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Stormarn Markanter Bau aus der Kaiserzeit
Lokales Stormarn Markanter Bau aus der Kaiserzeit
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10:26 15.08.2017
Seit etwa 1900 dient das Gebäude als Amtsgericht Ratzeburg, anfangs noch als „Königliches“ Amtsgericht. Quelle: Fotos: Florian Grombein

Jeder kennt das alte Gebäude mit dem markanten Turm an der Ratzeburger Herrenstraße. Generationen von Menschen haben es auch schon einmal von Innen gesehen – nicht immer ganz freiwillig. In dem zweigeschossiger Backsteinbau im neugotischen Baustil wurden Verbrecher verurteilt, Ehen geschieden und Insolvenzen begleitet. Seit etwa 1900 dient das Gebäude als Amtsgericht Ratzeburg, anfangs noch als „Königliches“ Amtsgericht bezeichnet.

Das Ratzeburger Amtsgericht wird unter Denkmalschutz gestellt – Baupläne von 1896.

Der Blick in die Geschichte ist gerade deshalb nicht ganz einfach. Denn als Immobilie der Justiz in Hand des Landes haben sowohl das städtische Bauamt als auch die Kreisverwaltung wenig Informationen zu bieten. Zuständig ist die Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH) in Kiel. Diese Behörde teilt nun interessante Neuigkeiten mit.

„Wir haben gerade vom Landesamt für Denkmalpflege die Information erhalten, dass das Amtsgericht unter Denkmalschutz gestellt wird“, berichtet Stefanie Bäuchler vom GMSH. Die Baupläne, die von der Stadt Ratzeburg zur Verfügung gestellt wurden, sind mit dem Jahr 1896 datiert. Konkret wurde das Gericht laut Bäuchler nach der aktuellen Gesetzeslage und einer entsprechenden Nachqualifizierung als Kulturdenkmal mit besonderem Wert erkannt und ist aus geschichtlichen und städtebaulichen Gründen zur Eintragung in die Denkmalliste vorgesehen. Das Amtsgericht sei ein markanter und gut überlieferter Verwaltungsbau der Kaiserzeit, der im Umfeld von Katasteramt und Postamt den Charakter Ratzeburgs als Verwaltungssitz anschaulich im Stadtbild dokumentiere.

Im Amtsgericht Ratzeburg sind heute 53 Mitarbeiter beschäftigt. Unter anderem sind das neun Richter, acht Rechtspfleger, fünf Justizwachtmeister vier Gerichtsvollzieher und 27 Service-Kräfte, die in den Büros tätig sind. Laut Dr. Frank Rose, Direktor des Amtsgerichts Ratzeburg, erstreckt sich das Zuständigkeitsgebiet von den Toren Lübecks bis in den Süden kurz vor Schwarzenbek und grenzt an Mecklenburg-Vorpommern. Strafprozesse mit Erwachsenen werden dabei von Richter Martin Mrozek im Neubau betreut.

Den Vorsitz beim Prozessen mit jugendlichen Tätern hat Dr. Rose selbst. Er darf seine Prozesse in dem einzigen, noch verbleibenden Verhandlungssaal im hübschen Altbau führen. Dort sieht man noch eine hohe Balkendecke und massive hölzerne Geländer, die den Publikumsraum von den Organen der Rechtspflege und den Angeklagten und Zeugen trennt. Hinter dem Richterpult steht über die gesamte breite des Raumes ein Bücherregal mit zahllosen Werken der Rechtswissenschaft. „Heute allerdings kommen wir fast ohne Bücher aus. Alles ist digital aufbereitet“, erklärt Dr. Rose. Die übrigen Richter im Hause befassen sich mit Zivilrecht: Familienangelegenheiten, Insolvenzen, Betreuung aber auch Bußgeldverfahren spielen eine Rolle.

Nicht einmal der Kreisarchivar Christian Lopau, ein ausgewiesener Kenner der lauenburgischen Geschichte, konnte viel zur Historie des Hauses zu Tage fördern. Im Kreismuseum hat Museumsleiter Dr. Klaus J. Dorsch zumindest einige historische Aufnahmen des Amtsgerichtes gefunden. Sie zeigen das Gebäude in der Kaiserzeit um 1900, damals noch mit einem schmiedeeisernen Zaun geschützt. Auch die Innenansicht eines Büros von 1938 mit typischen Möbeln der 1930er Jahre zeigt der Museumsleiter.

Laut Landesamt für Denkmalpflege wurde das Amtsgericht als zweigeschossiger Backsteinbau in neugotischen Formen auf winkelförmigem Grundriss gebaut. Besonderheiten sind Walmdächer, eine Eingangsfront mit Freitreppe und übergiebeltem Risalit sowie eine bauzeitliche Eingangstür in Spitzbogengewände. Der Altbau hat einen seitlich Treppenturm mit polygonaler Haube, einen Seitengiebel ehemals mit Staffelgiebel, der heute allerdings vereinfacht erscheint.

Gebäudeensemble

Der Neubau des Amtsgerichtes wurde in den 1990er Jahren angefügt. In ihm befinden sich zwei Verhandlungssäle im Erdgeschoss sowie Büros der Service-Angestellten im Obergeschoss.

Der Altbau ist über einen Verbindungsbau mit viel Glasflächen mit dem Neubau verbunden. Im Foyer wurde vor einigen Jahren zur Verbesserung der Sicherheit eine Schleuse mit Metalldetektoren errichtet. Am Eingang wird jeder Besucher auf das Tragen verbotener Gegenstände kontrolliert.

 Florian Grombein

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