Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Kurze Wege, schöne Natur
Lokales Stormarn Kurze Wege, schöne Natur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:12 26.06.2017
Blick in die Reinfelder Innenstadt: Die Paul-von-Schoenaich- Straße ist aufwändig saniert worden.

„Wir leben in einem Paradies“, sagt Michael Witt. Der 57-jährige Inhaber der Eisdiele Witt ist in Reinfeld geboren, genau wie vor ihm sein Vater und sein Großvater. Michael Witt hat den Großteil seines Lebens hier verbracht und wollte nie woanders hinziehen: „Mein Vater sagt immer, man kann gar nicht besser wohnen als in Reinfeld. Da muss ich ihm natürlich Recht geben. Wir haben einen der schönsten Seen Schleswig-Holsteins direkt vor der Tür, die Ostsee ist nicht weit und genauso schnell ist man mitten in Hamburg.“

Wie Michael Witt sehen es viele Reinfelder. Mit echter Zuneigung sprechen Alteingesessene und Zugezogene über ihre Stadt. Gerade die überschaubare Größe macht ihren Charme aus, findet auch Bürgermeister Heiko Gerstmann: „Wir haben nicht so viele Drogen- und Kriminalitätsprobleme wie größere Städte. Reinfeld hat noch einen dörflichen Charakter, viele Bürger kennen sich schon seit Ewigkeiten. Für Familien ist das ideal.“

Auch für Senioren ist Reinfeld attraktiv. Alles, was man zum Leben braucht, kann man hier zu Fuß besorgen. Mit diesem Gedanken zog der Rentner Michael Maas vor fünf Jahren nach Reinfeld. Mit 68 Jahren ist er zwar noch nicht auf kurze Wege angewiesen, wollte aber in Zukunft unabhängig vom Auto sein. Michael Maas ist begeistert von Reinfeld und seiner Innenstadt: „Hier gibt es Einkaufsmöglichkeiten und Ärzte nur wenige Gehminuten entfernt. Und der Bahnhof ist auch bald barrierefrei.“

Genau diese Einkaufsmöglichkeiten in der Reinfelder Innenstadt tun sich allerdings schwer. Es ist besonders der Online-Handel, der den Einzelhändlern zu schaffen macht. Auch Andrea Klingbiel, Inhaberin des Reinfelder Reformhauses, sorgt sich um die Attraktivität ihres Standorts: „Ich mache das Geschäft jetzt vielleicht noch zehn oder zwanzig Jahre, aber ob es danach noch ein Reformhaus in Reinfeld geben wird, weiß ich nicht.“ In Reinfeld fehle ein Kundenmagnet, der die Innenstadt belebt, findet sie: „Die Sanierung der Innenstadt sieht zwar schön aus, aber jetzt haben wir noch weniger Parkplätze als vorher. Wir brauchen hier nicht noch ein Nagelstudio, sondern eher ein Drogeriegeschäft oder einen Feinkostladen, etwas was die Kunden in die Innenstadt zieht.“

2012 schloss in der Reinfelder Innenstadt der Schlecker-Markt, seitdem steht das Gebäude in bester Lage leer. Zwar gibt es schon länger konkrete Pläne für ein neues Fachmarktzentrum, wann der Umbau beginnen soll, steht aber noch nicht fest. Bis jetzt konnte sich der private Investor mit den Besitzern des Grundstücks nicht auf einen Preis einigen. Auch Bürgermeister Gerstmann kennt das Problem:

„Wenn die Mieten und Grundstücke zu teuer sind, wird es mit der Wirtschaftlichkeit schwierig. Die Innenstadt muss mit der grünen Wiese konkurrieren.“

Wie in Reinfeld entstehen überall in Deutschland am Stadtrand große Einkaufsparks, während in der Innenstadt Läden leer stehen. „So ein Gewerbegebiet hat viele Vorteile für die Geschäfte: einfache Anlieferung, keine Nachbarn, gute Anbindung. Und viele Parkplätze, nichts ist für die Kunden wichtiger als Bequemlichkeit.“ Aus Sicht des Bürgermeisters hat die Stadt ihren Teil beigetragen, um die Innenstadt attraktiv zu halten: „Wir haben mit der Sanierung der Straße unsere Hausaufgaben gemacht. Die Stadt baut keine Läden, das ist privat.“

Um den Eisladen macht Michael Witt sich keine Sorgen – für sein Eis kommen die Leute auch von weiter her. Das Überleben der Innenstadt sieht er als gemeinsame Herausforderung: „Die Reinfelder beschweren sich zwar über zu wenig Läden in der Innenstadt, aber kaufen dann doch online und in den Einkaufsparks ein. In einer Kleinstadt muss man sich gegenseitig unterstützen.“

In den einigen Regionen Schleswig-Holsteins sinken die Einwohnerzahlen. Für Stormarn aber rechnen die Prognosen in den kommenden Jahren mit einem leichten Bevölkerungszuwachs. „Wir profitieren von der Nähe zu Hamburg, wo wohnen gar nicht mehr bezahlbar ist. Reinfeld ist beliebt, das sieht man an den steigenden Grundstückspreisen. Je nach Szenario müssen wir bis 2030 380 bis 540 neue Wohnungen bauen“ , erklärt Bürgermeister Gerstmann.

Gute Voraussetzungen um sich die Frage zu stellen, wie Reinfeld in zehn oder 15 Jahren aussehen soll. Eine hübsche Seniorenstadt? Eine Neubausiedlung für Ex-Großstädter? Auch davon wird die Entwicklung der Innenstadt abhängen. Gerstmann ist optimistisch, dass das Fachmarktzentrum doch irgendwann gebaut wird: „Für mich ist das noch nicht gestorben.“ Die Gespräche mit dem Investor gehen weiter.

Ob Michael Witts Kinder sein Geschäft in Zukunft übernehmen können, so wie er einst von seinem Vater, darüber macht sich der Eisverkäufer noch keine Gedanken: „Mich zwingt ja keiner in Rente zu gehen. Ich mache das noch so lange ich kann.“ Zumindest dieser Kundenmagnet bleibt den Reinfeldern in den nächsten Jahren sicher erhalten.

 Luise Quaritsch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige