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Stormarn Flüchtlinge kehren Stormarn den Rücken
Lokales Stormarn Flüchtlinge kehren Stormarn den Rücken
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18:20 12.03.2016
Nauwa Saleh von der Migrationssozialberatung berät Flüchtlinge, die über eine Rückkehr nachdenken, und füllt die nötigen Anträge mit ihnen aus. Quelle: Britta Matzen

Immer mehr Flüchtlinge wollen zurück in ihre Heimat. „Jeden Tag kommen Menschen zu uns, die zurückkehren möchten. Die Hauptgruppe sind Iraker. Aber es sind auch zunehmend syrische Flüchtlinge, die in die Türkei, in den Libanon und nach Jordanien ausreisen“, sagt Kirstin Schwarz-Klatt von der Migrationssozialberatung der Diakonie in Bad Oldesloe. Offizielle Zahlen bestätigen die Tendenz: „2015 hatten wir in Stormarn 58 Personen, die freiwillig ausgereist sind. In diesem Jahr haben bereits bis zum 22. Februar 33 Freiwillige Ausreiseanträge gestellt“, sagt Edith Ulferts, Sozialamtsleiterin des Kreises.

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Auf Hoffnung folgt Enttäuschung: Lange Wartezeiten auf Anhörung, zu wenig Privatsphäre in Unterkünften.

Doch exakte Angaben über freiwillige Rückkehrer gibt es nicht. Statistisch erfasst werden nur diejenigen, die sich eine Rückreise nicht leisten können. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg unterstützt Asylbewerber, die keine Eigenmittel haben und in ihr Heimatland zurückkehren möchten. „Sie können die Erstattung der Reisekosten sowie eine Starthilfe für den Wiedereinstieg zu Hause beantragen. Für die Ausreise in den Irak zahlen wir Antragstellern im Durchschnitt 1300 Euro pro Person“, teilt Ulferts mit.

Viele buchen jedoch ihre Flüge auf eigene Rechnung. „Kürzlich war ein Flüchtling bei uns im Reisebüro, der wollte zurück in den Irak, erzählt Petra Buntfuß vom Tui-Reisecenter in Bad Oldesloe. „Da von Hamburg nur Flüge mit Turkish Airlines über Istanbul gehen, war er unsicher, ob er die Türkei überhaupt betreten darf. Die Alternative wäre ein Direktflug in den Irak von Düsseldorf gewesen. Er wollte sich noch mal erkundigen.“ Ansonsten würden aber auch viele in Berlin buchen; da solle es Zentralen geben, die hätten sich auf Rückkehrer spezialisiert.

Alaa Hadrous betreibt eine dieser Zentralen. „Ich wusste ich gar nichts von der Sozialbehörde Lageso, bis eines Tages eine lange Schlange vom Amt bis vor meine Tür reichte“, erzählt der 27-Jährige, dessen Eltern vor Jahrzehnten aus dem Libanon nach Deutschland kamen. Seitdem bekommt er jeden Tag Anrufe von Flüchtlingen auch aus Schleswig-Holstein, die ein Ticket in den Irak möchten. „Von Berlin gibt es Direktflüge in den Irak. 280 Euro kostet der Hinflug aktuell“, so Hadrous. Wer so viel Geld nicht habe, könne auch mit Gold und Silber zahlen. „Den Fall hatte ich schon ein paar Mal.

Warum wollen immer mehr Flüchtlinge Deutschland den Rücken kehren? „Weil sich Perspektivlosigkeit breit macht, und weil die Verfahren so lange dauern“, weiß Schwarz-Klatt, die die Rückkehrwilligen berät. Zudem seien viele mit anderen Vorstellungen hergekommen:„Die haben sich das Asylverfahren in viel kürzerer Zeit vorgestellt. In der Praxis sieht es jedoch so aus, dass sie nach einem halben Jahr noch nicht mal einen Anhörungstermin haben“ Das sei Zeit, in der nicht viel passiere. Bis das Asylverfahren durch sei, dauere es im Schnitt sogar drei bis fünf Jahre. „Auch die Tatsache, dass der Familiennachzug für zwei Jahre ausgesetzt ist, spielt bei der Entscheidung für eine Rückkehr eine Rolle“, erläutert Edith Ulferts.

Manchmal seien es auch sehr private Gründe, so Nauwa Saleh von der Migrationssozialberatung in Bad Oldesloe. Sie berichtet von einem Härtefall. „Ein syrischer Flüchtling, dessen Frau und Kinder in der Heimat zurückgeblieben waren. Die Frau wurde von der IS bedroht. Wenn ihr Mann nicht innerhalb von sechs Monaten zurückkehre, würde sie neu verheiratet werden.“ Der Syrer habe sich große Sorgen gemacht. Für ihn habe man schließlich eine Bamf-Förderung erreichen können, obwohl er nicht in sein Heimatland zurückflog. „Er bekam ein Ticket in die Türkei, von wo aus er die Flucht von seiner Familie organisieren wollte.“

Die meisten seien mit komplett falschen Erwartungen nach Deutschland gekommen, ist Alaa Hadrous‘ Erfahrung. „Viele sind so schockiert. Sie haben nicht gedacht, dass sie keine eigene Wohnung haben und sich stattdessen eine Unterkunft mit anderen Flüchtlingen teilen müssen, wo sie null Privatsphäre haben. Und das über sechs, sieben Monate.“ Das hielten ganz viele einfach nicht aus.

Araber hätten eine andere Vorstellung von unserem Land. „Dass Deutschland ein großzügiger Staat ist, dass alles reibungslos funktioniert — eben auch die Bearbeitung der Asylanträge. Und dass man hier Geld bekommt, ohne arbeiten zu gehen. Das ist das, wofür Deutschland bekannt ist. Und für die Krankenversicherung.“

Hoffnungen, falsche Erwartungen, Enttäuschungen — damit hat Nauwa Saleh täglich zu tun. Nicht nur bei der Arbeit als Migrationssozialberaterin. „Meine Eltern sind aus dem Irak. Vergangenes Jahr wollten viele Bekannte von dort nach Deutschland kommen. Die hatten die Hoffnung, dass das Asylverfahren in zwei, drei Wochen abgeschlossen ist.“ Sie hätten völlig falsche Vorstellungen gehabt, Saleh hätte dann für Aufklärung gesorgt. „Das Problem ist: Wenn etwas erzählt wird, dann macht das im arabisch-sprachigen Raum immer ganz schnell die Runde. Wenn Politiker sagen, Flüchtlinge sind willkommen, dann spricht sich das sofort herum. Ich musste den Menschen dann immer sagen, was es wirklich bedeutet.“

Von Britta Matzen

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