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Stormarn Kirchengemeinde hängt weiter in der Luft
Lokales Stormarn Kirchengemeinde hängt weiter in der Luft
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15:57 14.01.2019
Müssen die Mitglieder der Kirchengemeinde von Klein Wesenberg bald alle nach Zarpen zum Gottesdienst? In der evangelischen Kirchengemeinde gibt es zwei Pastoren: Nils und Isabelle Wolffson. Klein Wesenberg könnte dagegen bald ohne Pastor dastehen. Quelle: Britta Matzen
Reinfeld/Klein Wesenberg

Wie geht es weiter in der Kirchengemeinde Klein Wesenberg, wenn Pastor Erhard Graf Ende des Jahres in den Ruhestand geht? Das weiß im Moment wohl nur der liebe Gott. Denn die Nachfolgefrage ist ungeklärt. Die Gemeinden Klein Wesenberg, Wesenberg, Hamberge, Westerau und Barnitz befürchten, künftig ohne eigenen Pastor dazustehen (die LN berichteten). Der Grund: Nach Vorgaben der Nordkirche müssen Stellen gestrichen werden.

Vergangene Woche hatte Propst Dr. Daniel Havemann die Bürgermeister und Kirchengemeinderäte der betroffenen Gemeinden zum Gespräch nach Bad Segeberg eingeladen. Es wurde lange getagt – bis abends um halb zehn. Zunächst sei herausgestellt worden, man wolle doch miteinander reden und nicht „über die Zeitung“. „Das ist denen wohl sehr sauer aufgestoßen“, sagt die Wesenberger Bürgermeisterin Karin Dettke, die von dem Treffen ein Stück weit enttäuscht ist. „Ich bin genauso schlau rausgekommen, wie ich reingegangen bin und habe weiter große Bedenken. Für uns ändert sich alles, wenn wir keine Pastorenstelle mehr bekommen.“ Das hätten sie mehrfach zum Ausdruck gebracht. Ihnen sei es besonders wichtig ist, dass in Klein Wesenberg die Stelle wieder besetzt werde. Das sieht der Hamberger Bürgermeister Paul Friedrich Beeck ebenso. „Wir wollen unbedingt einen Pastor in Klein Wesenberg haben.“

Man wolle darüber nachdenken, noch sei nichts entschieden, hätten sie seitens der Kirche zur Antwort bekommen. „Das wurde immer wieder betont. Aber ganz ehrlich: Ich glaube das nicht“, sagt die Wesenberger Verwaltungschefin.

Nordkirche geht Personal aus

Eingangs habe Propst Havemann den Geladenen die Ursachen für den geplanten Stellenabbau erläutert. „Es ist nicht so, dass das Geld fehlt. Der Hintergrund für die ganzen Bemühungen sind die fehlenden Pastoren“, berichtet Amtsleiter Stefan Wulf von dem Treffen.

Bis 2030 rollt eine Lawine der Pensionierungen über die Nordkirche hinweg. Rund 900 der heute 1700 Pastoren der Nordkirche werden bis 2030 aus dem aktiven Dienst in den Ruhestand eintreten. Im selben Zeitraum werden laut Prognosen rund 300 Nachwuchsgeistliche neu in den Dienst eintreten. Demnach fehlen rund 600 Pastoren. „Da liegt sozusagen der Hund begraben, weshalb man sich jetzt überlegt hat, Kirchspiele zu kreieren“, sagt Wulf. Dazu erläutert Propst Havemann: „Unter Kirchspielen verstehen wir regionale Handlungsräume, in denen mehrere Kirchengemeinden inhaltlich und organisatorisch zusammenarbeiten.“

Was unternimmt die Kirche gegen Personalnot?

„Die Vikarskurse und auch der Studiengang Evangelische Theologie sind derzeit gut besetzt, besser noch als vor einigen Jahren. Es wird für beides darüber hinaus gezielt von der Nordkirche Werbung gemacht“, teilt Sebastian von Gehren, Sprecher des Kirchenkreises Plön-Segeberg mit. Trotzdem sei bei den hohen Pensionierungszahlen derzeit nicht damit zu rechnen, dass diese mit Neueinstellungen aufgefangen werden könnten. Die Kirche sei deutschlandweit genau wie andere Berufszweige Opfer des Fachkräftemangels.

In den vergangenen Jahren habe die evangelische Kirche deutschlandweit den Zugang von Quereinsteigern in den Pfarrberuf erleichtert und auch gefördert. Aber auch hiermit sei der Fachkräftemangel nicht einzufangen.

Zum künftigen Kirchspiel in Nordstormarn sollen die Kirchengemeinden Reinfeld, Hamberge, Klein Wesenberg und Zarpen gehören. Aktuell sind dort fünf Pfarrstellen besetzt. „Bis 2025 werden diese auf vier Stellen, bis 2030 auf 3,5 Stellen reduziert“, teilt der Sprecher des Kirchenkreises Plön-Segeberg, Sebastian von Gehren, mit.  Amtsleiter Wulf und die Bürgermeister schlugen dem Propst eine simple Lösung vor. Die künftigen 3,5 Stellen könne man auf die Pfarrhäuser aufteilen - Reinfeld, Klein Wesenberg und Zarpen. „Da wurde aber nicht konkret gesagt, dass sie das einsehen“, bedauert Wulf. Stattdessen bekamen die Nordstormarner Abgesandten zu hören, dass es letztlich Sache des Kirchspiels sei, im Zweifel entscheide die Synode. „Es wäre einfach unglücklich, wenn in Reinfeld nachher drei Pastoren wären und in Klein Wesenberg keiner“, sagt dazu Paul Friedrich Beeck.

