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Stormarn Kreis stellt den Fahrdienst für Behinderte ein
Lokales Stormarn Kreis stellt den Fahrdienst für Behinderte ein
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14:01 24.11.2016
Marianne und Rolf-Dietrich Janeck aus Poggensee sind auf den Behindertenfahrdienst angewiesen. Quelle: K. Kuhlmann-Schultz
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Bad Oldesloe

Rolf-Dietrich Janeck ist an den Rollstuhl gefesselt, der Poggenseer leidet an einer Multisystematrophie. Das ist eine Kombination aus Parkinson und ALS (amyotrophe Lateralsklerose). Janeck kann nicht mehr gehen, kann nicht sprechen. Sein Bewegungsradius ist gleich null. Es sei denn, er kann den Fahrdienst für Menschen mit Behinderung des Kreises Stormarn nutzen. Das kann er noch bis Ende des Jahres, dann stellt der Kreis die freiwillige Leistung ein. Für Janeck und Ehefrau Marianne ist das eine Katastrophe.

„Wir haben vor drei Jahren angefangen, diesen Fahrdienst in Anspruch zu nehmen“, erklärt Marianne Janeck. „Wir konnten auf einmal wieder Freunde besuchen, wir konnten Einladungen annehmen, zu Konzerten nach Hamburg oder Lübeck fahren, wir konnten wieder Ausflüge an die Ostsee nach Grömitz unternehmen.“ Das Ehepaar nahm wieder am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teil. „Wir haben das bisher immer genossen, dass wir rauskommen konnten.“ Im Schnitt nutzten die Janecks diesen Service einmal pro Woche, bis Jahresende wollen sie das auch aufrechterhalten.

Was dann kommt? Marianne Janeck weiß es nicht. „Für uns kostet schon eine Fahrt von Poggensee bis zum Oldesloer Exer 18 Euro“, erklärt sie, 120 Euro müsste das Ehepaar für eine Fahrt an die Ostsee zahlen. „Das können wir nicht. Unser Wunsch wäre, dass der Kreis den Fahrdienst weiterhin übernimmt.“ Sonst würde der Lebensbereich von Rolf-Dietrich Janeck wieder nur noch auf die eigenen vier Wände beschränkt – und die Terrasse. Aber, so seine Frau, „wenn man einen Ausflug gemacht hat, dann kommt man ganz anders zurück, man hat das Gefühl, man hat eine Reise gemacht, das gibt auch neue Kraft“.

Doch auf diese Lebensqualität wird das Ehepaar von 2017 an verzichten müssen. Der Kreis Stormarn, so eine entsprechende Entscheidung des Sozial- und Gesundheitsausschusses, stellt diese Sozialfahrten ein. Der Grund: mangelndes Interesse, was daran liegen könne, dass der Fahrdienst, der seit 1980 existiert, nicht bekannt genug sei. Zudem sinke die Zahl der berechtigten Personen mit Wohnsitz im Kreis von Jahr zu Jahr. Nur wenige Menschen mit Behinderung, die nicht in einer Rehabilitationseinrichtung, einer Pflege- oder Eingliederungseinrichtung untergebracht sind, so heißt es aus dem Ausschuss, würden diesen Dienst, der vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) übernommen wird, überhaupt in Anspruch nehmen. In der Vergangenheit sei es den Kreistagspolitikern sowie dem Kreisbehindertenbeauftragten nicht gelungen, eine verbesserte Version des Fahrdienstes zu entwickeln. Was dazu geführt habe, dass die Zahl der Leerfahrten ohne Personenbeförderung die Zahl der Transporte übersteige.

„Wir haben einen Festvertrag und zahlen pro Jahr 41000 Euro“, erklärt die Leiterin des Fachbereiches Soziales und Gesundheit des Kreises, Dr. Edith Ulferts. Was der Sozialausschuss als „unverhältnismäßig hohen finanziellen Aufwand für eine relativ kleine Zielgruppe“ einordnete. Und sich jetzt entsprechend gegen eine Weiterführung aussprach. Nicht ohne zu betonen, dass es auf keinen Fall darum gehen würde, sich auf Kosten der gehandicapten Menschen gesund zu sparen. „Wir sind uns einig: Keine Haushaltssanierung auf Kosten von Menschen mit Behinderung“, so Ausschussvorsitzende Margot Sinning (SPD). Deshalb bleiben die 41000 Euro – mit einem Sperrvermerk versehen – erst einmal im Haushalt stehen. Denn um den tatsächlichen Mobilitäsbedarf für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermitteln, soll Anfang kommenden Jahres ein Workshop starten. „Ich verstehe, dass die Menschen frustriert sind“, so Ulferts. „Wir wollen noch im ersten Quartal kommenden Jahres etwas auf die Beine gestellt haben.“ Ulferts setzt dabei auch auf die Behindertenverbände und den Kreisbehindertenbeauftragten Rainer Steinfeldt. Sie regt an, dass sich Betroffene an ihn oder auch an die Verbände wenden.

Der ASB will die Entscheidung des Kreises nicht kommentieren, schließlich handele es sich um eine freiwillige Leistung. Im Schnitt, so der Geschäftsführer des ASB Stormarn/Segeberg, Harald Krüchten, würden 300 bis 400 Fahrten pro Jahr angeboten. „Es ist schade, dass man den Menschen nicht mehr ermöglicht, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dabei zu sein ist auch gut für das seelische Wohlbefinden.“ Die betroffenen Menschen hätten natürlich weiterhin die Möglichkeit, den Service des ASB als Barzahler zu nutzen.

Auch wenn dies günstiger ist, als mit dem Taxi zu fahren, für Marianne und Rolf-Dietrich Janeck sind mit dem Ende des Fahrdienstes für Behinderte die Zeiten vorbei, in denen sie problemlos am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen konnten. „Das ist eine Katastrophe. Die Verantwortlichen sollten sich doch bitte in die Lage der Behinderten versetzen und daran denken, dass auch sie eventuell einmal über die Existenz solcher Sozialfahrten glücklich sein könnten“, so Marianne Janeck.

 K. Kuhlmann-Schultz

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