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Stormarn Pölitzerin startet Afrika-Hilfsprojekt
Lokales Stormarn Pölitzerin startet Afrika-Hilfsprojekt
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18:37 06.01.2018
Fertig ist die Lauge! Wäschewaschen funktioniert in Afrika vielerorts noch wie im Mittelalter. Wenn kein Fluss in der Nähe ist, wird im Waschzuber gewaschen. Hier hilft Anna Weiß beim Spülen.

„2012 war ich das erste Mal in Tansania. Damals habe ich dort meinen Cousin besucht, der auf einer Krankenstation sein freiwilliges soziales Jahr absolvierte.“ Anna war von der Landschaft und den Menschen sofort fasziniert. Beim Abschied wusste sie: „Tansania, ich komme wieder.“ Sie machte ihr Abitur und anschließend eine Ausbildung als Krankenpflegern. Danach wandte sich die Pölitzern an eine Organisation, die ihr ein Praktikum im Kilimanjaro-Christian- Medical-Center versprach – im größten Krankenhaus des nördlichen Tansanias.

„Tansania – da möchte ich hin“, sagte sich Anna Franziska Weiß aus Pölitz. Direkt nach ihrer Ausbildung als Krankenpflegerin machte sie sich auf den Weg. Drei Monate wollte sie in Afrika bleiben. Daraus wird jetzt eine Lebensaufgabe. Die 25-Jährige startet ein Hilfsprojekt.

Moshi – am Fuße des Kilimandscharo

Als Anna Weiß vor einem Jahr in der Stadt Moshi am Fuße des Kilimandscharo ankam, erfuhr sie zunächst eine große Enttäuschung. „Aus dem Krankenhausjob wurde nichts. Die Organisation bot mir stattdessen ein Praktikum im Kindergarten an.“ Doch das war nicht das, was Anna wollte. „Ich bin schließlich als Krankenschwester dorthin gekommen. In dem Bereich wollte ich auch tätig sein.“ Die junge Frau machte sich allein auf den Weg.

„Ich habe das Krankenhaus aufgesucht und hatte das Glück, auf einen Arzt aus Berlin zu treffen. Er war als Entwicklungshelfer dort.“ Anna erzählte dem Doktor von ihrer Situation, dass die Organisation Abmachungen nicht eingehalten hatte und ihr auch das Geld nicht zurückzahlen wollte. „Der Arzt hat mir einen Praktikumsplatz im Krankenhaus besorgt, ich durfte sogar bei ihm und seiner Familie im Gartenhaus wohnen.“ Zusammen mit dem Berliner Mediziner habe sie die Onkologie des Krankenhauses aufgebaut. „Mit zwei Zimmern haben wir angefangen, jetzt gibt es ein ganzes Gebäude“, berichtet die 25-Jährige. Was sie auf der Krebsstation erlebt hat, kann Anna Weiß nur schwer in Worte fassen. „Viele Menschen kommen im fortgeschrittenen Krebsstadium. Weil sie denken, dass man ihnen ohnehin nicht helfen kann. Auch der Doktor hatte noch nie so zuvor solche Tumore gesehen. Es ist aber auch schön zu erleben, wie gut die Menschen das Angebot annehmen und in die Sprechstunden kommen.“ Sie hätten viel Aufklärungsarbeit geleistet. „Besonders bei der Brustkrebs-Früherkennung. Die Menschen haben gar keine Ahnung, dass diese Erkrankung nicht von selbst weggeht.“

Traurig sei, dass viele Afrikaner die Untersuchung nicht bezahlen könnten. „Wenn man das gesehen hat, dann weiß man unser Gesundheitssystem noch mehr zu schätzen“, sagt Anna Weiß. Von acht bis 15 Uhr habe sie im Krankenhaus gearbeitet. „Anfangs habe ich meine Freizeit mit der Familie und anderen Freiwilligen verbracht. Aber irgendwann dachte ich mir, ist ja blöd, wenn man nur unter Weißen ist, wenn man schon hier in Tansania lebt.“ Nach und nach begann sie, Einheimische kennenzulernen, die sie sehr freundlich aufnahmen.

