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Kein Asyl: Albanische Familie abgeschoben

Bad Oldesloe Kein Asyl: Albanische Familie abgeschoben

Dr. Dieter Sielmann rührt das Schicksal von Flüchtlingen, die aus humanitären Gründen nach Oldesloe kamen.

Bad Oldesloe. Arjeta Bega (36) ist inzwischen weg. Die Albanerin wurde abgeschoben und muss jetzt wieder mit den Gegebenheiten in ihrem Heimatland zurechtkommen. Ihr Mann Gezim (48) und ihre beiden Kinder Riza und Agda (8), mussten ebenfalls die Rückreise antreten. Das trifft nicht nur die Vier hart, auch der Bad Oldesloer Hausarzt Dr. Dieter Sielmann findet kaum Worte für das, was der Familie, die bei ihm im Haus eine Wohnung hatte, in den vergangenen drei Wochen passiert ist. „Ich vermisse die Menschlichkeit“, klagt er, ringt um Fassung. Denn der kleine Riza ist krank. Er ist Autist und auch die Mutter Arjeta ist nicht gesund, sie leidet an Depressionen und hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich.

 

LN-Bild

Arjeta Bega, die mittlerweile wieder in Albanien ist, mit ihrem Fürsprecher Dr. Dieter Sielmann.

Es sind traumatische Erfahrungen, die Sielmann am 27. Juli gemacht hat, traumatisch auch für die Familie Bega: Um 5.30 Uhr klingelt die Polizei an der Haustür, die Familie soll abgeschoben werden.

Alle Rechtsmittel sind ausgeschöpft, es gibt keine Alternative. „Der Mann hat gesagt, sie müssen packen, in einer halben Stunde fahren wir los“, erinnert sich Arjeta Bega. Sie erklärt, „es war ein Schock.“ Mit allen Mitteln hat sie versucht, die Abschiebung abzuwenden, hat sich auf die Straße gelegt und in ihrer Verzweiflung während der Fahrt zum Flughafen alle Medikamente genommen, die sie bei sich hatte. Genützt hat es nichts, sie wurde von ihrer Familie getrennt und kam ins Krankenhaus. Ihr Mann und ihre Kinder wurden am 27. Juli ohne sie abgeschoben. Arjeta Bega verließ Deutschland in Richtung Albanien am 10. August. Die LN konnten vorher noch mit ihr sprechen.

„Wir wollten bleiben, in Albanien gibt es keine Chance für meinen Sohn, dort gibt es keine Schule, keine Therapie, keine Hilfe. Mein Mann hätte eine Arbeitsstelle gehabt“, erzählt Bega sichtlich angespannt. Die Krankheit ihres Sohnes, der starke Autismus, war der einzige Grund, warum die Familie im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen ist. Humanitäre Hilfe hat sie gesucht – und bekommen. Riza ging in Ahrensburg auf die Woldenhornschule, seine gesunde Zwillingsschwester auf die Stadtschule in Bad Oldesloe. „Als mein Sohn in die Schule kam, war ich die glücklichste Mutter der Welt“, erzählt Bega. Das bestätigt Dr. Sielmann, der den Jungen medizinisch betreut hat. „Riza hat man eine Besserung angemerkt. Er war wesentlich ruhiger geworden“.

Die Familie habe jetzt ein Jahr hier gelebt, „warum wird den Menschen nicht gleich gesagt, dass sie sowieso keine Chance haben? Diese Dramatik braucht doch keiner.“ Sielmann fragt nach den Verantwortlichen, kann nicht fassen, dass eine Familie mit dieser Problematik abgeschoben wird. Die niemandem auf der Tasche liegen, die ihr Geld selbst verdienen wollte.

Kirstin Schwarz-Klatt von der Migrationsberatungsstelle der Diakonie kann erklären, wer für diese Abschiebungen zuständig ist: „Es ist Bundespolitik, die durch die Länder umgesetzt werden muss.“

Stichwort ist die Umsetzung des Asylpaketes II, die eine Verschärfung im Asylbereich zur Folge hat. Zudem gelten die Balkanstaaten seit 2015 als sogenannte sichere Herkunftsländer.

Bei den Menschen aus diesen Ländern, so Schwarz-Klatt weiter, fielen die Asylgründe weg, auch humanitäre Gründe würden nicht mehr gelten. „Bei den Dublin-Verfahren haben wir das genauso“, so die Fachfrau. Soll heißen, die Asylbewerber werden in die Länder abgeschoben, in die sie nachweislich zuerst eingereist sind. Nur dort kann das Asylverfahren durchgeführt werden. „Die Umsetzung gerade im Rahmen des Asylpakets II ist dramatisch zu spüren. Wir sind besorgt.“ Gutachten würden keine Berücksichtigung mehr finden, auch Traumatisierungen nicht.

Dass die Familie Bega bei der Abschiebung getrennt wurde, ist für Schwarz-Klatt ein neuer Höhepunkt in der Abschiebepraxis. „Das hat es in Schleswig-Holstein so noch nicht gegeben. Das Land hat immer gesagt, Familien werden nicht getrennt.“ Der Anwalt der Begas will sich der Sache noch einmal annehmen. Ändern wird es nichts. Dieter Sielmann, der um die Gesundheit sowohl der Mutter als auch des Sohnes besorgt ist, sucht mittlerweile einen Weg, sie zurückzuholen. „Wir werden das angehen.“ Schnell wird das nicht gehen, bei Abschiebungen gilt eine Einreisesperre von 30 Monaten.

Schon 27 Abschiebungen

2015 gab es keine Abschiebungen , dafür aber 50 freiwillige Ausreisen in den Westbalkan (Albanien, Mazedonien, Kosovo und Serbien). Wer freiwillig geht, hat eine Einreisesperre von zehn Monaten. 2016gab es bisher 27 Abschiebungen und in etwa 180 freiwillige Ausreisen. In etwa 180, da der Kreis noch nicht in allen Fällen die „Grenzübertrittsbescheinigungen“ erhalten hat. Unsicher ist, ob die Personen ausgereist sind. Bei Abschiebungen gilt eine Einreisesperre von 30 Monaten. Vor Wiedereinreise müssen die Abschiebekosten beglichen werden.

K. Kuhlmann-Schultz

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