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Stormarn Die letzten Tage des St.-Jürgen-Hospitals
Lokales Stormarn Die letzten Tage des St.-Jürgen-Hospitals
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21:53 15.07.2016
Das Aus kam von einem Tag auf den anderen: Die pflegebedürftigen Bewohner mussten St. Jürgen innerhalb von drei Wochen räumen. Quelle: Fotos: Mt, Bma

 „Montag ziehen die letzten beiden aus“, sagt Pflegedienstleiterin Tamara Schander und blickt mit verweinten Augen vom Schreibtisch auf. In Bad Oldesloe seien 15 Personen untergekommen, viele in Reinfeld, in Sandesneben, Sülfeld und Bad Segeberg. Eine Dame wurde von ihrer Tochter nach Heidelberg geholt.

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Abschied im Tränenmeer – Bewohner müssen sich jetzt mit Fremden ein Zimmer teilen.

„Keiner von den Stadtverordneten hat sich hier blicken lassen.“Tamara Schander, Pflegedienstleiterin

Doch das sind nur auf den ersten Blick gute Nachrichten. „Viele der alten Menschen sind viel schlechter untergebracht. Bei uns hatten alle ein Einzelzimmer. Aber in ihren neuen Heimen haben etliche nur ein Doppelzimmer abbekommen“, sagt die 58-Jährige. Das heißt: Die betagten St.-Jürgen-Bewohner müssen sich mit wildfremden Menschen ein Zimmer teilen. Ein Recht auf Privatsphäre? Fehlanzeige.

„Das ist schlimm“, sagt Schander, die sich große Sorgen um die alten Menschen macht.

„Wissen Sie, in Hamburg musste jetzt auch ein Heim geschlossen werden, weil Brandschutzanforderungen nicht erfüllt wurden. Aber denen hat man zwei, drei Monate Vorlauf gelassen. In der Zeit kann man den Bewohnern in Ruhe eine neue Unterkunft suchen. Wir hatten gerade mal drei Wochen – die Frist war viel zu kurz, um adäquaten Ersatz zu finden.“ Die Bewohner hätten alle unter Tränen das Haus verlassen, Angehörige und Mitarbeiter seien zutiefst traurig – es sei eine menschliche Tragödie, die sich in St. Jürgen abspiele.

Wer trägt die Verantwortung? „Für mich eindeutig die Stadtverordneten. Keiner von denen hat sich in den vergangenen drei Wochen hier blicken lassen und den alten Menschen in die Augen geschaut“, bedauert Schander und beginnt zu schluchzen. „Aber anderen die Schuld in die Schuhe schieben und den Vorstand dafür verantwortlich machen – das können sie.“ Seit 20 Jahren ist Schander in der Pflege tätig, acht Jahre davon in St. Jürgen. „Ich habe noch nirgendwo erlebt, dass so schäbig über ein Haus gesprochen wurde wie über St. Jürgen.“ Dabei hätte der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) dem Oldesloer Heim immer Bestnoten verliehen. „Um eine Schwimmhalle oder ein KuB zu bauen, dafür ist das Geld in dieser Stadt da. Aber für alte Menschen nicht. Dabei haben diese Leute nach dem Krieg alles aufgebaut – dafür waren sie gut genug.“

Besonders schwer sei ihr der Abschied von einer älteren Dame gefallen, die vor anderthalb Jahren ins Pflegeheim St. Jürgen kam. „Sie hat Essen und Trinken verweigert, hatte keine Zähne und am Körper offene Wunden. Sie wollte einfach nicht mehr.“ Mit dieser Frau habe sie etwas energischer werden müssen. „Ich habe ihr gesagt, dass sie sich nicht mehr ins Bett legen dürfe, bevor sie nicht etwas zu sich nehme.“ Mit ihrer Beharrlichkeit rettete Tamara Schander der Bewohnerin das Leben. „Sie hat wieder gegessen und getrunken, hat sich die Zähne machen lassen, begann sich sogar zu schminken und mit den anderen in die Stadt zu gehen. Als auch sie nun Ade sagen musste, hat sie geweint und gesagt, sie sei total zerrissen.“

Momente, die allen Betroffenen ans Herz gehen. „Wenn etwas Ruhe eingekehrt ist, wollen wir unsere Bewohner in ihren neuen Häusern besuchen. Einmal nach dem Rechten schauen“, wie Schander sagt. Auf ihre Mitarbeiter ist die Pflegedienstleiterin stolz. „Vor den Kollegen ziehe ich meinen Hut. Keiner hat sich krank gemeldet, alle waren da und haben sich um die Bewohner gekümmert.“

Jetzt, da die meisten Menschen ausgezogen seien, würden einige Angestellte bereits woanders zur Probe arbeiten. Auch Schander hat schon Post vom Arbeitsamt bekommen. „Doch eigentlich wünschen wir uns alle, dass jemand kommt, das Haus kauft und den Betrieb weiterführt. Nicht, um Profit daraus zu schlagen, sondern um sich um die alten Leute zu kümmern.“ 90 Prozent der Bewohner würden wieder einziehen, ist sich Schander sicher. „Und viele Mitarbeiter und ich würden auch zurückkommen.“

 Britta Matzen

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