Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Eine Hamberger Familie auf Zeit
Lokales Stormarn Eine Hamberger Familie auf Zeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:06 23.06.2017
Der kleine Lasse tobt fröhlich über die Wiese. Quelle: Fotos: Anke Dankers
Hamberge

Mit kleinen, flinken Trippelschritten läuft Lasse* die Hofauffahrt in Hamberge entlang. Ein Balanceakt aus Geschwindigkeit und Gleichgewichtsübung, der alle Konzentration des Zweijährigen fordert. Dann umschlingen zwei Kinderhände die Beine der fremden Reporterin. Noch nie war eine Begrüßung so herzlich.

Awo betreut 40 Familien: Leben zwischen Willkommen heißen und Abschiednehmen.

Lasse ist aufgeregt, denn heute geht es um ihn und um die Familie, zu der er seit ein paar Monaten gehört. Im Januar zog er zu Marina und Reinhard Griese, wurde er der kleine Bruder für Annemarie, Cara und Ben*. Bald wohl wird er wieder Abschied nehmen müssen von seiner Familie auf Zeit. Lasse ist eines von 40 Kindern, die die Arbeiterwohlfahrt (Awo) derzeit in Pflegefamilien in Lübeck und Umgebung untergebracht hat. „Kinder in zwei Familien“ nennt sich das Konzept, bei dem Kinder über einen befristeten Zeitraum in Pflegefamilien leben, der Kontakt zur leiblichen Familie aber trotzdem bestehen bleibt. Meist gilt noch zu klären, ob eine Rückkehr in die Ursprungsfamilie möglich ist oder das Kind in einer Langzeitpflegefamilie leben wird. Zwischen Gerichtsgutachten, Familienhilfen oder Zukunftsgesprächen sind es Familien der befristeten Vollzeitpflege, die den Kindern ein Zuhause geben. Es sind Familien wie die Grieses und Kinder wie Lasse.

„Da kommt Mama“, sagt Annemarie zu ihrem kleinen Pflegebruder, während Marina Griese zur Tür hereintritt. Mama, das ist sie seit 19 Jahren und wird es immer wieder. Schon immer wollten sie und ihr Mann ein Haus voller Kinder haben, doch nach den Geburten von Annemarie und Cara blieb der weitere Kindersegen aus.

Durch eine Zeitungsannonce wurde die Familie 2008 auf die befristete Vollzeitpflege aufmerksam und besuchte erste Informationsveranstaltungen. „Ich fand den Gedanken angenehm, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Das Kind fällt und man fängt es auf. Ich dachte das wäre eine gute Möglichkeit, wieder beschäftigt zu sein und ein Stück weit in den Job zurückzukehren“, sagt die gelernte Erzieherin.

Dass neben Liebe geben auch Abschied nehmen zur Pflegschaft auf Zeit gehört, darüber dachte die heute 49-Jährige damals wenig nach.

Nach einigen Kennenlerngesprächen und Schulungen war es dann soweit. Zwei Brüder sollten in die Familie kommen. „Oh, wie war das aufregend“, sagt Marina Griese bei der Erinnerung an diese Zeit.

Unerfahren waren sie, aber trotzdem voller Vorfreude. „Die Anfangszeit ist immer schwierig für die Kinder, die Trennung von dem, was sie kennen. Etwa zwei Wochen dauert das an, dann sind sie ein Stück weit angekommen“, sagt Reinhard Griese heute. Fast zehn Jahre und viele Pflegschaften später, ist das nur eine der Erfahrungen, die die Familie machte. „Wir haben alles durch“, sagt Marina Griese und muss dabei schmunzeln. Mit „alles“ meint sie die unzähligen Kinderlächeln bei den allabendlichen Gute-Nacht-Geschichten, die vielen ersten Schritte, die kleinen und großen Gesten des Ich-Vertraue-Dir, aber auch mal Konflikte und so manchen Abschiedsschmerz. Sie meint die Kinder, die nur kurz blieben und jenes, welches sie nicht mehr gehen lassen wollte.

„Reden wir denn heute nur über Pflegekinder“, fragt Ben genervt. Der Achtjährige würde viel lieber etwas aus seinem Star-Wars-Buch erzählen oder über Pokémon sprechen. Auch Ben kam als Pflegekind zu den Grieses. Er war damals gerade sechs Tage alt. „Damals fanden mich alle süß, aber jetzt bin ich nicht mehr kuschelig“, sagt er und erntet allgemeines Lachen. Mit Ben habe es so gut funktioniert, alle hätten ihn liebgewonnen und so blieb er, erklärt Marina Griese.

Es gibt sie, diese eine Ausnahme. Doch „alle anderen Kinder durchlaufen unsere Familie, dürfen hier Urlaub machen und gehen dann wieder ihren Weg. Mit Trennung hat man gelernt umzugehen“, erzählt die 49-Jährige. Das war nicht immer so. Wie damals bei dem Jungen, der lange in der Familie blieb, weil niemand ihn aufnehmen wollte. „Da dachten wir, den geben wir nicht weiter. Wir machen das Haus zu einem Therapiezentrum.“ Es war, wie sie alle heute sagen, das schwierigste Gehenlassen: „Ich habe Rotz und Wasser geheult, als er ging“, erinnert sich Marina Griese. Doch sie ließ ihn gehen, ganz nach dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe: „Man ist da für das Kind, gibt ihm Aufmerksamkeit und Liebe, aber zeigt ihm gleichzeitig, du schaffst es auch alleine.“ Seitdem nehmen sich die Grieses nach jeder Pflegschaft Pausen und geben sich Zeit, wieder Abstand zu gewinnen. Nur so könne sie eine gute Pflegemutter sein, sagt Marina Griese, „wir brauchen das“.

Und dann, irgendwann, kommt sie zurück, die Lust auf den Kindertrubel im eigenen Haus. Den mögen auch die älteren Geschwister. „Ich find’s cool, es ist immer was los“, sagt Annemarie und ergänzt, „ich glaube, das hat uns alle mehr zusammengeschweißt.“ Das Schönste sei, die Kinder in ihrer Entwicklung zu sehen, sagt Marina Griese. Es sei der bunte Tagesablauf, das Jungbleiben – eben das pure Leben.

Lasse streckt die Hände aus, und murmelt ein leises „Mama“, bevor er auf Marina Grieses Schoß krabbelt. Eine Mama ist Marina Griese für all ihre Kinder, ganz egal ob leiblich oder auf Zeit. „Die Kinder sind noch so klein, das kommt warm rüber. Und eine Mama braucht jedes Kind, egal wo es ist“, sagt sie. Was dieses Wort bedeutet, das weiß Lasse noch nicht. Und es dürfte ihm auch egal sein, so lange da jemand ist, der ihm die Hand reicht, wenn er nach „Mama“ ruft.

*Name wurde von der Redaktion geändert

Pflegefamilien gesucht

Einem Kind die Hand reichen, es so akzeptieren wie es ist und auf seine Bedürfnisse eingehen – das sollte für Pflegefamilien selbstverständlich sein. Ebenfalls wichtig: Belastbarkeit, Engagement und Spontanität. Wer als Pflegefamilie aktiv werden möchte, den lädt die Arbeiterwohlfahrt, Fachdienst „Kinder in zwei Familien“ jeden ersten Mittwoch im Monat um 16 Uhr zum Infoabend in die Moislinger Allee 97 nach Lübeck ein. Weitere Informationen zu den Aufgaben einer Pflegefamilie gibt es auch telefonisch täglich von 9 bis 17 Uhr unter 04 51/504 15 44.

 Anke Dankers

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!