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Stormarn Neritz: Jeder kennt jeden im schönen Bestetal
Lokales Stormarn Neritz: Jeder kennt jeden im schönen Bestetal
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18:10 01.08.2015
Neritz

Ein Stück Bilderbuch-Schleswig-Holstein: Umgeben von saftig grünen Wiesen, Bäumen, Knicks und Auen liegt das Dorf Neritz, die kleinste eigenständige Gemeinde im Amt Bad Oldesloe-Land. Von Hektik gibt es keine Spur: Friedlich grasen ringsum Pferde und Kühe auf den Weiden, und ab und an holpert ein Auto übers Kopfsteinpflaster durch den Ort. 314 Einwohner zählt Neritz.

Das beschauliche Dörfchen, das abseits der B 75 zwischen Bad Oldesloe und Elmenhorst liegt, wird durch das Bestetal in Ober- und Unterdorf gegliedert, dazu kommt der Ortsteil Floggensee. Zwei große Gestüte gibt es in Neritz: das Gestüt Floggensee, das für Zuchtpferde bekannt ist, sowie das Gestüt von Traber-Ikone Marion Jauß. Außerdem ist die Firma RDT Ramcke Daten-Technik hier ansässig, die unter anderem Softwarelösungen für Schulen entwickelt, sowie ein Geflügelhof, der Eier verkauft.

In Neritz kennt fast jeder jeden. „Man trifft sich bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein, beim Stiftungsfest und Vogelschießen, wir feiern gemeinsam Geburtstage und kommen viermal im Jahr zum Gottesdienst im neuen Gemeindehaus zusammen“, zählt Bürgermeisterin Karen Lienau auf. „Wir sind ein kleines Dorf, aber das menschliche Miteinander, das ist hier sehr schön.“

Urkundlich erwähnt wurde Neritz erstmals 1345. Doch der Zeitpunkt der ersten Besiedlung dürfte schon mehrere tausend Jahre zurückliegen. So richtig viele alte Häuser und Höfe entdeckt der Besucher in Neritz allerdings nicht. „Es hat viel gebrannt bei uns im Dorf“, erzählt die Gemeindevorsteherin. Ein Feuerteufel sei in den 80ern und 90ern am Werk gewesen, der immer bei Vollmond Höfe abbrannte.

Leider habe man ihn nie gefasst. Auch der Hof ihrer Eltern sei betroffen gewesen. Es war die ehemalige Bauernvogtei — einst ein prachtvoller Anblick in der Dorfmitte, wie die Chronik schreibt. „Das war 1980 — ich war damals fünf Jahre alt, als es in der Nacht lichterloh brannte. Ich erinnere mich nur daran, dass man mich damals aus dem Haus getragen hat“, so Karen Lienau. Die Familie zog zunächst ins Altenteil und baute dann ein neues Anwesen im Oberdorf am Rande der Gemeinde.

Den Hof betreibt nun die Bürgermeisterin mit ihrem Mann Carsten Lienau-Jöhnk. 240 Milchkühe haben sie, ein paar Katzen, den Rauhaardackel „Jule“ und ein bisschen Ackerbau. „Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, und ich fühle mich hier wohl“, sagt die 40-Jährige und sieht dabei sehr zufrieden aus. Trotz der vielen Arbeit. Immerhin klingelt der Wecker schon morgens um fünf. „Mein Mann steht noch früher auf — um vier. Er melkt die Kühe, ich füttere sie.“ Feierabend ist gegen halb sieben abends.

Dass sie Bürgermeisterin geworden ist, das habe sich so ergeben, nachdem ihr Vorgänger 2012 zurückgetreten sei. Auslöser war eine 380 Kilogramm schwere Glocke. Die Tante der Bürgermeisterin, Elisabeth Lienau, die damals Kirchenvorsteherin war, hatte diese gekauft. Der Plan war, dass dafür ein 13 Meter hoher Glockenturm in Neritz gebaut werden sollte. „In einer Einwohnerfragestunde waren erst alle dafür“, erinnert sich Lienau. Aber als es konkret wurde, spaltete sich die Gemeinde. Einigen war der Turm zu hoch, andere störten sich am Standort. Riesenspannungen entstanden, sogar Freundschaften sollen auseinander gebrochen sein. „Aber das war nie der Wille meiner Tante, sie wollte doch nur Gutes tun“, bedauert die Bürgermeisterin. Der Turm wurde nie gebaut, „die Glocke steht irgendwo in einer Scheune. Aber mittlerweile haben sich alle Streitereien beruhigt“, ist sich Karen Lienau sicher.

Zum Lienau-Clan gehört auch der Obsthof an der B 75. „Obsthof Lienau — Familienbetrieb in 4. Generation“ prangt auf großen Lettern über dem Eingang. „Im Moment ist sogar die 5. Generation im Einsatz — unsere Töchter Franziska und Viktoria arbeiten in den Sommerferien mit im Geschäft“, sagt Sylvia Lienau.

Nicht nur Einheimische, sondern auch viele Touristen kommen gerne hierher, um Äpfel von der eigenen Plantage, Kirschen, Erdbeeren, Kartoffeln, dicke Bohnen, Seefelder Milch, Wurst oder Schinken aus der Region zu kaufen. „Bei uns findet man auch was, was man im Supermarkt nicht bekommt“, lässt Detlef Lienau wissen. Zusätzlich betreibt die Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 100 Milchkühen. „Mit den zwei Betrieben haben wir alle Hände voll zu tun. Urlaub kennen wir gar nicht“, gesteht der 50-jährige Neritzer.

Britta Matzen

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