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Stormarn Neuer Polizeichef: „Die Belastung der Beamten ist grenzwertig“
Lokales Stormarn Neuer Polizeichef: „Die Belastung der Beamten ist grenzwertig“
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00:00 14.10.2012
Wolf-Rüdiger Traß (56) am neuen Eingang „seiner“ neuen Polizei-Zentralstation.
Stormarn

Lübecker Nachrichten: Herzlich willkommen! Wie war ihr Start?Wolf-Rüdiger Traß: Danke. Ich habe ein gut bestelltes Haus übernommen mit einem hochmotivierten jungen Team. Gerade im Präsenzdienst ist es erfreulich zu sehen, wie engagiert und professionell gerade die jungen Kolleginnen und Kollegen sind. Das hat von Anfang an Spaß gemacht.LN: Von einem Bad ins andere. Wo liegen die Gemeinsamkeiten von Bad Oldesloe und Bad Schwartau, wo gibt es Unterschiede?Traß: Zunächst einmal haben beide Dienststellen eine gemeinsame Grenze zwischen Mönkhagen und Langniendorf, das wissen die wenigsten. Ich habe also nur die Reviergrenze gewechselt. Und die Unterschiede sind sehr gering. Die beiden Städte sind mit jeweils mehr als 20 000 Einwohnern etwa gleich groß. Und auch der Revierbereich ist ähnlich. Wir haben die Zentralstation in Bad Oldesloe, dazu kommen die Stationen in Reinfeld und Zarpen. Insgesamt betreuen wir rund 50 000 Einwohner. Ähnliche Zahlen haben wir in Bad Schwartau mit den Stationen Stockelsdorf und Ahrensbök, wo 45 000 Einwohner betreut werden.LN: Aber in Bad Schwartau dürfte es deutlich friedlicher zugehen.Traß: Das stimmt. Das Umfeld ist in Bad Oldesloe für mich überraschend anders. Was Art und Intensität der Straftaten angeht, ist es in Bad Schwartau tatsächlich ruhiger. Dort gibt es zum Beispiel zweimal im Jahr einen schweren Raub, hier dagegen leider alle zwei bis drei Monate. Allerdings ist durch die kleinstädtische Struktur hier auch unsere Aufklärungsquote sehr gut. In der Regel können diese Straftaten innerhalb kürzester Zeit aufgeklärt werden.LN: Haben Sie Zahlen, wie viele Fälle aufgeklärt werden?Traß: Nein, da muss ich auf die neueste Statistik warten. Wir fahren hier seit dem 1. August ein neues Modell, bei dem Schutzpolizei und Kriminalpolizei zusammen eine neue Ermittlungseinheit bilden. Dadurch wollen wir effektiver werden und keine doppelte Arbeit leisten, zum Beispiel bei Vernehmungen. Andere Bundesländer wie Hamburg arbeiten schon mit diesem Kommissariatsmodell. Momentan sind wir da aber noch im Probebetrieb und gucken dann, ob wir daraus eine Organisationseinheit machen. Wir wollen unsere Ressourcen besser einsetzen, denn mehr Personal wird die Polizei nicht bekommen.LN: Mehr Personal nicht, aber auch nicht weniger. Oder gibt es andere Tendenzen?Traß: Mehr Personal wird es definitiv nicht geben, aber weniger auch nicht, hoffe ich. Denn die Belastung der einzelnen Mitarbeiter, was Nachtdienst- und Wochenendstunden angeht, ist in Bad Oldesloe extrem hoch und fast schon grenzwertig. Das liegt einfach daran, dass im Umkreis von 25 bis 30 Kilometern keine weitere große, ständig geöffnete Polizeidienststelle ist. Das ist zum Beispiel in Lübeck anders. Landesweit liegen wir bei den Nacht- und Wochenenddiensten mit vorn.LN: Apropos Landesdurchschnitt: Laut einer LKA-Statistik liegt der Kreis bei der Zahl der Einbrüche in Schleswig-Holstein vorn. Wie erklären Sie sich das?Traß: Das liegt vor allem daran, dass es im Hamburger Rand verstärkt zu Wohnungseinbruchsdiebstählen kommt. Die Täter kommen dabei oft aus Hamburg. Mit der S-Bahn bin ich schnell und preisgünstig in attraktiven Wohngegenden. Bad Oldesloe liegt zum Glück weiter