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Stormarn Ein Rausschmiss mit 91 Jahren
Lokales Stormarn Ein Rausschmiss mit 91 Jahren
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19:14 01.07.2016
Heinz Marzischewski wohnt nur noch wenige Tage in seinem Zimmer. Glücklicherweise hat seine Tochter für den 91-Jährigen einen anderen Heimplatz in Bad Oldesloe gefunden. Am kommenden Mittwoch soll der Zwangsumzug vonstatten gehen. Quelle: Fotos: M. Thormählen

Noch sitzt Heinz Marzischewski in seinem Schaukelstuhl. Doch der 91-Jährige hat schon von seinem Lieblingsplatz aus die gepackten Kisten und Kartons im Visier. Denn in wenigen Tagen wird das St.-Jürgen-Hospital geschlossen, und auch Heinz Marzischewski muss sein schönes Zimmer im zweiten Stock des Wohnbereiches räumen: „Hier habe ich mich immer sehr wohlgefühlt.“

Auch Heinz Marzischewski muss sein Zimmer im Oldesloer St.-Jürgen-Hospital räumen – Das Alten- und Pflegeheim wird in gut zwei Wochen wegen des mangelhaften Brandschutzes geschlossen.

„In meiner Etage gibt es nur ein weiteres Zimmer, das bewohnt ist. Drei weitere stehen aber leer.“ Heinz Marzischewski (91), Bewohner

Tochter Angela Guse mag ihre Empörung nicht verbergen. „Wir sind ganz kurzfristig informiert worden, dass das Heim geschlossen werden muss – und zwar zum 18. Juli. Da waren wir doch schon geschockt“, lautet ihre Kritik. Ihr Vater war vor sieben Jahren in das Gebäude im Herzen der Stadt eingezogen. „Diese Lage ist einfach ideal. Man kann zu Fuß in die Stadt gehen. Mein Vater hat gern ein Café besucht, um sich mit Freunden oder Bekannten zu treffen“, erläutert Angela Guse.

Dieses soziale Umfeld wird mit dem Zwangsumzug verlorengehen – das weiß auch Heinz Marzischewski, der sich darauf eingestellt hatte, seinen Lebensabend in dieser Einrichtung zu verbringen. Er hatte bis zu seinem Einzug sogar eine Wartezeit von mehreren Monaten in Kauf genommen, um ein ganz bestimmtes Zimmer zu bekommen. Und der Senior hat das nicht bereut, wurde er doch mit einem herrlichen Blick mehr als entschädigt. Von seinem Balkon aus sieht er das Mühlrad und den kleinen Platz an der Trave – das eigentliche Herz von Bad Oldesloe.

Und eben in dieser Stadt wollte Heinz Marzischewski für immer bleiben, nachdem er als junger Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt war. Seine alte Heimat Ostpreußen war für ihn verloren, Stormarns Kreisstadt wurde vor 70 Jahren für den ehemaligen Bundesbahn-Schlosser zu seiner zweiten. Im Betreuten Wohnen genoss der Senior die Vollpension mitsamt einer Zimmerreinigung. Und wenn ihn am Abend der Hunger packte, konnte sich Heinz Marzischewski auf dem Herd seiner Küchenzeile ein Spiegelei braten.

Das ist jetzt vorbei – und Tochter Angela Guse hat mittlerweile erkannt, dass hinter der eigentlich glänzenden Fassade nicht alles Gold war: „Es gab schon 2004 Probleme mit dem Brandschutz, weil Auflagen nicht erfüllt wurden. Hätten wir das damals schon gewusst, hätten wir uns vermutlich nach einer Alternative umgesehen.“ Schon damals habe es „keine ehrliche Informationen“ gegeben. Da sei es doch nur eine Folge gewesen, dass jetzt die vom Kreis geforderte und immer noch nicht realisierte Umsetzung der Brandschutzauflagen zur Schließung der Einrichtung führe.

Heinz Marzischewski hat sich auch schon seinen Teil gedacht und eine plausible Erklärung für die finanzielle Schieflage von St. Jürgen. „In meiner Etage gibt es nur ein weiteres Zimmer, das bewohnt ist. Drei weitere stehen aber leer.“ So hat der 91-Jährige auch keinen Nachbarn und ist meistens ganz allein auf den breiten Fluren unterwegs, die zwar schön hell sind, jedoch bei der notwendigen Vermarktung des Gebäudes nicht zur Verbesserung der Einnahmesituation dienten.

Angela Guse hat nach Bekanntwerden der bevorstehenden Heimschließung viele Hebel in Bewegung gesetzt, um für ihren Vater ein neues Zuhause in Bad Oldesloe zu finden: „Es gab dabei aber auch mehrere Absagen aus anderen Altenheimen.“ Glücklicherweise konnte ein Zimmer im Forsthaus am Pölitzer Weg gemietet werden. Sein künftiges Zuhause hat sich der rüstige Senior schon angesehen – es hat ihm gefallen, auch weil Heinz Marzischewski seine Möbel aus dem St.-Jürgen-Hospital mitnehmen kann. Die Einrichtungsgegenstände hat er vor sieben Jahren größtenteils selbst gestaltet und getischlert, und so bleibt bei allem Verlust auch Gewohntes in der neuen Umgebung.

Einen Teil seiner Habe ist schon in Umzugskartons verpackt. Tochter und Schwiegersohn helfen selbstverständlich, damit Heinz Marzischewski am kommenden Mittwoch in das Forsthaus einziehen kann. „Das ist nicht schön für mich. Doch wenn man den Krieg mit seinen Schrecken erlebt hat, dann kann man auch das überstehen“, gibt er ein wenig aus seinem Seelenleben preis. Und vielleicht wird die Feier zu seinem 92. Geburtstag, die in wenigen Tagen ansteht, ja auch ein gelungener Einstand in seinem neuen Zuhause. Zu wünschen wäre es.

Michael Thormählen

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