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Stormarn Plötzlich Rentner: Auch der Ruhestand will gelernt sein
Lokales Stormarn Plötzlich Rentner: Auch der Ruhestand will gelernt sein
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22:15 22.08.2018
Nach dem Ende der Berufslaufbahn kommt oft eine Leere auf den Ruheständler zu. Quelle: Foto: Stock.adobe.com
Bargteheide

Der Film „Pappa ante portas“ von Loriot hat das Rentnerleben auf den Punkt gebracht: Der Schritt von der Berufstätigkeit in den Ruhestand kann für manchen zum traumatischen Erlebnis werden. Wer bisher in der Vorstandsetage saß, soll nun zuhause den Müll rausbringen, und wo die Tage vom Terminkalender bestimmt waren, gehen sie plötzlich nicht mehr rum. Irene Lukas ist Coach in Bargteheide und auf das Thema Veränderung spezialisiert. Sie bietet Menschen Hilfe an beim Übergang von einem Lebensabschnitt in den anderen.

Irene Lukas aus Bargteheide bietet Coaching für Menschen an, die mit dem Ruhestand nichts anfangen können. Sie kommt aus der Unternehmensberatung und weiß, wie schwer der Wechsel für bis dahin aktive Menschen ist. Ihr Rat: Schon vor der Rente Alternativen schaffen.

„Ich komme aus der Unternehmensberatung und weiß, dass viele Unternehmen ihre Mitarbeiter teils schon mit Mitte 50 in den Vorruhestand schicken“, sagt sie. „Das ist die Generation aus den 50er-Jahren, die oft schon mit 15 eine Lehre gemacht und ihr Leben lang nur gearbeitet hat. Die Arbeit als Lebensinhalt ist dann plötzlich vorbei.“

Das Selbstbild bröckelt, wenn man keine Rolle mehr spielt, und das nagt an der Psyche. Hier setzt ihre Arbeit an, denn als Coach will Irene Lukas Hilfe zur Selbsthilfe geben. Wichtig sei es, gemeinsam nach Interessen zu forschen. „Wir alle tragen die Lösung unserer Probleme in uns, man muss sie nur finden“, ist sie überzeugt.

Auch Partner betroffen

Auch die Partner sind gefordert, denn sie müssen viel Verständnis aufbringen. Sie müssten lernen, dass man – anders als vorher – auf einmal den ganzen Tag zusammen sei. „Plötzlich ist der andere auch da, das ist ein einschneidendes Erlebnis und von beiden oft nicht leicht zu bewältigen.“ Oft versuche der eine, die neue Leere in seinem Leben durch die Übernahme von Aufgaben zu kompensieren, während der bisher Zuständige keine Einmischung wolle. Das könne dazu führen, dass es dann zusätzlich neue Probleme in der Partnerschaft gebe.

„Rentner stehen heutzutage noch voll im Leben und haben Lust, etwas zu erleben.“ Wer Glück hat, hat noch zwei oder drei Jahrzehnte vor sich, die sinnvoll gefüllt werden sollen. Irene Lukas, die einen Kursus für Rentner an der Bargteheider Volkshochschule angeboten hat, bedauert, dass er nicht zustande kam. Sie möchte gerne Hilfestellung leisten. „Wichtig ist, schon vor der Rente Alternativen aufzubauen“, betont sie.

Dazu stellt sie Fragen nach Dingen, die „immer schon gemacht“ werden wollten, fragt nach Hobbys und ermuntert ihre Klienten dazu, unter Menschen zu gehen und Freundschaften wieder zu beleben. „Die ersten Monate nach dem Arbeitsleben fühlen sich wie Urlaub an“, erklärt sie, „aber irgendwann ist im Haus alles gemacht.“ Kreuzfahrten seien schön, aber vor allem müsse der Alltag bewältigt werden.

Wie bringe ich den Tag rum, wenn ich keine Aufgaben habe? Dafür macht Irene Lukas Vorschläge. „Damit sollte man rechtzeitig anfangen“, rät sie, „auch für die Partnerschaft ist es wichtig, nicht zu viel auf einmal zu verändern.“ Zum Coaching ist Irene Lukas über ihr Soziologie-Studium gekommen. „Ich finde die Gesellschaft spannend“, sagt sie, „noch spannender sind aber die einzelnen Menschen.

Denen helfe ich, Perspektiven zu finden.“

Seit neun Jahren wohnt die 43-Jährige in Bargteheide und unterrichtet an der Volkshochschule orientalischen Tanz – und Englisch für Rentner. „Da hat sich eine nette Gruppe gebildet, die hinterher auch zusammen Kaffee trinkt.“

Tipps für angehende Ruheständler

Die Rente kommt in den meisten Fällen nicht überraschend. Irene Lukas rät deshalb, dass man sich rechtzeitig um neue Themen für die Zeit des Ruhestands kümmern soll. So gelingt ein Übergang ohne Rentenschock.

Auch die Partner müssen sich auf die veränderte Lebenssituation einstellen. Wo die Berufstätigkeit zu jeweils eigener Tagesgestaltung geführt hat, gilt es jetzt, gemeinsam den Alltag zu gestalten. Partner brauchen viel Verständnis.

Irgendwann ist im Haus alles gemacht, auch schöne Reisen sind nicht die einzige Lösung. Laut Irene Lukas ist es wichtig, den Alltag sinnvoll zu gestalten und viel unter Menschen zu gehen. Alte Freundschaften sollten belebt werden.

Bettina Albrod

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