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Die Schadehorner – ein fideles Völkchen

Schadehorn Die Schadehorner – ein fideles Völkchen

Das 156-Seelen-Dorf besteht aus Ortsteilen wie Industriegebiet, Klein Mexiko, Zoo und Vor der Bahn. „Eigentlich sind wir ja nur Straße, kein Dorf“, sagt Marie-Christin Schwarz (26). Sie gehört zu den sehr aktiven Schadehornern und ihre Stimmlage verrät, dass sie mit dieser Auslegung so überhaupt nicht einverstanden ist.

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So geht Nachbarschaft: Maren Kuhlke, Klaus-Dieter Thuns, Marie Schwarz. Fiete Reher, Franziska Gütte, Holger Rittmeyer, Alina Gütte, Heiko Stuhrmann, Peter Kuhlke und Sebastian Rieken (v. l.)

Quelle: Fotos: D. Von Dahlen

Schadehorn.  Verständlich, ist doch in der 156-Seelen-Siedlung mit der grünen Ortstafel mehr los als in manch offiziell anerkanntem Dorf mit gelbem Schild.

LN-Bild

Das 156-Seelen-Dorf besteht aus Ortsteilen wie Industriegebiet, Klein Mexiko, Zoo und Vor der Bahn.

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Von Tristesse sind die Schadehorner weit entfernt. Kein Monat vergeht, da nicht zum Maibaumaufstellen, Fußballturnier, Grillen, Radeln, Feiern oder einer anderen Aktion eingeladen wird. Davon kann sich, wer will, schon bald wieder überzeugen. Am 3. September knattert und qualmt es tüchtig, wenn nostalgische und hochmoderne Trecker den Ort wieder in Beschlag nehmen.

So ein lebendiges Dorfleben entsteht natürlich nur, wenn alle mitziehen. „Jeder trägt sein Scherflein dazu bei, dass wir eine tolle Gemeinschaft sind“, erklärt Maren Kuhlke das Phänomen. „Wenn beim Nachbarn die Rollläden lange Zeit unten sind, schaut man nach. Das hat mit Neugier nichts zu tun. Es kann ja immer sein, dass etwas passiert ist.“ Eine Zeitlang lebte sie mit Ehemann Peter in Bad Oldesloe. Doch bald kehrten die beiden reumütig zurück.

„Wir haben Hase, Igel und Rehe im Garten und Vogelgezwitscher beim Kaffeetrinken auf der Terrasse“, schwärmt Tischler Peter Kuhlke. Im Dorf gibt es kaum einen Haushalt, in dem nicht mindestens ein Carport, eine Terrasse, ein Fenster oder eine Tür von seiner Hand bearbeitet wurde. Eine von allen sehr geschätzte Kreation ist aber die „Schnapslatte“, ein bumerangförmiges Tablett mit Vertiefungen für zehn Gläser, das bei Geburtstagen und anderen Anlässen herumgereicht wird.

Die Zeichen der Zeit sind an Schadehorn indes nicht vorbeigegangen. Von einst 14 Bauernhöfen konnten sich nur wenige halten. Für ein kleines Dorf sind heutzutage aber drei Landwirtschaftsbetriebe schon beachtlich. Als einziger Schweinehalter ist Bernd Haeger übrig geblieben. Mit Ehefrau Petra und Sohn Jan bewirtschaftet er insgesamt 160 Hektar. Holger Rittmeyer betreibt die 265-kW-Biogasanlage im Dorf, in der er Gülle aus der Region verwertet. 130 Schwarzbunte hat Milchbauer Heiko Stuhrmann (46) auf seinem Hof stehen. Er trägt sich mit dem Gedanken, einen Melkroboter anzuschaffen, um künftig wettbewerbsfähiger zu sein. Viele Familien siedelten sich 1953 in Schadehorn an, dem Jahr, das mit Fug und Recht als Stunde Null des heutigen Dorfes bezeichnet werden kann.

Denn der bis dahin existierende Gutshof von Schadehorn wurde im Zuge der Bodenreform von den Briten aufgelöst und als Siedlungsraum für Flüchtlinge aus den Ostgebieten zur Verfügung gestellt.

„Wir waren ja alle Flüchtlinge“, erzählt Louise Gütte, die mit 89 Jahren älteste Einwohnerin des Dorfes. Sie stammt aus Sachsen und zählte zu den Großgrundbesitzern, weshalb ihre Familie aus Angst, verschleppt zu werden, vor den Russen floh.

Stalins Armee im Nacken waren auch Heiko Stuhrmanns Großeltern aus Paterswalde im einstigen Ostpreußen unter großer Gefahr im eisigen Winter des Jahres 1945 unterwegs. Mit dem Pferdewagen überquerten sie das zugefrorene Frische Haff und gelangten nach kräftezehrender Fahrt in mehreren Etappen nach Schadehorn. Dort bauten sie einen 20-Hektar-Betrieb auf mit sieben Kühen, zwei Säuen und Arbeitspferden.

„Alle Siedler haben damals schon eng zusammengearbeitet, sich Maschinen geteilt und am Jahresende dann ein Erntefest gefeiert“, erzählt Heiko Stuhrmann und liefert damit eine wichtige Erklärung, weshalb die Schadehorner ein so geselliges Völkchen mit gut ausgeprägtem Gemeinschaftsgefühl sind. Ein richtiges Erntedankfest mit geflochtener Krone gibt es im Dorf zwar seit Ende der 1980er Jahre nicht mehr, gefeiert wird dennoch.

Als sehr wichtigen Standortfaktor begreifen die Schadehorner auch ihr gutes Wasser, das Quarzsandschichten, Lehme, Ton und Siebe sorgen für eine 1-A-Qualität. „Leute, die uns besuchen kommen, lassen jedes Mineralwasser dafür stehen“, erzählt Marie Schwarz stolz.

Die Schadehorner Bauern wohnen übrigens im „Industriegebiet“ des Ortes, der sich noch in weitere Bezirke wie Mitteldorf, Vor der Bahn, Zoo (Familie Wiggers), Königreich und Klein Mexiko (Heimstätte eines Kakteenhalters) aufgliedert. „Das haben wir uns mal im Spaß so ausgedacht. Wir haben sogar eine eigene Landkarte in Schadehorn“, erzählt Marie Schwarz lachend. Wundert das noch jemanden?

Zuflucht für Mennoniten

1294 wurde Schadehorn erstmals urkundlich erwähnt. 1544 wurden dort wegen ihrer Religion verfolgte Mennoniten angesiedelt. Vom Dreißigjährigen Krieg an gehörte der Ort zum Gutsbezirk Fresenburg. 1627 wurde das Gut verkauft an Hans von Buchwaldt zu Schadehorn, der 1637 auch Höltenklinken von den Rantzaus erwarb. So wurde der adlige Hof mit Altfresenburg sowie späterhin auch Blumendorf vereinigt. Die Güter gingen jedoch ab 1651 in andere Hände.

 Dorothea von Dahlen

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