die Klink gekommen bin. Aber hier bekommt man mit auf den Weg gegeben, dass man jederzeit zurückkommen kann“, erzählt sie. Durch eine chronische Darmerkrankung war sie gezwungen, unterschiedliche Mittel zu nehmen. Seit 2012 schluckte sie diese, musste, um psychisch bestehen zu können, aber immer mehr davon nehmen. „Durch meine Sucht habe ich schon meinen kleinen Sohn verloren, er lebt jetzt bei meinen Eltern.“ Dass Abhängige die Dosis hochschrauben, bestätigt Dr. Peter Hans Hauptmann: „Sie benötigen immer mehr, um die gleiche Wirkung zu erzielen und das hat negative Auswirkungen.“ Janina Möller konnte jedoch bisher immer noch selbst die Reißleine ziehen und sich im „Ausweg“ zum nächsten Entzug anmelden. Ihr größer Wunsch: „Durch eine Langzeittherapie möchte ich mein Leben wieder in den Griff kriegen. Ich möchte die Verantwortung für mich und meinen Sohn wieder übernehmen können.“ Sie weiß, dass das noch ein weiter Weg ist. Gerade befindet sie sich in einer Phase, in der es ihr körperlich und psychisch sehr schlecht geht. „Ich bin unruhig, antriebslos, depressiv, traurig, ängstlich, ich habe Körperschmerzen“, erzählt sie von ihrem Entzug. Langsam wird ihr Körper entwöhnt. „Die Patienten bekommen das gleiche Medikament wie zuvor aber in absteigenden Dosen. Dazu kommen begleitende Medikamente, um den Entzug aufzufangen“, erklärt Dr. Hauptmann. Natürlich sei Geduld gefragt, es handele sich schließlich um einen Opiatentzug. Aber Geduld gibt es jede Menge in Bargfeld-Stegen. Janina Möller bekommt dadurch wieder ein Stück Sicherheit. „Für mich ist das hier ein Schutzraum. Wenn ich entmutigt ankomme, dann bekomme ich hier wieder Hoffnung.“

Bei Hinnerk Henning ist es die Sucht nach Alkohol, die den 48-Jährigen immer wieder nach Bargfeld-Stegen kommen lässt. „Ich bin mit Alkohol groß geworden“, erzählt er von den ersten Kontakten im Elternhaus mit 16 Jahren. Wenn man es denn so formulieren darf, ist er ein alter Entzugshase. „2009 war ich zum ersten Mal hier“, erzählt Henning freimütig. Mittlerweile dürfte der Patient mehr als 20 Mal im „Ausweg“ gewesen sein. Dabei unterscheiden sich die Aufenthalte in Akut-Phasen, also im Falle eines Rückfalls, und Stabilisierungsphasen. „Ich war sogar schon zweimal über Weihnachten hier, obwohl ich clean war. Ich wusste genau, es kommt eine Krisenzeit, da kochen die Gefühle hoch.“ Und doch hat er auch schon eine Phase gehabt, in der er sieben Jahre trocken war, in denen er keinen Alkohol getrunken hat. „Aber dann kamen Schicksalsschläge. Mein Ziel ist, die Intervalle, in denen ich nicht trinke, so lang wir möglich zu halten.“ Mit Hilfe aus Bargfeld-Stegen glaubt er es zu schaffen. „Hier fühle ich mich sicher und geborgen. Mir werden hier viele Perspektiven aufgezeigt, das Pflegepersonal hat immer ein offenes Ohr und nimmt sich Zeit. Ich habe akzeptiert, dass ich süchtig bin, ich habe kein schlechtes Gewissen.“ Er vermisst allerdings eine psychologische Betreuung, „die ist gut, wenn es an Eingemachte geht“. Die Stelle wurde abgezogen, als die Tagesklinik in Bargteheide eröffnet wurde. „Mitte 2017 wird es wieder eine Psychologenstelle geben“, erklärt Dr. Peter Hans Hauptmann. Das freut Henning, weiß er doch, dass es nicht sein letzter Aufenthalt in Bargfeld-Stegen sein wird.

Hauptmann: „Wir begleiten die Betroffenen lange. Wir machen keinem einen Vorwurf, wenn er rückfällig wird.“ Ganz im Gegenteil, die Menschen werden ermutigt. „Ich sage ihnen immer, sie sind auf einem guten Weg, sie sorgen für sich.“

Zehn bis 15 Jahre dauert es, bis sich ein Süchtiger Hilfe holt

„Wenn 20 Menschen im Wartezimmer eines Hausarztes sitzen, dann ist einer davon süchtig, in welcher Form auch immer “, erklärt Dr. Peter Hans Hauptmann, stellvertretender ärztlicher Direktor des Heinrich-Sengelmann-Krankenhauses. Im Schnitt dauere es zehn bis 15 Jahre,bevor ein Süchtiger sich überhaupt Hilfe holen würde. Etwa 1,5 bis zwei Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig, etwa bei acht Millionen ist der Alkoholkonsum problematisch.

Seit 20 Jahren bietet die Station B, auch Ausweg genannt, an der Klinik in Bargfeld-Stegen einen qualifizierten Entzug an. Im Schnitt werden pro Jahr 520 Personen behandelt, in den vergangenen 20 Jahren waren es etwa 10400 Patienten.

Hauptbestandteil der stationären Entzugsbehandlung bei Alkohol- und Medikamentenabhängigkeiten im Ausweg ist die Motivationsbehandlung. Dabei ermutigen die Mitarbeiter die Patienten (es gibt 24 Betten), sich mit den Ursachen und Folgen ihrer Erkankung auseinander zu setzen. Außerdem werden sie beim Entzug dabei unterstützt, sich mit ihrer bisherigen Lebensführung zu beschäftigen, Veränderungen zu planen und umzusetzen. Die Klinik legt Wert darauf, dass die Patienten einer festen Tagesstruktur folgen. Zum Stationsteam gehören Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen, Spezialtherapeuten sowie Krankenpflegepersonal.

Dr. Peter Hans Hauptmann, der selbst seit 13 Jahren in Bargfeld-Stegen arbeitet, erklärt, dass die Form der Suchttherapie sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert habe.

„Früher gab es bei einer Suchtbehandlung beispielsweise eine totale Kontaktsperre. Das macht aber keinen Sinn, eine Suchttherapie funktioniert nur auf Freiwilligkeit.“

Eine Zunahme an Alkoholerkrankungen kann Hauptmann nicht feststellen, wohl aber bei der Medikamentenabhängigkeit. „Ich weiß nicht, woran das liegt, aber früher waren das die Ausnahmen.“ Zur Vermutung, immer mehr Jugendliche würden Trinken, erklärt Hauptmann: „Das entspricht nicht den Tatsachen.“ kks

K. Kuhlmann-Schultz

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