Hilfe für Familien mit behinderten Kindern

Nach vier Monaten im Krankenhaus entschied sich Anna Weiß, ehrenamtlich „Share Tanzania“ zu unterstützen. „Das ist eine Organisation, die sich um Kinder mit Behinderungen kümmert. Die Helfer haben ein Dorf gegründet, in dem Mütter mit ihren behinderten Kindern leben.“ Dazu muss man wissen, dass die Situation von Menschen mit Handicap in großen Teilen Afrikas sehr dramatisch ist. Eine Behinderung gilt als Makel, der zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führt. „Behinderte Kinder gelten als verflucht – sie werden versteckt, manchmal sogar in den Hütten angekettet, weil sich die Eltern schämen“, schildert Anna Weiß. Als sie das gesehen habe, sei sie zutiefst traurig gewesen. „Das hat mich dazu bewegt, dass ich mein eigenes Ding machen möchte. Ich möchte einen Verein gründen, um die Familien zu unterstützen, die Kinder mit Behinderungen haben. Damit die Kinder und deren Familien nicht in Schande leben müssen.“ Sie sei auch nicht der Auffassung, dass es der richtige Weg sei, Kinder in Einrichtungen zu geben. „Dann wird sich nie was ändern.“ Anna Weiß möchte die Familien zu Hause unterstützen, die Kinder integrieren und Vorurteile abbauen. „Ich will versuchen, die Eltern zu ermutigen, ihr behindertes Kind bei sich zu behalten. Dafür möchte ich Aufklärungsarbeit leisten, Schulungen veranstalten und Wissenswertes weitergeben.“

Eine Situation sei ihr besonders in Erinnerung geblieben. „Wir hatten im Krankenhaus ein behindertes Kind. Eines Tages kam die Mutter – da habe ich den Wandel gesehen. Das Kind war von dem Moment an das glücklichste, das ich kenne. Auch die Mutter wollte fortan nicht mehr ohne ihr Kind sein. Liebe könne eine Einrichtung eben nicht geben.

Anna Weiß’ großer Traum ist es, einen Ort zu erschaffen, wo die Menschen mit Behinderungen arbeiten können. „So wie bei uns in den Behindertenwerkstätten. Ich möchte zeigen, dass sie etwas schaffen können, ob sie nun in einem Restaurant arbeiten oder in einer Werkstatt. Die Betroffenen sollen auch eine Perspektive haben.“

Vor ein paar Wochen ist Anna Weiß nach Stormarn zurückgekehrt, um Familie und Freunde zu sehen und um ihren Verein „Care up Africa“ anzumelden. „Ich habe schon sehr viele Leute, die mich unterstützen wollen.“ Am 23. Januar geht es zurück in die „Heimat“, wie sie sagt. Denn für Anna Weiß ist Tansania jetzt ihr Zuhause. „Wenn ich zurückkehre, werde ich als erstes schauen, wie es den Familien geht, die ich bereits unterstütze. Und dann werde ich einen Ort für Schulungen suchen als Anlaufstelle.“

Infos: www.careup-africa.org

Das Land

Tansania liegt in Ostafrika und umfasst eine Fläche von rund 945000 km2. Mehr als 55,5 Millionen Menschen leben dort, Tendenz stark steigend, weil eine tansanische Frau im Schnitt etwa fünf Kinder zur Welt bringt. In Tansania werden 125 Sprachen gesprochen, Swahili und Englisch sind die Verkehrssprachen. 99 Prozent der Festland-Bewohner sind Schwarzafrikaner. Die beiden Hauptreligionen sind der Islam und das Christentum mit jeweils 40 Prozent. Daneben gibt es Anhänger traditioneller Naturreligionen und eine hinduistische Minderheit. Hauptstadt ist Dodoma, der Regierungssitz ist in der Küstenstadt Daressalam.

Britta Matzen

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