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Stormarn Erinnerungen an die Kindheit auf dem Gut
Lokales Stormarn Erinnerungen an die Kindheit auf dem Gut
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08:52 20.01.2019
Kutscher Paul Borrs war bestens bekannt auf Gut Altfresenburg. Quelle: PRIVAT
Bad Oldesloe

Der Kutscher Paul ist vielen Besuchern des Ehemaligen-Treffs im großen Saal des Herrenhauses Altfresenburg noch ein Begriff. Mit am besten weiß Werner Neukranz (87) über den Kutscher Bescheid. Denn Paul war einst der Fahrer seines Großvaters, des langjährigen Gutsinspektors. Ein altes Foto zeigt den Kutscher mit seinem Pferd und hinten auf der Bank Werner Neukranz als Knirps. Zu dem Treffen hatte der Verein KulturGut Altfresenburg Gäste eingeladen, die auf dem Gutsgelände aufgewachsen sind, gearbeitet haben oder als einer der rund 90 Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg eine Bleibe auf Zeit fanden.

Werner Neukranz gehört zu denjenigen, die auf dem Gut geboren und aufgewachsen sind. Sein Großvater Georg Neukranz war von 1892 bis 1946 Gutsinspektor von Altfresenburg und Blumendorf, sein Vater Heinz einige Zeit unter dem Inspektor und kurze Zeit allein Verwalter auf Gut Altfresenburg. Neukranz: „Ich bin im Haus am Teich geboren. Altfresenburg ist mein erstes Zuhause. 20 Jahre habe ich hier gewohnt“, erzählt der 87-Jährige. Gleich hinter dem Teich stand sein Elternhaus, sein Geburtshaus. „Im Schloss haben wir gespielt“, sagt er. Denn damals wurde das Herrenhaus noch als Schloss bezeichnet. Im Erdgeschoss, gleich neben dem historischen Saal, in dem das Treffen stattfindet, habe eine Erzieherin gewohnt, deren Tochter im selben Alter war wie er.

Ihre Kindheit auf Gut Altfresenburg ist für viele einstige Bewohner mit schönen Erinnerungen verknüpft.

Insbesondere die Freiheit auf dem Gutsgelände ist das, was ihm und den anderen in ihrer Kindheit so gefallen hat. „Als Kind habe ich in den Sommerferien bei der Ernte geholfen“, erinnert sich Neukranz. „Es gab zwölf Pfennige die Stunde. Das weiß ich noch“, ergänzt der 87-Jährige. Samstagmittag sei dann der Wochenlohn ausgezahlt worden. Für ihn und die anderen Kinder seien „5,6 Reichsmark zusammengekommen. Aber wir waren stolz.“ Er selbst habe später Landwirtschaft gelernt und ab 1952 eine Landwirtschaftsstelle in Neufresenburg gehabt, die jetzt sein Sohn weiterführe.

Werner Neukranz mit dem Foto seines Großvaters und seiner Ehefrau Quelle: SUSANNA FOFANA

Hermann Faak (83) stammt aus Masuren und lebte als Flüchtling auf dem Gut. „Ende 1944 mussten wir flüchten“, berichtet er. Damals war er acht Jahre alt. Ein Zug brachte die Mutter mit den vier Kindern bis nach Bad Oldesloe. Im Februar 1945 zogen die Flüchtlinge ins Herrenhaus Altfresenburg ein. Dort bewohnte die Familie zwei Räume mit Kochgelegenheit, darunter das alte Kaminzimmer im Erdgeschoss. Feuerholz wurde aus dem nahen Wald geholt. „Steckrüben am laufenden Band und Hunger“ sind die Dinge, an die Faak sich noch immer recht deutlich erinnert. „Ich kann heute noch keine Steckrüben riechen“, verrät der 83-Jährige. Trotz allem: „Es waren meine besten Kinderjahre hier. Mit viel Freiheiten, Rumtoben, Wald und Bademöglichkeit. Ich komme sehr häufig hierher zurück.“ Heute wohnt Faak in Ahrensburg, beendete seine Verwaltungslaufbahn 2000 mit dem Ruhestand als Diplom-Verwaltungswirt.

„Wir haben 40 Jahre hier gewohnt“, berichtet Manfred Esrom (93), von 1923 bis 1963. „Genau über dem Saal.“ Gemeinsam mit einem Freund seines Vaters in der Nachbarwohnung hätten sie die ganze erste Etage genutzt. Esroms hatten für fünf Personen plus Hausmädchen Küche, Herrenzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, Speisekammer/Toilette, Kinderzimmer und einen großen Flur zur Verfügung. Zudem 5000 Quadratmeter Garten und einen Hühnerstall an der Scheune. Die Wohnungsmiete betrug ursprünglich 30 Reichsmark im Monat. Esrom: „Wir hatten eine wunderbare Kindheit. Man konnte tun, was man wollte: Schlittschuhlaufen auf dem Teich, in den Wald gehen, in der Trave baden, von der Brücke ins Wasser springen. Es war großartig.“ Esrom studierte Elektrotechnik, bereiste die Welt und wohnt jetzt wieder ganz in der Nähe, in Poggensee.

Gut mit Tradition

Für den dänischen Baumeister Christian Frederik Hansen war Altfresenburg 1791 der erste Herrenhaus-Bau in Holstein, 1804 erbaute er das Oldesloer Rathaus.

Im 13. Jahrhundert werden ein Otto und ein Nicolaus "von Vresenborch" beurkundet, die wohl bereits ein Gut hier besaßen.

Im 16. Jahrhundert gelangte es an die berühmte Holsteiner Familie von Ahlefeldt.

1834 erwarb es Martin Johann Jenisch, der bereits 1827 das Gut Blumendorf gekauft hatte. Martin Freiherr von Jenisch verkaufte Altfresenburg 2016.

 

Den Vater von Günter Borrs (82) kennt auch Esrom noch. Den Kutscher Paul Borrs, der von 1925 bis 1940 Chauffeur beim Inspektor war und auf dem Gut half. „Ich bin 1936 hier geboren“, berichtet Günter Borrs: „In den Arbeiterhäusern an der Straße.“ Schon seit 54 Jahren lebt er allerdings in Hoisdorf. Doch immer mal wieder habe es ihn an den Ort seiner Kindheit zurückgezogen. Und so kam er in Kontakt mit den neuen Besitzern, die dem altem Gut mit ihrem Projekt, das Wohnen und Arbeiten in den Bereichen Gesundheit und erneuerbare Energie verbindet, neues Leben einhauchen möchte. Während künftige Bewohner und Mieter sich gerne die Geschichten aus der Vergangenheit von Gut Altfresenburg anhören, finden die „Ehemaligen“ es spannend, das Entstehen des neuen Wohn- und Arbeitsprojekts hautnah mitzuerleben.

Infos zum Projekt der Gut Altfresenburg GmbH & Co KG: web.altfresenburg.de

Susanna Fofana

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