weg, so dass hier die Zahlen niedriger sind.LN: Klaus Schlie hat sich als Innenminister immer stark für die Polizei eingesetzt. Erwarten Sie da jetzt Änderungen oder weniger Unterstützung durch die neue Landesregierung?Traß: Wir haben uns das natürlich genau angeguckt. Aber der jetzige Innenminister Andreas Breitner ist gelernter Polizist und kennt dadurch die Probleme in der Landespolizei. Er weiß, dass unsere personellen Ressourcen ausgeschöpft sind. Wir erwarten, dass da nicht weiter gekürzt wird. Im Gegenteil: Bad Oldesloe müsste aufgrund der hohen Belastung mit Nacht- und Wochenenddiensten personell sogar besser aufgestellt werden, um die Stundenzahl des einzelnen zu reduzieren. Das wiederum könnte aber nur zu Lasten anderer Dienststellen erfolgen, es müsste also umstrukturiert werden.LN: Das könnte ja sogar passieren. Es kursieren im Land Zahlen, dass die Polizeidirektion Ratzeburg mehr Stellen erhalten soll.Traß: Das ist richtig. Eine Arbeitsgruppe hat bei der Stellenplanbewertung für das ganze Bundesland tatsächlich eine leichte Personalverstärkung für die Polizeidirektion Ratzeburg errechnet. Die Zahlen schwanken jedoch, das Ganze ist noch nicht abgeschlossen.LN: Stellen umzuschichten könnte auch heißen, kleinere Stationen wie etwa in Zarpen ganz zu schließen. Gibt es solche Bestrebungen?Traß: Man muss gucken, wie effektiv eine kleine Dienststelle ist. Wenn ich es nicht schaffe, dass diese an drei bis vier Tagen in der Woche besetzt ist, muss ich in Frage stellen, ob das noch effektiv ist.LN: Gibt es solche Dienststellen in Stormarn?Traß: Wir haben zweimännige Dienststellen. Einmännige gibt es hier nicht mehr, sondern nur noch im Herzogtum Lauenburg. Man muss in jedem Fall die jeweilige Arbeitsleistung vor Ort sehen.LN: Wie klappt die Zusammenarbeit untereinander, zum Beispiel auch mit der Autobahnpolizei?Traß: Die ist wirklich klasse. Dass wir uns gegenseitig unterstützen, ist selbstverständlich. Bei größeren Einsätzen wie einem Unfall auf der Autobahn helfen wir, und andersrum unterstützen uns die Kollegen bei einem Raub oder einer Schlägerei. Und, das muss ich erwähnen, auch die Zusammenarbeit mit der Stadt klappt hervorragend.LN: Nach vielen Diskussionen wurde vor kurzem in Kiel eine Studie erstellt zu Rechtsradikalismus in Stormarn, speziell auch in Bad Oldesloe und Reinfeld. Hat Stormarn ein Problem mit Neonazis oder vielleicht auch auf der anderen Seiten Linksextremisten?Traß: Nein, wir haben kein Problem rechts. Es gibt immer Gruppierungen, die sich in irgendeine Richtung orientieren. Auf Reinfeld reflektiert immer noch die alte Geschichte mit dem Landgasthof in Heilshoop, die lange zurückliegt. Wir haben mit den Autoren der Studie zusammengesessen und festgestellt, dass sie nur mit ganz wenigen Personen Interviews geführt haben. Das ist also keine wissenschaftlich fundierte Sache. Mein Eindruck ist also: Wir haben weder ein Problem rechts noch eines links.LN: Sie sind schon seit mehr als 20 Jahren in leitender Funktion tätig. Fühlen Sie sich als Schreibtischtäter und Behördenmensch, oder wissen Sie noch, wie es draußen ist?Traß: Ich weiß noch genau, wie es draußen zugeht. Das bringt einfach noch zu viel Spaß, und man profitiert natürlich davon, diesen Kontakt noch zu haben. Das ist auch gegenüber den Kollegen wichtig, wenn die sehen, dass man nicht nur Behördenkompetenz mitbringt, sondern jederzeit einsteigen kann. So bin ich bei Verkehrskontrollen dabei, und eine Einsatzleitung vor Ort gehört auch dazu.Interview: Markus Carstens

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