Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Stormarn Ein Hotel für Falter, Käfer und Co.
Lokales Stormarn Ein Hotel für Falter, Käfer und Co.
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:34 25.10.2018
Rasen rollen VSG-Mitarbeiterin Maja Wätke und Björn Janne vom Gartenbaubetrieb Grabert aus, um das Dach des Insektenhotels zu begrünen. Quelle: Dorothea von Dahlen
Bad Oldesloe

Die Temperaturen purzeln. Lange ist es nicht mehr hin und der Winter steht vor der Tür. Höchste Zeit, Florfliege, Marienkäfer, Schmetterling und anderen rar gewordenen Kleintieren ein sicheres Quartier bei der aufziehenden Kälte bieten zu können. In einer konzertierten Aktion bauten deshalb Mitarbeiter der Vereinigten Stadtwerke GmbH (VSG), des Gartenbaubetriebs Grabert und – ganz wichtig – die Jungen und Mädchen der Oldesloer Stadtschule ein XXL-Insektenhotel beim Wasserwerk am Schwarzendamm.

„Es ist schon traurig zu sehen, dass es immer weniger Wildbienen, Hummeln und andere Insekten gibt“, sagte VSG-Sprecherin Sabine Sager und wies darauf hin, dass damit auch ein Vogelsterben einhergehe, da sie sich von den Kleintieren ernährten. „Und in letzter Konsequenz ist auch unsere eigene Ernährung gefährdet. Pflanzen müssen bestäubt werden, um Früchte tragen zu können. Gibt es keine Insekten mehr, dann haben wir eines Tages auch kein Obst und Gemüse mehr.“

Acht Stockwerke für gefährdete Insekten

Acht Stockwerke hoch sollte die Unterkunft werden und eben genau so viele Paletten stapelten Grabert und seine Leute aufeinander. Nun galt es, „Möbel“ heranzuschaffen, beziehungsweise die Zwischenräume so auszustaffieren, dass die Tiere darin ausreichend Schutz finden. Mit lautem Gejohle strömten die Mädchen und Jungen aus den dritten und vierten Klassen ins nahe gelegene Wäldchen, um Material zu besorgen. Reichlich bepackt mit Kiefernzapfen, alter Baumrinde und Laub kehrten sie zurück. Das Einrichten konnte beginnen. Da jede Art der kleinen Lebewesen besondere Vorlieben hat, beziehungsweise ein spezielles Mobiliar benötigt, um sich wohlzufühlen, staffierten die Kinder jede Etage anders aus. Während das Zapfen-Domizil der Florfliege vorbehalten ist, eignen sich die hohle Bambusstäbe eher als Unterschlupf für das Pfauenauge oder den Zitronenfalter. Auch mit Sägespänen gefüllte Blumentöpfe aus Ton oder kleine Strohhaufen fanden Einzug ins Hotel.

Ein Platz für Tiere

Naturschutzverbände warnen bereits seit vielen Jahren vor einem Insektensterben. Unlängst hat auch das Bundesumweltministerium auf dieses Problem hingewiesen und ein „Aktionsprogramm Insektenschutz“ vorgestellt. Ministerin Svenja Schulze fordert einen sorgsameren Umgang mit Pestiziden in der Landwirtschaft. „Wenn wir dem Insektensterben nicht bald Einhalt gebieten, gefährden wir nicht nur unsere Vogelwelt und die Natur insgesamt, sondern auch unsere Landwirtschaft und andere Wirtschaftszweige“, sagte sie.

Laut dem BUNDist das Insektensterben von großer Tragweite für die Ökosysteme und hat auch eine Dezimierung des Vogelbestands zur Folge. Als Ursachen für diese Entwicklung nennt die Naturschutzorganisation das Umbrechen vieler artenreicher Wiesen, sodass zunehmend monotones, gedüngtes Einheitsgrün entsteht, das immer häufiger im Jahr gemäht wird. Auch den Einsatz von chemischen Mitteln in der Landwirtschaft wie Glyphosat führten zu massivem Rückgang der Artenvielfalt auf Ackerböden und in deren Umgebung. Insektizide wie etwa Neonicotinoide beeinflussen beeinflussen dem BUND zufolge das Nervensystem der Insekten und nähmen somit Einfluss auf deren Orientierungssinn und Verhalten.

Weitere Details sind zu finden auf www.bund-rvso.de oder www.bund.net

Wildbienen kriechen in Mauerwerk

Handwerkliches Geschick war beim Herrichten der „Appartements“ für Wildbienen gefragt. Da sich die fleißigen Tiere gern in Mauerspalten einnisten, hatte Helmut Grabert einige Steine mitgebracht. Bevor er sie zwischen die Paletten klemmte, mussten sie erst noch bearbeitet werden. Ali ließ sich nicht lange bitten und fräste mit der Bohrmaschine einige Löcher in die Oberfläche. „Das macht richtig Spaß“, sagte der Elfjährige. Er schuf damit zugleich die spätere Kinderstube für die Wildbienen. Schließlich legen sie, wie einige Wespenarten auch, ihre Brut gern in Vertiefungen im Mauerwerk ab.

Begrüntes Spitzdach krönt das Hotel

Stolz begutachteten schließlich alle das fertige Hotel, dessen Fassade, mit so unterschiedlichem Inventar bestückt, wie ein buntes Mosaik aussieht. Als Krönung setzten Gartenbauer Björn Janne und seine Kollegen ein selbst gezimmertes Spitzdach auf das Häuschen. Und damit noch mehr Tiere angelockt werden, rollten sie abschließend einige Bahnen Rasen darauf aus. Die tapferen kleinen Bauleute bekamen zur Belohnung Würstchen vom Grill.

Streuobst und Blühstreifen

Die Freifläche am Wasserwerk hat sich damit ein Stück weit mehr zur grünen Oase entwickelt. Bereits im Vorjahr pflanzten Kinder aus den zweiten und dritten Klassen der Stadtschule 16 Obstbäume ganz alter Sorten, die ebenfalls Insekten Lebensraum und Nahrung bieten. Im Frühjahr wiederum legten die Gartenbauer zwei Blühstreifen mit Ringelblumen, Zinnien, Bienenfreund und anderen bunten Wiesenblumen an. Das recht trockene Sommerwetter setzte den Pflanzen zunächst sehr zu. Doch inzwischen haben sich die Beete recht gut entwickelt. Noch müssen Grabert und seine Kollegen zwischen den Pflanzen oft jäten. Aber in zwei bis drei Jahren wird der üppige Blütenteppich den Gästen vom Insektenhotel einen gedeckten Tisch bereiten.

Dorothea von Dahlen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!