Am Ende entscheidet die Synode

Sebastian von Gehren: „Die Stelle von Herrn Graf wird in den Planungen und Überlegungen des Kirchspielprozesses in der Region miteingebunden. Die jeweiligen Kirchengemeinderäte besprechen sich und machen dann dem Kirchenkreis einen Vorschlag, wie sie sich zukünftig eine Verteilung der Pfarrstellen und der pastoralen Arbeit im Gebiet vorstellen. Über diesen Vorschlag entscheidet die Synode.“ Kurzfristig sei nicht mit einer Entscheidung zu rechnen, da der Prozess noch ganz am Anfang stehe. „Darüber hinaus ist Pastor Graf noch bis Ende Dezember 2019 im Amt. Sollte danach noch nicht feststehen, ob die Pfarrstelle wiederbesetzt wird, wird es für diese Stelle eine gesicherte Vertretungsregelung geben“, betont der Sprecher des Kirchenkreises.

Die Gemeinden Klein Wesenberg, Wesenberg, Hamberge, Westerau und Barnitz hängen also weiter in der Luft. „Die Leidtragenden sind die Bürger, wenn wir keinen eigenen Pastor bekommen. Die haben keinen Ansprechpartner vor Ort. Zwar wurde gesagt, die könnten ja auch per E-Mail und Telefon Kontakt zum Pastor aufnehmen. Aber die älteren Herrschaften schreiben keine Mails, auch wenn sie Telefon haben. Außerdem ist es ein Unterschied, ob ich bei Pastor XY anrufe oder bei meinem Gemeindepastor“, macht Karin Dettke deutlich.

Die Wesenberger Bürgermeister schlug dem Propst daraufhin vor, die Gemeindemitglieder mit einzubeziehen, indem man im Gemeindebrief von den neuen Plänen der Kirche berichte. „Auch unsere Ansprechpartner könnten sie mal vorstellen. Sodass die Einwohner die Pastoren, die wir noch längere Zeit haben, kennenlernen. Am besten mit Bild und kleinem Text dazu, sodass man eine bildliche Vorstellung bekommt, mit wem man Kontakt aufnehmen soll, wenn der Pastor nicht vor Ort ist.“ Diese Idee sei vom Propst sehr positiv aufgenommen worden. „Das soll schnellstmöglich umgesetzt werden. Ich bin gespannt“, so Dettke.

Noch mehr Aufgaben für die Ehrenamtler?

Die große Befürchtung von Amtsleiter Stefan Wulf ist, dass das Ehrenamt darunter leidet, wenn Pastoren eingespart werden. Karin Dettke wäre davon selbst besonders betroffen, weil sie zwei Ehrenämter ausfüllt – als Bürgermeisterin und Kirchengemeinderätin von Zarpen. „Wir machen als Kirchengemeinderat ja schon so manches. Wir übernehmen Küsterdienste, schließen die Kirche auf und zu, beteiligen uns, wenn Senioren- oder Geburtstagskaffee ist, decken mit auf und ab, bedienen und kochen Kaffee, wir machen einen kleinen Fahrdienst für die Senioren und einmal im Monat tagen wir, was ganz schön viel ist, wie ich finde. Ich muss ganz ehrlich sagen, da ich noch das Bürgermeister-Ehrenamt habe: Bei mir ist Ende der Fahnenstange.“ Auch Westeraus Bürgermeisterin Petra Jürß habe davor gewarnt, den Ehrenamtlern noch mehr Aufgaben zuzuschieben.

Dass Einsparungen angesichts des Personalmangels nötig seien, sehen alle Nordstormarner Vertreter ein. „Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Pastor eine Predigt zum Einschulungsgottesdienst an drei verschiedenen Orten hält. Die Gäste werden ja sicherlich unterschiedlich sein“, so Dettke. Schwierig wäre es hingegen, wenn die Eltern auch noch die Konfirmanden durch die Gegend kutschieren müssten oder Oma und Opa zum Seniorenkaffee. „Wir haben ja keine Busverbindung unter den Dörfern.“ Dettke sieht die Gefahr, dass Veranstaltungen wie das Seniorenkaffee in Klein Wesenberg dann wegbrechen.

Die betroffenen Bürgermeister haben in der Runde mit dem Propst ihren Unmut darüber zum Ausdruck gebracht. Dettke: „Ich habe denen auch klipp und klar gesagt, dass ich zwischen den Stühlen sitze, weil ich in beiden Ausschüssen bin - einmal für die Gemeinde, einmal für die Kirche. Der Prozess wird sich ja länger gestalten. Ich weiß auch noch nicht, ob ich eventuell den Schemel im Kirchengemeinderat freimache. Gemeinsam mit einer anderen Kollegin sind wir nämlich in Zarpen die Einzigen, die nicht alles rosenrot und himmelblau sehen.“

Britta Matzen

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