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Stormarn Ein Brexit hätte Folgen auch in Stormarn
Lokales Stormarn Ein Brexit hätte Folgen auch in Stormarn
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20:41 16.06.2016
Herose, Geschäftsführender Gesellschafter Dirk M. Zschalich Quelle: Uwe Krog

Wenn sich Großbritannien zum Austritt aus der Europäischen Union entschließe, „wäre das eine schlechte Nachricht für alle Europäer“, sagt Detlev Hinselmann von Stormarns Wirtschafts- und Aufbaugesellschaft (WAS). Für Betriebe im wirtschaftlich starken Stormarn könne das in Einzelfällen unliebsame Folgen haben.

In der Tat sieht sich Dirk Zschalich als Chef des Oldesloer Herstellers für Tieftemperatur-Technik derzeit mit zahlreichen Unwägbarkeiten konfrontiert. Entstanden 1873 in Altona und seit 1994 unter dem Namen Herose als Kombination der Firmen Rose und Hero in Oldesloe ansässig, „haben wir Mitte der neunziger Jahre eine Nische für uns entdeckt“. Die weltweit 270 Mitarbeiter, von denen 240 in der Kreisstadt arbeiten, agieren mit einem Umsatz von 55 Millionen Euro äußerst erfolgreich mit ihren Ventilen und Armaturen für Gase, Dämpfe und Flüssigkeiten in der Tieftemperaturtechnik.

Bei Herose kann es heruntergehen „bis minus 196 Grad“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter. Die Technik an Sauerstoffgeräten und zum Umgang mit flüssigem Stickstoff beim Gefrieren von Lebensmitteln und zur Lagerung von flüssigem Erdgas sind das Metier, in dem sich die Oldesloer bewegen. Dreimal schon hat sich die Firma in der Elly-Heuss-Knapp-Straße vergrößert. „Wir spüren eine Konjunkturbelebung“, sagt der Chef. Sieben Prozent des Umsatzes macht Herose über eine Tochterfirma mittlerweile in England. Doch das unterkühlte Verhältnis der Briten zu Europa und ein Brexit könnte teuer werden. Die in Oldesloe hergestellten Geräte könne er bislang durch EU-Zertifikate problemlos auf die Insel liefern. „Aber was wird, wenn die Briten tatsächlich austreten? Brauchen wir dann neue Zulassungen, oder müssen wir neue technische Standards schaffen? Zertifizierungen kosten Zeit und Geld. Was ist mit den Wechselkursen?“

Aktuell könne Firma Herose ihre Produkte innerhalb von 24 Stunden liefern. Deshalb sorgt er sich ebenso um die nach einem Brexit möglicherweise auch komplizierteren Bedingungen für das Transportwesen. „Wird es dann wieder Zollschranken geben?“ Das würde wieder mehr Bürokratie bedeuten, sagt Nicola Rackebrand, Chefin eines Fuhrunternehmens in Stapelfeld. Immerhin macht sie 36 Prozent des Umsatzes mit Großbritannien. Alle nur denkbaren Güter bringen ihre Lastwagen auf die Insel und holen deren Müll auf den Kontinent, „weil die Briten den nicht selbst entsorgen“. Niemand könne Interesse an einem gestörten Warenverkehr haben. Bei einem Austritt aus der Europäischen Union wird es holprig“, sagt die Unternehmerin. Für Deutschland, für die Briten selbst und die gesamte Europäische Union, zumal ein wesentlicher Nettozahler dann wegfalle. Es werde Jahre dauern, bis sich der Warenverkehr nach einem Brexit normalisiere.

Allerdings fürchtet Unternehmer Dirk Zschalich keinen schlagartigen Einbruch der Geschäfte. Er rechnet mit einem Zeitraum von etwa zwei Jahren, bis Änderungen spürbar würden. Der Austritt der Briten könne allerdings in anderen Ländern Sonderwünsche wecken, könnte einen Nachzieheffekt haben und die Euroskeptiker stärken. Fatale Folgen könnte der Brexit haben für den deutschen Mittelstand, der „massiv vom Euro und der Union profitiert“. Die Agenda 2010, die arbeits- und wirtschaftspolitischen Formen hätten wesentlich zur deutschen Wettbewerbsfähigkeit beigetragen.

Doch ein Unternehmer wie Zschalich setzt nach seinen Gesprächen mit Briten „auf deren Vernunft“. Sie hätten gesagt, dass der Markt für sie in Europa liege. Zschalich rechnet mit einem „knappen Entscheid für Europa“. Und schließlich sei ein Austritt Großbritanniens schwerer für das einzelne Land zu verkraften als für die Europäische Union.

Und ein paar Straßen weiter, wo Thomas Ernst das „letzte Mal vor etwa fünf Jahren“ den Oldesloer Korn beziehungsweise die bekannten Oldesloer Soft-Spirituosen in geringem Umfang auf die Insel exportierte, fürchtet der Unternehmer ganz ähnlich die Folgen eines Brexits weniger für die eigene Firma als viel mehr für Europäische Union. „Ein Austritt der Briten wäre alles andere als wünschenswert.“ Und genauso wie der Armaturenhersteller sieht er eher schwerwiegende Folgen für die britische Wirtschaft. Der Brexit sei gewiss „keine gute Idee“.

 Uwe Krog

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