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Stormarn Gregor Gysi: „Fluchtursachen beseitigen“
Lokales Stormarn Gregor Gysi: „Fluchtursachen beseitigen“
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22:05 29.04.2016
Gregor Gysi erwies sich im Gespräch mit Ursula Pepper einmal mehr als begnadeter Redner. Quelle: Bettina Albrod

Im Jahr des Mauerfalls war Gysi Vorsitzender der SED und sorgte nach der Wende dafür, dass sie in der PDS weiterexistierte. Vor ausverkauftem Saal erzählte Gregor Gysi zwei Stunden lang aus seinem Leben.

Auf der Bühne nahm er zunächst als Jurist Platz. „Ich habe 1966 Abitur gemacht und wurde gleichzeitig Facharbeiter für Rinderzucht“, erzählte Gysi — zum System gehörte, dass die Schüler die Arbeiterklasse kennenlernten. „Die Vorteile sind, dass ich künstlich besamen, melken und mit Hornochsen umgehen kann.“ Als jüngster Rechtsanwalt der DDR fand er mit 23 Jahren seine wahre Berufung und rückte in den Fokus der Öffentlichkeit, als er Regimekritiker wie Robert Havemann, Rudolf Bahro und Bärbel Bohley vertrat. Gysi, der schon früh als brillanter Redner galt, überzeugte auch in Ahrensburg durch seinen anschaulichen Erzählstil.

Dann sprach der Politiker, und das in Sentenzen: „Neu war 1988, dass nicht mehr die Alten gingen, sondern die Jungen“ oder „Die Linke hat Deutschland europäisch normalisiert, weil es vorher hier keinen linken Flügel gab.“ Aktuell sieht Gysi im Zerbrechen der EU eine große Gefahr. „Nur die EU verhindert, dass zwischen ihren Mitgliedern Krieg stattfindet.“ Die Regierung sei überfordert, weil sie mit mehreren Krisen auf einmal fertig werden müsse. „Wir müssen die Fluchtursachen beseitigen“, forderte Gysi. Die AfD bekomme nur deshalb so viele Stimmen, weil es in den großen Parteien keine einheitliche Linie gebe. Angesichts der Forderung der AfD, Minarette in Deutschland zu verbieten, warnte Gysi vor einem Religionskrieg, den das herauf beschwören würde. Beifall bekam er für seine Forderung, den Waffenexport zu stoppen und Afrikas Wirtschaft eine Chance zu geben.

Der Privatmann Gysi hat zwei gescheiterte Ehen und drei Herzinfarkte hinter sich, ist der Neffe der Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing und dreifacher Vater. „Ich war einer der ersten alleine erziehenden Väter damals“, so Gysi. „Die Nachbarin wollte mir immer helfen, aber der alleine erziehenden Mutter nebenan nicht.“ So sei damals die Wahrnehmung gewesen. Als er während eines Prozesses gegangen sei, um seinen Sohn aus der Kita abzuholen, habe der Richter ihm nicht geglaubt. Aufgewachsen sei er sehr privilegiert in einer gutbürgerlichen Familie mit vielen Büchern. „Gegenüber hatten sie nur zwei Bücher, die Bibel und ein Kochbuch.“ Der Autor hatte sein eigenes Buch mitgebracht, „Ausstieg links? Eine Bilanz“, das er in der Pause signierte. „Ich bin stolz, mir heute Akzeptanz erarbeitet zu haben“, schloss Gysi.

Von Bettina Albrod

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