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Künstler gibt literarischen Gestalten letzte Ruhestätte

Ammersbek Künstler gibt literarischen Gestalten letzte Ruhestätte

Der Künstler Uwe Schloen legt in Ammersbek einen besonderen Friedhof an. Dort liegen Protagonisten aus Werken der Weltliteratur begraben, die in den Büchern gestorben sind, aber keine letzte Ruhestätte bekamen. Damit möchte er die aufmerksamkeit auf wunderbare Bücher lenken.

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Wer Bildhauer ist, muss Muskeln haben: Axel Richter (l.), Leiter des Kunsthaus am Schüberg, hilft Uwe Schloen, die Grabsteine aufzustellen.

Ammersbek. Goethes Werther liegt in Ammersbek begraben. Dort ruht er neben Gregor Samsa, Madame Bovary oder Jakob, über den Uwe Johnson gemutmaßt hat. Ihre letzte Ruhe verdanken die literarischen Protagonisten dem Künstler Uwe Schloen: Er legt im Kunsthaus am Schüberg in Ammersbek einen „Friedhof literarischer Gestalten“ an. Wo Effi Briest und Anna Karenina bislang nur zwischen den Seiten verschwanden, erhalten sie jetzt einen Grabstein, auch wenn er ohne Namen bleibt. „Mit dem Literaturfriedhof will ich die Aufmerksamkeit auf wunderbare Bücher lenken“, erläutert Schloen:

„Auf diesem Friedhof liegen Protagonisten aus Werken der Weltliteratur, die in den Büchern gestorben sind, aber keine letzte Ruhestätte bekamen. Keiner weiß, wo sie geblieben sind.“ Eine Tafel weist darauf hin, wer hier liegt, die Zuordnung der Gräber ist bereits der erste Prozess, der in den Köpfen der Besucher beginnen soll.

Werther hat man als Selbstmörder mit einer Kugel im Kopf in Erinnerung, Madame Bovary hustet ihr Leben bei der Schwindsucht aus, Gregor Samsa ist in Käferform an einem Apfelwurf verendet und Jakob wurde von einer Lokomotive überfahren. Aber auch Opfer von Carson McCullers oder Anton Tschechow finden in Ammersbek ihre Gräber. „Meine Grundidee war, dass die Figuren ja irgendwo einen Platz brauchen“, sagt Schloen, der neben der Bildhauerei literarisch tätig ist und seit 25 Jahren einen kleinen Verlag betreibt.

Der Friedhof sei eine ironische Anspielung auf unseren Umgang mit den Toten, sagt Schloen, und der Tod ein Tabu, das verdrängt werde: „Tod ist aber ein ganz großes Thema, eine existenzielle Frage, die für die meisten Menschen eine Nummer zu groß ist.“

Das Thema ist nicht richtig fassbar, deshalb nähert der Künstler sich ihm über die Bildhauerei. Die Installation ist auf zwölf bis 15 Grabplatten und 20 Grabsteine angelegt. Die Grundformen bestehen aus Holz. Die Grabsteine werden mit der Motorsäge hergestellt, die Grabplatten zusammengesetzt. Diese Formen werden in Gänze mit Blei überzogen. „Natürlich ist eine eigene Gestaltung dabei“, führt der Künstler aus. „Ganz abstrakt kann man Bezüge zum Werk in den Grabgestaltungen wiedererkennen. Tschechows Kovrin hat beispielsweise immer einen typischen Mantel getragen, das Motiv greife ich auf.“ Ein runder Stein erinnert an Gregor Samsas Käferleib.

„Die Auswahl der literarischen Gräber habe ich auf der Grundlage meiner eigenen Lektüre getroffen“, erzählt Schloen. „Ein paar Gestalten der Weltliteratur sind dabei, die jeder kennt. Nur durch den Rückgriff auf allgemeines Wissen funktioniert das Projekt überhaupt.“ Andere Grabbewohner entstammen seiner eigenen Vorliebe „Manche literarische Protagonisten sind uns näher als real existierende Bekannte. Gregor Samsa steht mir näher als mein Nachbar“, so Schloen. Die Idee zu dem Projekt treibt ihn schon länger um, jetzt ist mit dem Kunsthaus am Schüberg, wo der Künstler im Sommer gearbeitet hat, ein geeigneter Platz gefunden.

Der Friedhof literarischer Gestalten solle eine ständige Einrichtung werden, betont Schloen. Er erinnere an einen kleinen, alten Dorffriedhof. Das Projekt, solle weiter wachsen, seine Toten wählt Schloen nach eigenem Gusto aus: „Ich würde dort nie jemanden begraben, den ich da nicht haben will.“

Bildhauer und Verleger
Uwe Schloen, 1958 in Kuhstedt in Niedersachsen geboren, besuchte zunächst die Fachoberschule für Gestaltung in Bremen und studierte anschließend Bildhauerei und Malerei in Hamburg. Seit 1983 lebt er als freischaffender Künstler in Bremen. 1989 gründete er den Huck-Finn-Verlag für schräge und schöne Bücher. 2012 erschien sein Künstlerroman „Scheiße, bin ich gut“. Auf dem Friedhof literarischer Gestalten soll es auch Lesungen und künstlerische Aktionen geben.

Bettina Albrod

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