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Stormarn Oldesloer Imam lernt eifrig Deutsch
Lokales Stormarn Oldesloer Imam lernt eifrig Deutsch
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22:43 06.04.2016
Schüler Yasar Ates an der „Tafel“. Die Migrationsbeauftragte des Bundes hat abgelehnt, seinen Unterricht zu fördern, aber gelobt, dass die Oase einen wichtigen Beitrag zum interkulturellen Dialog leiste. Quelle: dvd

Vor wenigen Wochen ging dem neuen Imam aus der Mevlana-Moschee in der Oldesloer Turmstraße noch kein deutsches Wort über die Lippen. Er war gänzlich auf die Hilfe eines Dolmetschers angewiesen, um sich mit anderen verständigen zu können. Gestern streckte er schon wie selbstverständlich die Hand zum Gruß aus und sagte in fast akzentfreiem Tonfall:„Guten Tag. Ich heiße Yasar Ates und komme aus der Türkei.“

Seit zwei Monaten drückt das Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft regelmäßig die Schulbank im Oldesloer Mehrgenerationenhaus Oase. Unter Anleitung von Gerd-Günter Finck lernt er zunächst Gegenstände aus dem täglichen Leben kennen, die üblichen Redewendungen beim gegenseitigen Vorstellen und die ersten grammatischen Regeln beim Deklinieren von Hauptwörtern. „Wir beginnen mit einfachen Sätzen. Bald wird er aber schwierigere Texte lesen und dazu auch Fragen beantworten“, erzählt Finck, der einen regen Kontakt zu Mitgliedern der muslimischen Gemeinde pflegt. Und damit sich das Gelernte so richtig festsetzt, gibt er dem Imam stets Hausaufgaben mit auf den Heimweg.

Statt auf Hörbeispiele von der CD zurückzugreifen, hat sich das Oase-Team etwas Besonderes einfallen lassen. Mitten im Unterricht geht plötzlich die Tür auf und Mitarbeiterin Silke Mosemann betritt den Raum. Sie konfrontiert den Schüler mit Fragen, ganz so wie sie ein Passant auf der Straße stellen würde. Kürzlich übte sie mit ihm beispielsweise die Uhrzeiten. Durch die immer wieder spontan eingeschobenen Rollenspiele lernt Yasar Ates, sofort auf Deutsch zu reagieren.

„Der Imam lernt gern und ist zudem noch sehr fleißig“, sagt Yasars Ates Landsmann Mustafa Kaya. Er selbst kam vor 13 Jahren nach Bad Oldesloe und arbeitet in der Gastronomie. Wann immer er Zeit hat, begleitet er Yasar Ates, um zu dolmetschen. Der emsige Schüler fühlt sich sehr wohl in der Kreisstadt und wünscht sich nichts Sehnlicheres, als eines Tages ohne fremde Hilfe mit den Oldesloern kommunizieren zu können. In der evangelischen Kirchengemeinde war er bereits zu Gast und hat Kontakt zu Pastor Volker Hagge aufgenommen. Weitere Treffen sind geplant, um gegebenenfalls auch gemeinsame Veranstaltungen zu organisieren. Im Gespräch ist etwa die Interkulturelle Woche, die bislang stets gemeinsam von Oldesloer Christen und Muslimen zur Begegnung und näherem Kennenlernen genutzt wurde.

Mit gerade einmal 37 Jahren ist Yasar Ates nicht nur der jüngste Imam, der jemals in Bad Oldesloe eingesetzt war, er hat sich vor kurzem mit seiner kleinen Familie auch über Nachwuchs freuen können.

Sein Jüngster kam vor einem Monat auf die Welt. Der ältere Sohn ist bereits sieben Jahre und besucht die erste Klasse der Stadtschule. „Sein deutscher Freund heißt Paul. Sie spielen immer zusammen“, sagt der Vater voller Stolz.

Für sein Engagement als Lehrer wollte sich der Imam gegenüber Günter Finck erkenntlich zeigen und fragte, womit er ihm im Gegenzug eine Freude machen könnte. „Da habe ich geantwortet, er soll nach einem Jahr eine Predigt auf Deutsch halten“, erzählte Finck gestern lachend. Und wer weiß, vielleicht klappt die Integration ja noch schneller. Schließlich nimmt er den Imam auch regelmäßig zu den Stadtführungen mit, um ihm neue Vokalbeln beizubringen.

Von Dorothea von Dahlen

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