Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn „Im Oktober sind wir am Ende“
Lokales Stormarn „Im Oktober sind wir am Ende“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 03.08.2015
Henning Görtz, Bürgermeister von Bargteheide.

Wo gibt es günstige Wohnungen im Kreis Stormarn? Wo können die vielen Asylbewerber und Flüchtlinge untergebracht werden. Diese Fragen treiben viele Kommunen um. Die Antworten sind schwierig. 1244 Asylbewerber leben zurzeit im Kreis Stormarn, die Zahl steigt stetig jede Woche. Bis zum Jahresende, so eine Prognose vom Kreis, könnten es 2345 Menschen werden, wenn nicht sogar mehr. Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, Menschen die auf ein neues Leben in Deutschland, im Kreis Stormarn hoffen. Diese hohe Flüchtlingszahl bereitet den Kommunen im Kreis zunehmend Kopfschmerzen.

„Es sieht ganz schlecht aus“, erklärt der Bürgermeister von Bad Oldesloe, Tassilo von Bary. Etwa 140 Asylbewerber lebten mittlerweile in der Stadt, jede Woche kämen zwischen zehn und 14 hinzu. „Jeden Montag — an dem Tag wird uns gemeldet, wie viele Personen eine Woche später zu uns kommen — bekommen wir Panik.“

Bisher sei noch kein Flüchtling auf der Straße gelandet, aber „bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper. „Wir stehen auch in Konkurrenz zu den anderen Menschen, die eine günstige Wohnung brauchen. Das wird nicht mehr lange gut gehen. Im Oktober sind wir am Ende“, glaubt der Verwaltungschef. Der Verein Haus und Grund habe ordentlich die Werbetrommel gerührt, einige Vermieter hätten sich von sich aus gemeldet. Das sei toll, aber auf Dauer reiche das leider nicht aus. Im Bauamt werde bereits an Alternativen gearbeitet. Nachgedacht würde beispielsweise über Modulbauten oder Häuser in Holzständerbauweise.

Probleme gebe es aber nicht nur bei der Unterbringung, unterstreicht von Bary: „Die Sozialkaufhäuser sind leer.“ Die Menschen bräuchten aber Betten, Möbel, Haushaltssachen als Erstausstattung.

„Mittlerweile kaufen die Bauhofmitarbeiter ein, denn das sind Mengen, die mit einem kleinen Dienstwagen nicht gehen. Mitarbeiterinnen aus der Verwaltung packen Taschen.“

Die große Anzahl der Flüchtlinge stellt auch Ahrensburg vor eine große Herausforderung. Die Stadt plant daher, neue Übergangswohnungen zu bauen, sucht jedoch auch nach Wohnraum im allgemeinen Wohnungsmarkt. Allein Ende Juni diesen Jahres lebten bereits 144 Flüchtlinge in der Stadt. „Der Kreis“, berichtet der Leiter des Fachdienstes Soziale Hilfen, Michael Cyrkel, „leitet wöchentlich bis zu 40 Menschen weiter, die bei ihm landen.

Unser Problem ist, dass wir höhere Mieten zu wuppen haben als andere Kommunen im Kreis Stormarn.“ Cyrkel kann dank der Entscheidung der Stadtpolitiker gegensteuern: Die eingesparte Erhöhung der Kreisumlage fließt in die Anmietung von Wohnungen. „Sie haben beschlossen, dass wir Wohnungen anmieten können zu Konditionen, die erst ab kommendem Jahr gelten, wenn die neuen Wohngeldtabellen gelten“, so Cyrkel.

Auch im Amt Trittau wachsen die Zahlen enorm. „Zurzeit haben wir genau 100 Asylbewerber, den Prognosen nach könnte die Zahl auf 192 Flüchtlinge zum Jahresende steigen“, sagt Katja Rihm vom Fachdienst Soziale Hilfen. Und würde sich damit, im Vergleich zum Vorjahr, verdoppeln. Die Menschen leben verteilt im Amt, in den Gemeinden Trittau, Grönwohld, Großensee, Lütjensee und Hamfelde. „Im Moment sind wir mit den Unterkünften noch ganz gut davor“, so Rihm. Von den umliegenden Gemeinden gibt es Unterstützung. So hat sich beispielsweise Großensee bereit erklärt, dem Amt bei Bedarf den Bolzplatz am Sportplatz für den Bau von Mobilheimen zur Verfügung zu stellen.

126 Asylbewerber leben in Bargteheide. Die Stadt, die bisher unter anderem zwölf Wohnungen anmieten konnte und ein Haus gekauft hat, wappnet sich für das, was noch kommen wird in diesem Jahr. „Wir rechnen damit, dass noch etwa 50 Personen kommen bis Ende 2015“, so Bürgermeister Dr. Henning Görtz. Deshalb werden in den kommenden Wochen acht Mobilheime aufgestellt, in denen jeweils bis zu vier Personen untergebracht werden.

„Wir denken auch über die Errichtung weiterer Wohneinheiten in 2016 nach“, so Görtz. Mittelfristig werde zusätzlicher sozialer Wohnungsbau nötig sein. Den Bürgermeister freut bei allen Sorgen, dass die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen in seiner Stadt weiter gut ist. Er ist dankbar für die Mitglieder des Netzwerkes, die sich ehrenamtlich kümmern. „Im Rahmen der normalen Verwaltungstätigkeit ist das weder zu leisten noch zu finanzieren.“

Mit der Integrationspauschale neue Wege gehen

1244 Asylbewerber leben derzeit im Kreis Stormarn. Bis zum Jahresende könnten es 2345 Menschen werden. Insgesamt ist die Zahl der neuen Asylbewerber im Land bis Ende Juli bereits höher als im gesamten vergangenen Jahr. Etwa 9000 Menschen sind bisher in den Norden gekommen, 2014 waren es 7620. Innenminister Stefan Studt rechnet damit, dass in diesem Jahr bis zu 20000 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein kommen.
900 Euro gibt es seit dem 1. Juli für die Betreuung von Flüchtlingen. Das Land zahlt diese Integrationspauschale einmalig pro Person direkt an die Kommunen. Zuvor waren es 63 Euro pro Kopf und Quartal. Durch diese neue Regelung ist allerdings fraglich, ob die Migrationsberatungsstelle der Diakonie in Bad Oldesloe, die die Gemeinden bisher fachlich unterstützt hat, auch 2016 weiter arbeiten kann. Bisher ging das Geld nämlich an die Diakonie.

K. Kuhlmann-Schultz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige