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Neuer Prozess um qualvollen Tod eines Trittauers an A9

Karlsruhe/Dessau/Trittau Neuer Prozess um qualvollen Tod eines Trittauers an A9

Sie wollten an sein Geld und quälten einen jungen Mann aus Trittau an der A9 zu Tode. War es Raub mit Todesfolge oder gar Mord? Vier Jahre nach dem grausamen Tod eines Trittauers, der in München lebte, muss der Prozess neu aufgerollt werden. 

Karlsruhe/Dessau/Trittau.  Ulf M. freut sich auf die nächsten Monate. Der Münchner Informatiker hat sich für eine Asien-Reise beruflich eine Auszeit genommen. Sein Sprinter ist voll gepackt mit Umzugskartons, die er bei seinen Eltern nahe Hamburg unterstellen will. Am Abend des 9. Januar ist er auf der Autobahn 9 unterwegs. Er tankt bei Köselitz in Sachsen-Anhalt und telefoniert gegen 21.30 Uhr mit seiner Mutter. Es wird etwas später, sagt er. Doch er kommt nie an.

Als er beim Rastplatz „Rosselquelle“ von der Toilette zurückkehrt, beginnt ein unvorstellbares Martyrium: Ulf M. wird von vier Männern überwältigt, verschleppt und über Stunden so schwer misshandelt, dass er am Ende - gefesselt mit Klebeband - qualvoll in seinem Transporter stirbt. Seine Leiche wird erst sechs Tage später, am 15. Januar 2012, gefunden.

Haben die Täter den Tod ihres Opfers in Kauf genommen oder sogar gewollt? Und wer genau ist für den Tod verantwortlich? Das muss nun ein neuer Prozess herausfinden.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hebt am Donnerstag in Karlsruhe ein Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau(Sachsen-Anhalt) auf und verweist es an eine andere Kammer zurück (Az.: 4 StR 72/15). Es hatte die insgesamt fünf Täter 2014 zu langen Haftstrafen verurteilt - wegen erpresserischen Menschenraubs und Raubs mit Todesfolge sowie gewerbsmäßigen Computerbetrugs.

Erfolgreich sind mit ihren Revisionen kurioserweise beide Seiten: Die Familie des Opfers, die auf eine Verurteilung wegen Mordes pocht, und auch vier der Täter, die auf mildere Strafen hoffen. Nur im Fall eines Angeklagten, der nicht am Gewaltexzess beteiligt gewesen sein soll, ist das Landgerichts-Urteil rechtskräftig.

„Die Karten werden neu gemischt“, sagt ein Täter-Anwalt. Das muss nicht unbedingt zum Vorteil der Täter sein. In einem neuen Prozess ist auch eine Verurteilung wegen Mordes möglich, räumt er ein.

Falsch ist laut BGH schon, dass das Landgericht „nur von einer fahrlässigen Herbeiführung des Todes“ ausging. Angesichts der festgestellten Umstände hätte das Gericht sich „mit der nahe liegenden Möglichkeit auseinandersetzen müssen, dass den Angeklagten der Tod des Opfers gleichgültig war, mag er von ihnen auch nicht gewünscht oder gewollt gewesen sein“.

Festgestellt wurde etwa die ungeheure Brutalität, mit der die Männer ihr Opfer malträtierten: Die Schläge, die Sprünge auf den am Boden liegenden Mann, es brechen Brustbein und Halsknorpel, im Verlauf von etwa 24 Stunden stirbt Ulf M. an einer Lungenfett-Embolie.

Die erst wenige Tage zuvor aus Litauen nach Deutschland eingereisten Räuber gehen nach der Tat einkaufen. Auf der Rückreise in ihre Heimat kaufen sie mit den erbeuteten Geldkarten für 4000 Euro unter anderem Turnschuhe und 75 Pakete Kaffee. Ihnen kommt man später - nach einem ähnlichen Überfall in Brandenburg - durch Überwachungsbilder von Bankautomaten auf die Spur. Das dortige Opfer überlebt. Weil es die Täter wegen eines Überzugs über den Kopf nicht erkennen konnte? Das meinen zumindest die Anwälte der Familie des getöteten Münchners.

Die Verteidiger der Angeklagten verweisen auf eine unvorhergesehene Entwicklung des Geschehens: Nachdem sie zwei Geldkarten-Geheimnummern von dem 39-Jährigen erpresst haben, wollen sie noch an die anderen ran. Dafür soll der Münchner seinen Laptop starten.

Als ein Briefumschlag auf dem Bildschirm auftaucht, argwöhnten die Täter, dass er Hilfe rufen will. „Das war der Auslöser für den Gewaltausbruch“, so die Verteidigung. Töten wollten sie ihr Opfer demnach nicht: Schließlich haben sie es bei laufendem Motor zurückgelassen und die Heizung angeschaltet.

Doch warum zerstören sie die SIM-Karte aus dem Mobiltelefon von Ulf M.? Weil sie verhindern wollen, dass er über sein Mobiltelefon geortet werden kann, ist seine Familie überzeugt. Ulf M. kann zu dem Zeitpunkt - schwerst verletzt und gefesselt - jedenfalls nicht mehr telefonieren. Im Landgerichts-Urteil wird die zerschnittene SIM-Karte „mit keinem Wort erwähnt“, moniert ihr Anwalt.

Klar ist allen Seiten: „Es wird noch mal umfangreich verhandelt werden müssen“, wie es der Täter-Anwalt ausdrückt. Und: „Es wird sehr aufwendig werden und schwierig an vielen Fronten.“

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