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Stormarn Neuer Blick auf die Geschichte
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12:40 10.10.2018
Günther Bock hat ein Buch zur Geschichte des Unterelberaums geschrieben. Quelle: Bettina Albrod
Großhansdorf

Der Großhansdorfer Günther Bock hat die Geschichte Nordelbiens umgeschrieben. Nach zehn Jahren Forschungsarbeit hat der gelernte Grafiker, der im Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins engagiert ist, jetzt seine Untersuchungen zum Unterelberaum in Form eines Buches vorgelegt. Darin kommt er zu dem Ergebnis, dass die Bedeutung des Nordens im 10. bis 13. Jahrhundert durch Heirat und Bündnisse unter den Herrscherfamilien wesentlich größer war als bisher angenommen.

Auslöser war ein Buch: Das Hamburger Elfenbein-Evangeliar aus dem Jahr 1100 schenkten die Grafen Gottfried und Heinrich II. von Hamburg der einstigen Domkirche St. Marien mit einer Widmung zum Gedenken an ihre Eltern, Heinrich I. und Margareta. Günther Bock fiel die Widmung vor zehn Jahren auf, als er eine Ausstellung zur Domgeschichte besichtigte. „Das Evangeliar gehört zu den Quellen, die schon lange bekannt sind, aber in der Forschung bisher vernachlässigt wurden“, erklärt er. Für ihn wurde die Widmung zum Anstoß, den familiären Zusammenhängen von Adel, Kirche und Herrschaft im Unterelberaum nachzuspüren. „Dabei gehe ich auch auf den frühen Stormarner Raum in der Zeit des 10. bis 13. Jahrhunderts ein, bei dem ich zu einer deutlich anderen Bewertung gelangt bin.“

Aufschlussreicher Irrtum

Das Evangeliar ziert eine Elfenbeinschnitzerei, die um 450 in Rom entstand und die Siegesgöttin Victoria bei der Tötung eines Barbaren zeigt. „Irrtümlich hat man die heidnische Victoria für den Erzengel Michael gehalten“, erklärt Bock. Der aber sei Schutzpatron des mächtigen Sächsischen Adelsgeschlechts der Billunger gewesen. Das, so Bock weiter, passe durchaus zu Hamburg. Denn die Mutter Heinrichs I. sei nie verheiratet gewesen. „Herzog Bernhard II. von Sachsen – ein Billunger - hat ihren Sohn später legalisiert. Heinrichs Mutter war eine Kusine des Herzogs“, vermutet Bock.

Im Mittelpunkt seiner Geschichtsbetrachtung stehen viele Quellen von historischen Urkunden über Münzen, bildliche Darstellungen, Siegel und Karten bis hin zu archäologischen Funden. „Die älteste Erwähnung Ratzeburgs 1062 verortet die Burg damals im Reich der Billunger. Ich habe viele Quellen genutzt und bin den verschiedenen Spuren nachgegangen, um zu sehen, wo sie hinführen“, beschreibt Bock die Arbeit von zehn Jahren. „Dabei habe ich gesehen, dass der Forschungsstand uneinheitlich ist, moderne Ansätze oft fehlen.“ Viele Untersuchungen bezögen sich auf immer dieselbe Quelle. Helmold von Bosaus Darstellung aus dem 12. Jahrhundert sei aber subjektiv gewesen, um das Geschlecht der Schaumburger hervorzuheben; spätere Untersuchungen hätten die Deutung meist kritiklos übernommen. Mit seinem Buch, das die Landesgeschichte in Teilen umschreibe, wolle er einen Diskussionsbeitrag leisten, so Bock.

Das Buch

„Der Raum Unterelbe war nicht unwichtig“, hat Bock festgestellt. „Es gab im Gegenteil enge Verbindungen der Slawen und Sachsen unter anderem durch die Bildung von Dynastien und Bündnissen durch Heirat.“ Adlige Herrscherstrukturen ließen sich auch damals schon im Norden nachweisen. „Auch führende Geschlechter von Stormarn und von Holstein sind dem Verwandtenkreis der Billunger zuzurechnen, dem bedeutendsten Herzogsgeschlecht des Reiches im 11. Jahrhundert.“ Münzfunde belegten, dass sich Sachsen und Slawen im Raum zwischen Hamburg und Lübeck überlagerten. „Tremsbüttel zeigt das im Ortsnamen, -büttel war die sächsische Endung, der Personenname Tremota hingegen ist slawisch.“ Burg Lütjensee habe Billunger-Nachfahren aus Sachsen gehört.

Nordelbien war nicht isoliert

Günther Bocks Fazit: „Der Raum Schleswig-Holstein war vom 10. bis 13. Jahrhundert von zentraler Bedeutung.“ Keineswegs sei Nordelbien isoliert gewesen, wie es vielfach behauptet werde. Vielmehr habe es enge Verbindungen zu verschiedenen europäischen Herrscherhäusern gegeben, die über den Wasserweg auch gut erreichbar gewesen seien. Somit habe der Raum nördlich der Elbe in der Geschichte eine größere Rolle gespielt als bisher angenommen.

Günther Bock hat sich bemüht, Geschichte lesbar zu machen. Viele Abbildungen von Dokumenten und Objekten aus dem untersuchten Zeitraum, eingeschobene Erläuterungen in den Randspalten und eine klare Gliederung machen das 639 Seiten umfassende Werk leichter zugänglich. „Ich habe Geschichte anhand der Menschen in ihren Lebensräumen dargestellt“, sagt Bock. „Auslöser war die Widmung im Evangeliar, das war ein Riesenfund.“ Sein Werk stellt Günter Bock am 6. November um 19.30 Uhr in einem Vortrag in der Trittauer Wassermühle vor.

Das Buch

Günther Bock, „Adel, Kirche und Herrschaft - Die Unterelbe als Kontaktraum im europäischen Kontext des 10. bis 13. Jahrhunderts“, ist in der Reihe „Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins“ erschienen. Das Buch hat 639 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen und ein Glossar. Bestell-Nr. 13340, ISBN 978-3-402-13340-8, es kostet 49,00 Euro.

Bettina Albrod

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