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Stormarn Die Crew filmt eine wahre Begebenheit
Lokales Stormarn Die Crew filmt eine wahre Begebenheit
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18:13 01.07.2016
Aufnahmen vor der Gemeinschaftsunterkunft am Oldesloer Sandkamp: (v. l.) Aws Lkaffi, Abduhl Qayum Nawed, Hamid Shabazi, Udo Reichle-Röber, Ladan Ghamar, Kiomars Karimi, Omran Alnaji und Mershad Ghaderi drehen eine Szene. Quelle: Dorothea von Dahlen
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Reinfeld/Bad Oldesloe

Klappe, die erste. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Irak und Deutschland, sprechen Arabisch, zwei verschiedene kurdische Dialekte, Englisch, Deutsch, Farsi oder das daraus abgeleitete Dari. Und doch scheint es, als hätten sie sich gesucht und gefunden. So unterschiedlich ihre Biographie und Herkunft auch sein mag, eines eint die Mitglieder der Gruppe, die am Reinfugee-Projekt von Sozialtherapeut Udo Reichle-Röber mitwirken wollen: das besondere Interesse am Film und an bewegenden menschlichen Schicksalen, die es zu erzählen gilt.

Aws Lkaffi (43), Abduhl Qayum Nawed (27), Hamid Shabazi (25), Kiomars Karimi (29), Omran Alnaji, Mershad Ghaderi (16) und Ladan Ghamar (42) haben fast alle einschlägige berufliche Erfahrungen vorzuweisen. Karimi aus dem kurdischen Teil Irans drehte fünf Kurzfilme, schrieb Drehbücher für mehr als 50 Filme und stand sowohl vor als auch hinter der Kamera. Ein kritischer Fernseh-Beitrag brachte ihm eine Verhaftung ein. Ladan Ghamar aus Teheran – die einzige Frau des Projekts – beschäftigte sich zehn Jahre mit der Nachbearbeitung von Filmen am Computer, so genannten Visual Effects.

Qayum Nawed aus Afghanistan drehte Kurzfilme über soziale Tragödien wie Drogensucht oder Rassismus. Eine Dokumentation über einen Mullah, der Kinder in einem Dorf missbrauchte, kam auf den Index. Der Film darf in seinem Heimatland nicht gezeigt werden.

Aus dem fast völlig zerstörten Aleppo ist Alhasi. Er schreibt Tatsachenromane, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Bei seiner Flucht verlor er ein fast fertig ausgearbeitetes Manuskript. Jetzt versucht er verzweifelt, den verschwundenen Text aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Vier Jahre hatte er daran gearbeitet.

Mershad Ghaderi, Jüngster der Gruppe, wohnt erst drei Monate in Stormarn, spricht aber schon erstaunlich gut Deutsch. „Ich besuche noch keinen Kurs, habe mir Lexika gekauft und alles selbst beigebracht. Ich übe die Sprache auch mit U-Tube“, erzählt er. Der 16-Jährige ist ausgebildeter Tontechniker und Theaterschauspieler.

Doch was wäre ein Film ohne die passende Requisite? Hamid Shabazi, der in Afghanistan schon mit jungen Jahren Karriere im IT-Bereich gemacht hat, ist ebenso ein Multitalent und wird diese Aufgabe bei Reinfugee-Film übernehmen. In seinem Heimatland war er im Bereich Modedesign tätig und stattete angehende Eheleute für die Hochzeit aus und sorgte für passende Kostüme für Filmproduktionen.

Bleibt noch Aws Lkaffi. Der Iraker arbeitete im Verteidigungsministerium, bevor er seine Heimatstadt Bagdad verließ. Außer der Tatsache, dass er selbst gern ins Kino geht, ist er der einzige filmtechnische Laie der Gruppe. Und doch spielt er im Ensemble der Crew eine ganz entscheidende Rolle: Er liefert die Idee für den Film, der in den nächsten Monaten entstehen soll. „Es ist wirklich eine sehr traurige und seltsame Geschichte, die sich so tatsächlich ereignet hat“, sagt der 43-Jährige. Sie handele von einer syrischen Familie mit vier Kindern. Sie wird tragischerweise auf der Flucht getrennt. Ausgerechnet das dreijährige Mädchen gelangt aufs Boot, die restliche Familie bleibt zurück. Ein irakisches Ehepaar nimmt sich des Kindes an, für das eine Welt zusammenbricht.

„Keiner weiß, wo es abgeblieben ist. Alle machen sich fürchterliche Sorgen“, sagt Lkaffi.

Ohne Udo-Reichle Röber würden all diese Talente brachliegen. Das Projekt startete er im Rahmen der Flüchtlingssozialarbeit der Diakonie Reinfeld „Wir wollen professionellen und ambitionierten Teilnehmern die Chance bieten, sich auszudrücken. Filme über Flüchtlinge gibt es viele, aber Filmen von Flüchtlingen wurde bisher zu wenig Raum gegeben“, sagt er.

Hilfe zur Integration

Die Diakonie ist seit Anfang 2016 für die soziale Betreuung und Beratung von Flüchtlingen in Reinfeld und Nordstormarn zuständig. Sozialtherapeut Udo Reichle-Röber und der siebensprachige Sprach- und Kulturmittler Emad Al Malak suchen Familien und einzelne Bewohner auf und informieren sie.

Montags gibt es von 9 bis 12 Uhr eine offene Sprechstunde für Flüchtlinge und Integrationshelfer im Gemeindehaus in Reinfeld.

• Info: reinfugees.wordpress.com

Dorothea von Dahlen

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