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Stormarn Handy-Sucht nimmt zu
Lokales Stormarn Handy-Sucht nimmt zu
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15:44 30.10.2018
Handy-Sucht nimmt auch in Stormarn zu. Quelle: dpa
Ahrensburg

In den Filmen der 60er-Jahre gehörte die Fluppe zum coolen Image: Rauchen war Lifestyle und damit gesellschaftlich akzeptiert. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts von 2011 ist die Zahl der Raucher mittlerweile kontinuierlich zurückgegangen. Früher wurden Vegetarier belächelt, und Veganer kannte man gar nicht, heute richten sich die Restaurants nach ihnen. Einen derartigen Image-Wechsel wünscht sich Jörg Rönnau, Leiter der Therapiehilfe Stormarn in Ahrensburg, auch bei Alkohol und Drogen. „Beim Rauchen und beim Essen ist eine gesellschaftliche Umwertung gelungen, das sollte bei Alkohol und anderen Rauschmitteln auch so sein“, regt er an. „Bei öffentlichen Empfängen sollte gar kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden.“

Vor 25 Jahren wurde die Suchtberatung in Ahrensburg vom Kreis an den Verein Therapiehilfe vergeben, Auslöser war damals der erhöhte Drogenkonsum im Speckgürtel Hamburgs. Mit den Jahren wurde das Angebot auf Menschen mit Alkoholproblemen und so genannten Verhaltenssüchten wie Spiel- und Internetsucht ausgeweitet. „Wer zu uns kommt, hat den ersten Schritt schon geschafft“, erklärt Rönnau. „Er hat akzeptiert, dass er ein Problem hat, und möchte sich helfen lassen.“ Ihr Beratungsangebot richte sich auch an Angehörige, denn die Therapiehilfe bietet Suchtberatung für alle. Die Zahl der Menschen mit Beratungsbedarf steige in Stormarn seit Jahren kontinuierlich an.

Alkoholmissbrauch sinkt

„Früher stand der Alkoholkonsum mit rund 60 Prozent an erster Stelle, heute ist er auf 53 Prozent der Fälle gesunken“, bilanziert Rönnau die Entwicklung in Stormarn. „Bei Cannabis haben wir eine entgegengesetzte Entwicklung, hier ist die Rate von zwölf Prozent in 2008 auf heute 19 Prozent gestiegen.“ Dafür sind Kokain (3,9 Prozent) oder Heroin als harte Drogen weitgehend aus dem Rennen. Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis habe bei der Droge die Hemmschwelle gesenkt, so der Suchtberater. Cannabiskonsum komme bei Jungen wesentlich häufiger vor als bei Mädchen. Alkohol und Drogen würden vor allem bei jungen Menschen und jungen Erwachsenen zunehmend ein Problem.

„Eigentlich kommen Menschen mit einem Alkoholproblem erst ab 30 Jahre zu uns, wenn sich erste gesundheitliche Schäden bemerkbar machen“, erläutert Rönnau. Vorher gelte der Rausch als Partyspaß und sei ein kulturell verankertes Rauschmittel. „Die jungen Leute müssen wir möglichst früh erreichen.“ Denn Alkohol ist krebserzeugend, schädigt das Herz und die Gehirnzellen und zerstört die Leber. „Wir unterscheiden zwischen Spaßkonsumenten, die Lust am Rausch haben, und Problemkonsumenten, die damit aus dem Alltag flüchten. Der erste Schritt ist immer, dass unsere Klienten ihre Lage selber erkennen müssen.“ Das „Ich kann jederzeit aufhören“ sei bereits ein Zeichen für gewohnheitsmäßigen Rauschmittelkonsum. „Die Betroffenen müssen erkennen, dass sie die Quelle des Handelns sind und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können.“

Bei Drogen führe es oft diejenigen in die Beratung, die merken würden, dass sie von Cannabis immer häufiger auf härtere Drogen umsteigen. Relativ neu sei das Thema der Handy-Sucht, die wie die Spielsucht dadurch gefördert werde, dass die Aktionen im Glückszentrum des Hirns verankert seien, so dass die Leute nur schwer davon loskämen. „Es ist unrealistisch, aber Spieler denken immer, dass sie nur noch einen Einsatz vom großen Gewinn entfernt sind.“ Auch hier wächst die Zahl der Beratungen im Kreis.

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Den größten Gewinn erzielen sie, wenn sie sich beraten lassen. „Wir brauchen eine enge Vernetzung aller Stellen und Kontakt zu den betroffenen Menschen“, betont Rönnau. Hier sei die Rolle der Hausärzte wichtig, die erkennen könnten, wann Substanzmissbrauch vorliege und wann die Patienten Beratung brauchten. Die Therapiehilfe erzielt in Ahrensburg rund 60 Prozent Erfolge, schätzt Rönnau, hat aber auch diejenigen im Blick, die aus der Gesellschaft fallen. „Wir können nur die beraten, die zu uns kommen, es gibt aber noch viele Menschen, die gar nicht in Erscheinung treten.“ Hier sei es Aufgabe der Gesellschaft, auch denjenigen zu helfen, die es von alleine nicht schaffen.

„Die Krankenkassen sollten mehr Kampagnen zur Gesundheit machen, gerade beim Thema Alkohol“, wünscht Rönnau. Sensibilisierung für das Thema Sucht sei wichtig. Auch seien Ärzte der Schlüssel zur Mobilisierung, sobald sie Suchtverhalten erkennen. Gut wäre auch beim Alkohol der Imagewandel, der beim Rauchen schon gelungen ist. Dann bestellt James Bond künftig Möhrensaft - gerührt, nicht geschüttelt.

Hier gibt es Hilfe

Die Beratungsangebote der Therapiehilfe sind niedrigschwellig. Deshalb werden in den drei Beratungsstellen in Ahrensburg, Bargteheide und Bad Oldesloe jeweils offene Sprechzeiten angeboten. Sie sind unter www.therapiehilfe.de online abrufbar. Aber es gibt auch die Möglichkeit, Einzeltermine abzusprechen. Die Gespräche sind kostenlos und vertraulich.

Bettina Albrod

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