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Stormarn Die Sache mit den Blumen und Bienen
Lokales Stormarn Die Sache mit den Blumen und Bienen
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22:04 12.06.2017
Magdalena Thams und Florian Bauer sind als Sexualpädagogen für Pro Familia in allen Schulen Stormarns unterwegs. Ihrer Erfahrung nach ist die Nachfrage groß. Quelle: Foto: B. Albrod
Ahrensburg

„Warum sind die Jungs oft so doof?“, „Muss die Frau immer unten liegen?“, „Ist das Baby von einem schwarzen und einem weißen Elternteil halb schwarz, halb weiß?“ Das sind Fragen, die zum Alltag der beiden Sexualpädagogen Magdalena Thams und Florian Bauer gehören.

Seit einem halben Jahr sind sie für die Beratungsstellen von Pro Familia in Ahrensburg und Bad Oldesloe in den 63 Schulen in Stormarn unterwegs, um durch alle Altersklassen als Berater bei sexuellen Fragen zur Verfügung zu stehen. Sie teilen sich eine vom Kreis finanzierte Stelle und sind ausschließlich für die sexualpädagogischen Schulprojekte zuständig. „Darüber sind wir sehr froh, denn so können wir zukünftig dem Bedarf deutlich besser gerecht werden“, sagt Elfriede Rohwedder, Leiterin von Pro Familia Stormarn.

Beratung für alle

Mit dem sexualpädagogischen Angebot hat Pro Familia vergangenes Jahr kreisweit 909 Kinder und Jugendliche erreicht. 1480 Personen wandten sich 2016 mit einem Beratungsanliegen an Pro Familia in Ahrensburg und Bad Oldesloe. Insgesamt hat Pro Familia 2389 Menschen im Kreis unterstützt. Infos unter www.profamilia-sh.de

„Der Bedarf ist groß“, haben auch die beiden Sexualpädagogen beobachtet. „Wir haben schon fast 40 Projekte gemacht und erhalten ständig weitere Anfragen.“ Zusätzlich zum Unterricht sollen sie die biologischen Fakten um die emotionalen Fragestellungen und das Geschlechterverständnis erweitern. „In den Medien werden bestimmte Männlichkeitsbilder und Frauenrollen gezeigt, die nicht der Wahrheit entsprechen“, erläutert Bauer. „Hier muss man die Vorurteile klar machen, es gibt immer noch erstaunlich rückständige Rollenbilder bei Kindern.“ Wo es den Mädchen hauptsächlich um Fragen zur ersten Periode, zu Schwangerschaft und erster Liebe geht, interessieren die Jungen Themen wie der erste Samenerguss oder die Selbstbefriedigung. „Wir wollen das Individuum stärken und die Bedürfnisse für die eigene Sexualität herausarbeiten“, fasst Bauer zusammen.

Dabei werden Themen wie Verhütung oder sexuell übertragbare Krankheiten nicht ausgeklammert, und die Kinder lernen in praktischen Übungen den Umgang mit einem Kondom. „Lachen erlaubt“, lautet ausdrücklich eine Regel, um typische Schülerreaktionen aufzufangen. „Wir bieten auch immer eine Fragerunde an, bei der Mädchen und Jungen getrennt betreut werden“, erklärt Magdalena Thams. „Dann gibt es weniger Hemmungen. Auch Nichtmitmachen ist erlaubt.“ Allerdings habe die Erfahrung gezeigt, dass die meisten Eltern dem Thema aufgeschlossen gegenüberstünden. „Bisher haben wir noch kein Verbot der Teilnahme erlebt.“ Da sie unabhängig vom Unterricht agierten, böten sie den Schülern zudem einen Raum ohne Bewertung.

Genau ausgewertet wird dagegen das Projekt „Eltern auf Probe“, das ab der neunten Klasse angeboten wird und bei dem je zwei Schüler einen Babysimulator für vier Tage und drei Nächte betreuen müssen.

„Hinterher werten wir die Daten aus und sehen, wer sich wie gut um das Kind gekümmert hat“, erläutert Bauer. „Das soll jungen Menschen zeigen, wie ein Leben mit Baby aussehen kann. Sie sollen einen Zugang dazu bekommen und die Verantwortung des Elternseins kennen lernen.“

Der Kreis finanziert darüber hinaus seit 2011 mit 30 000 Euro im Jahr Verhütungsmittel, die auf Antrag bei Pro Familia für Menschen mit Hartz IV und Grundsicherung bezahlt werden. „Das wird sehr gut angenommen“, hat Elfriede Rohwedder beobachtet.

Während die Schularbeit der Sexualpädagogen nun gesichert ist, sieht Elfriede Rohwedder im Bereich der Kindertagesstätten weiteren Bedarf. „Wir werden oft von Kindergärten angesprochen, wenn es zu auffälligen Verhaltensweisen kommt“, sagt die Pro-Familia-Leiterin. „Was sind noch harmlose Doktorspielchen und wo kommt es zu Grenzüberschreitungen? Das sind Fragen, wo eine konzeptionelle Arbeit nötig ist, auch was die Rolle männlicher Erzieher im Kindergarten angeht, die oft unter den Generalverdacht kommen, potenziell übergriffig zu sein.“ Hier sei ein Konzept wichtig, aber das sei noch Zukunftsmusik.

 Bettina Albrod

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