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Stormarn Kiel hat Angst vor Klage: DaZ-Lehrerin muss pausieren
Lokales Stormarn Kiel hat Angst vor Klage: DaZ-Lehrerin muss pausieren
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08:01 21.12.2017
Das Bild sagt mehr als tausend Worte: Die Kinder aus dem DaZ-Bereich an der Oldesloer Stadtschule sind begeistert von ihrer Lehrerin Christiane Schutt und möchten sie auch in Zukunft nicht missen. Quelle: Von Dahlen/ln-Archiv
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Bad Oldesloe

Seit 2015 betreut die Oldesloerin Mädchen und Jungen aus Familien, die den Gefahren von Bürgerkrieg und Verfolgung in ihrer Heimat gerade noch entkommen konnten und nach Deutschland geflüchtet sind.

Die Bestimmungen aus Kiel treffen die Oldesloerin Christiane Schutt hart. Ihr Vertrag als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) an der Stadtschule soll ab dem 31. Januar nicht verlängert werden. Sie ist gezwungen, ein halbes Jahr zu pausieren. Das stürzt sie in finanzelle Not.

Sie gibt ihren Schützlingen Sprachunterricht und nicht nur das. Denn während dieser zweieinhalb Jahre hat sie die Erfahrung gemacht, dass es mit dem Vokabelpauken allein nicht getan ist.

„Es reicht nicht, den Kindern etwas auf Deutsch einzuhämmern“, erzählt Christiane Schutt. „Wenn ein Kind am Tisch einschläft, weint oder ohne Entschuldigung gar nicht mehr herkommt, kann ich das nicht einfach ignorieren.“ Einige der Kleinen hätten Schlimmes auf der Flucht erlebt, seien traumatisiert. Um zu wissen, was mit ihnen los ist, habe sie gemeinsam mit ihrer Kollegin die Familien besucht. „Wir haben auch Kontakt zu Psychologen aufgenommen, um den traumatisierten Kindern zu helfen, aber die hatten keine Zeit“, erzählt die 49-Jährige.

Für die DaZ-Lehrerin war schnell klar, dass sie auch das Umfeld der ihr anvertrauten Mädchen und Jungen im Blick haben muss, wenn die Integration gelingen soll. Vieles hat sie schon gemeinsam mit ihrer Kollegin bewirkt, unter anderem dass jetzt viele der Eltern Deutschkurse belegen. Eines ihrer großen Anliegen war es auch, möglichst rasch Kontakt zwischen jungen Migranten und gleichaltrigen Stormarnern herzustellen. „Wir haben die Kids wochenlang zum Fußball gefahren und abgeholt. Denn Sport ist sehr wichtig für die Integration“, sagt Christiane Schutt.

Umso frustrierter ist sie jetzt, dass dieses Engagement so mir nichts dir nichts ins Leere laufen soll. Denn DaZ-Mitarbeiter ohne Studium bekommen nur halbjährige Verträge vom Land Schleswig-Holstein und dies nur fünfmal in Folge. „Mir wurde gesagt, ich muss ein halbes Jahr pausieren, sonst könnte ich mich einklagen und eine unbefristete Stelle verlangen“, berichtet die Oldesloerin.

Das bestätigt auch Sabine Prinz, Leiterin der Stadtschule. Nach den geltenden Rahmenbedingungen könnten derzeit nur Personen, die auf Lehramt studiert und eine Referendariatszeit absolviert haben, in eine Festanstellung übernommen werden. Alle anderen dürften demnach nur auf Vertragsbasis für sechs Monate und dann auch nur zweieinhalb Jahre durchgehend im DaZ-Bereich arbeiten, weil sie sonst Anspruch auf eine dauerhafte Stellung hätten.

Ohne Hochschulstudium keine feste Anstellung

„Das müssen wir akzeptieren. Aber wir bedauern das sehr, weil wir einfach wissen, dass Christiane Schutt hervorragende Arbeit geleistet hat. Sie ist ein Mensch, der offen und anderen zugewandt ist, stets bereit, nach Lösungsansätzen zu suchen“, sagt Sabine Prinz. Menschen mit einem so großen Engagement, das ein hohes Maß an Energie und Belastbarkeit erfordere, seien nicht leicht zu finden. Denn die Arbeit in den DaZ-Klassen sei absolut nicht mit dem Unterricht im geschützten Raum einer regulären Schule zu vergleichen, abgesehen davon, dass kaum eines der Kinder je eine Schule von innen gesehen habe. „Diese Kinder kannten bisher nur geboren werden und auf der Flucht sein.“ Alles in allem sei es höchst bedauerlich, wenn das Land eine so kompetente DaZ-Kraft ziehen lasse.

Christiane Schutt, selbst Mutter von vier Kindern, hatte nie die Chance, ein Studium abzuschließen, welches ihr ein pädagogisches Zertifikat an die Hand gegeben hätte. Ihr Wissen und ihre didaktischen Fähigkeiten hat sie nach und nach in außeruniversitären Qualifizierungen erworben. Abgesehen davon, dass sie als Vertretungslehrerin an der Stadtschule im Ganztagsunterricht Yoga und kreatives Werken unterrichtet hat, bildete sie sich neben dieser Tätigkeit stetig weiter.

Sie erwarb die Schwimmlehrerlizenz, da gerade in diesem Bereich Fachkräfte an den Schulen fehlen. Zudem absolviert sie derzeit eine Ausbildung zur Humanistischen Psychotherapeutin mit begleitendem Heilpraktikerschein. „Ich könnte irgendwann eine eigene Praxis eröffnen. Aber ich merke, dass ich mich sehr weit entferne von dem, was ich eigentlich machen will, der Arbeit mit Kindern“, sagt die Oldesloerin.

Aus dem Bildungsministerium kam gestern keine konkrete Stellungnahme zu ihrem Fall mit dem Hinweis, der Datenschutz müsse gewahrt bleiben, wohl aber eine allgemeine Belehrung. Nur in Fällen, in denen es in einer Ausschreibung nicht gelinge, ausgebildete Lehrkräfte zu finden, könne es dazu kommen, dass weniger qualifizierte Personen beschäftigt werden. Das sei aber nur mit befristeten Verträgen möglich, um voll ausgebildeten Lehrern bei einer erneuten Ausschreibung den Vorrang einzuräumen. Zum 31. Januar seien wieder junge Lehrkräfte mit der Ausbildung fertig. Unbefristete Beschäftigungen oder Quereinstiege seien ohne wissenschaftliche Qualifikation nicht möglich.

Dennoch räumt man in Kiel ein, dass in manchen Fällen bewährte ausscheidende Kräfte, die nicht voll qualifiziert sind, als Schulassistenzen beschäftigt werden können. Ganz hoffnungslos scheint die Lage für Christiane Schutt nicht zu sein. Doch das Hoffen und Bangen der Oldesloerin geht erst einmal weiter. Noch weiß sie nicht, ob ihr die Chance einer Schulassistenz eingeräumt wird.

 Von Dorothea von Dahlen

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