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Stormarn „In jeder Frau steckt eine Löwin“
Lokales Stormarn „In jeder Frau steckt eine Löwin“
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09:39 19.01.2016
„Viele Männer verhalten sich gegenüber Frauen gewalttätig.“ Michaela Wagner, Trainerin

Überrascht war Michaela Wagner nicht, als sie von sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht hörte. Dass die Gewalt aber solche Ausmaße hatte, dass Tausende junge Männer in Hamburg, Köln und anderen Städten zeitgleich wie auf Verabredung agierten, stellte auch für sie etwas ganz Neues dar.

„Es gibt immer wieder Männer, die sich gewalttätig gegenüber Frauen verhalten. Dabei spielen weder Nationalität noch Alter eine Rolle“, sagt die Trainerin für Selbstverteidigung und Selbstbehauptung aus Tremsbüttel. In ihre Kurse kämen oft auch Opfer sexuellen Missbrauchs und anderer Gewaltexzesse. Was die Silvesternacht anbelangt, so bedürfe es einer eingehenden Recherche, welche Gruppen im Internet zu solchen Flashmobs aufgerufen hätten und warum. Antworten ließen sich möglicherweise aus Netzwerken von Polizei sowie Sozialpädagogen aus Jugendclubs erfahren, zu denen sie Kontakt pflege.

„Meist geht es darum, Macht und sexuelle Erniedrigung ausüben zu können“, weiß Michaela Wagner zu berichten.

Mit 18 machte sie selbst eine Erfahrung, auf die sie gern verzichtet hätte. Während eines Tunesienaufenthalts wurde sie am Strand bedrängt. Was der Angreifer nicht wissen konnte: die zierliche junge Frau, gerade einmal 1,60 Meter groß, praktizierte seit ihrem neunten Lebensjahr Taekwon-Do. Blitzschnell hatte sie den Angreifer abgewehrt. Einen weiteren Versuch wagte er daraufhin nicht mehr.

Für Michaela Wagner war dies ein Schlüsselerlebnis. Wieder daheim nahm sie gleich Kontakt zur Gleichstellungsbeauftragten ihres damaligen Heimatortes Gütersloh auf, um mit ihrer Hilfe Selbstverteidigungskurse organisieren zu können. Gemeinsam mit einer Kommissarin, den Schulen, Jugendzentren und der Volkshochschule begann sie 1992 mit dem Unterrichten.

„Ich bin keine Feministin. Aber ich habe eine starke soziale Ader“, sagt die 44-Jährige. Obgleich sie als Eventmanagerin nicht über Langeweile klagen kann, engagiert sie sich nebenbei, um Mädchen und junge Frauen den Rücken zu stärken, auf dass sie bedrohlichen Situationen nicht länger hilflos ausgeliefert sind. „Die meisten schätzen sich selbst als schüchtern ein, aber in jeder Frau steckt auch eine Löwin. Es geht darum, die eigene Kraft zu entdecken und sinnvoll einzusetzen“, sagt Michaela Wagner. Denn gewalttätige Männer suchten sich stets Frauen aus, die schon nach außen hin signalisieren, dass sie schwach sind. Deshalb gelte es, ihr Auftreten zu verändern.

Sechs Abwehrtechniken vermittelt die Trainerin ihren Schülerinnen. Damit diese das Erlernte unter möglichst realistischen Bedingungen ausprobieren können, schlüpft Wagner selbst in die Rolle eines Täters. „Wer denkt, man hätte Zeit, den Gegner zu Boden zu werfen, irrt. Die Reaktion muss schnell sein: verteidigen und weg. Deshalb gilt es, die Schwachstellen des Gegenübers zu treffen“, sagt Michaela Wagner.

Genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger ist der psychologische Aspekt beim Training. Damit sie auch in extremen Situationen handlungsfähig bleiben, betrachtet Michaela Wagner mit ihren Schülerinnen das Phänomen Gewalt auf nüchterne Weise. Gemeinsam analysieren sie, von wem Bedrohungen ausgehen und welche Reaktion die effektivste ist. „Wichtig ist, eine Situation von Beginn an richtig einzuschätzen. Die Mädchen lernen ihr Umfeld zu beobachten, wenn sie auf eine Party oder sich außerhalb treffen. Sie bekommen einen Blick dafür, wann es besser ist, zu gehen“, erklärt Wagner.

Das sei auch ihr eigenes Motto, sagt die Deutsche Meisterin im Taekwon-Do. Sie versucht Konflikte zu vermeiden statt zu suchen.

Wagner hofft zudem auf eine Reform des Strafrechts: „Zurzeit liegt die Beweislast im Fall von Gewaltdelikten eher bei der Frau. Ein Vergewaltiger kommt meist mit einer geringen Strafe davon. Die Frau als Opfer trägt dagegen einen großen psychischen Schaden davon.“

• Weitere Informationen unter www.selbstverteidigung-wagner.de

Dorothea von Dahlen

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