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Stormarn Die unglaubliche Geschichte des Dr. B.
Lokales Stormarn Die unglaubliche Geschichte des Dr. B.
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15:50 24.09.2013
Tatort Salinenstraße: Die Leiche von Frau B. wurde in einer Kartoffelkiste gefunden. Quelle: Foto: Marfels/Kreisarchiv Stormarn

Heidelberg, Bad Oldesloe, Afrika: Das sind die geographischen Koordinaten eines Kriminalthrillers aus den 1960er Jahren, der Polizei, Gerichte und die Bevölkerung über einen langen Zeitraum in Atem hielt — und locker Stoff für einen mehrstündigen Kinofilm bieten würde. Die Hauptrolle spielte darin ein damals so bezeichneter Privatwissenschaftler, der im Verdacht stand, seine Ehefrau umgebracht zu haben.

Erst vier Jahre nach dem vermeintlichen Mord bzw. Totschlag kam es zur Anklage gegen Dr. B. aus Heidelberg und zu einem Aufsehen erregenden Indizienprozess, an dessen Ende der Wissenschaftler aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß kam — nach 19 Monaten und 17 Tagen in Untersuchungshaft. Dabei war der Herr kein Unbekannter vor Gericht. Es lief bereits ein Verfahren gegen ihn wegen Betruges, Unterschlagung und Urkundenfälschung. Ihm wurde vorgeworfen, mehr als 30 Personen um insgesamt etwa 50 000 DM geschädigt zu haben. Aber ein Betrüger ist eben noch lange kein Mörder.

Bad Oldesloe und Lübeck als Gerichtsstandort kamen ins Spiel, weil die Leiche von B.s Ehefrau Herta in Bad Oldesloe gefunden wurde — vergraben in einer Kartoffelkiste unter einem Gartenhaus. Das war im Dezember 1964, Anklage wurde erst anderthalb Jahre später erhoben, als Dr. B. auch bereits in Lübeck wohnte. Der Todeszeitpunkt wurde auf den Juni 1962 taxiert.

Der Anklage vorausgegangen war ein jahrelanges Katz-und- Maus-Spiel, bei dem Herta B. lange vermisst wurde und offenbar von ihrem Ehemann falsche Spuren gelegt wurden. Zu einem Geständnis war Dr. B. jedoch nie zu bewegen. Er beteuerte stets seine Unschuld und lieferte auch vermeintlich gute Argumente für sein Verhalten. Ein weiteres Problem für die Justiz war, dass die Todesursache von Herta B. nie einwandfrei geklärt werden konnte. Mediziner wollten damals auch einen natürlichen Tod nicht ausschließen. Auch ein Motiv fehlte. Das Paar hätte sogar eine auffallend gute Ehe geführt, hieß es von Seiten einiger Nachbarn.

Dass er die Leiche seiner Frau vergraben hatte, gab der Anthropologe ohne Umschweife zu. „Aber ich habe sie nicht umgebracht“, beteuerte der redegewandte Mann immer wieder, hatte für alles eine Erklärung und löste jeden Widerspruch sofort auf.

Die Staatsanwaltschaft war jedoch der Überzeugung, dass B. seine Ehefrau im Juni 1962 in Heidelberg erwürgt oder vergiftet, die Leiche in einem Zinkbehälter verpackt, ihn verlötet und einer Spedition übergeben hatte, damit diese den Behälter in einer Umzugskiste nach Bad Oldesloe brachte.

B.s Version war freilich eine andere: Er versicherte, dass ihn seine Frau 1962 verlassen habe und sie mit einem Algerier nach Nordafrika ausgewandert sei. Seitdem hätte er nichts mehr von ihr gehört oder gesehen, bis ihre Leiche plötzlich in Bad Oldesloe auftauchte — verschnürt in einem Seesack in besagtem Garten einer von ihm gemieteten Villa in der Salinenstraße. Eine andere von ihm verbreitete Version hatte zuvor eine Lungenkrankheit seiner Frau ins Feld geführt. Wegen der guten Luft sei sie nach einer gemeinsamen Afrika- Reise dort geblieben, erzählte der Dr. phil, der auch als Mediziner arbeiten wollte, von der Heidelberger Ärztekammer aber nie zugelassen wurde.

Wie dem auch sei: Er fälschte Postkarten seiner Frau mit Absendeorten in Afrika und erklärte sein Verhalten später folgendermaßen: Er habe die Leiche vergraben, um nicht unter Mordverdacht zu geraten. Er sei zu dem Zeitpunkt hoch verschuldet gewesen und habe zudem gerade eine neue Freundin gehabt. Zu seiner Entlastung führte B. überdies an, er hätte die Leiche ohne Mühe spurlos verschwinden lassen können — wie die Tierkadaver, die bei seinen Arzneimittel-Forschungen anfielen und die er nächtens im Säurebad aufzulösen pflegte. Sein Verteidiger führte weiter aus, dass der Beschuldigte dies nicht über das Herz gebracht habe und er seine Frau in seiner Umgebung behalten wollte.

Trotz all dieser abstrusen Erklärungen hieß es am Ende von Seiten des Amtsgerichts: im Zweifel für den Angeklagten.

M. Carstens

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