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Stormarn „In der Gemeinschaft sind wir alle Schuld“
Lokales Stormarn „In der Gemeinschaft sind wir alle Schuld“
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10:18 10.10.2018
Immer mehr Blumen werden in der Oldesloer Schützenstraße abgelegt, wo am vergangenen Sonntag ein Obdachloser durch einen Polizeischuss getötet wurde. Quelle: Dorothea von Dahlen
Bad Oldesloe

Der durch den Schuss aus einer Polizeiwaffe getötete junge Obdachlose ist Tagesgespräch in der Kreisstadt. Die Zahl der Kerzen und Blumen, die Oldesloer zum Zeichen ihrer Trauer über den Tod des psychisch kranken Mannes in der Schützenstraße niederlegen, wächst. Kaum einer, der dem 21-Jährigen mit seinem Kapuzenpulli nicht schon irgendwo in der Stadt begegnet war. Nach der anfänglichen Bestürzung beginnt bei vielen das Nachdenken, wie es zu solch einer Tragödie kommen konnte.

Bürgerworthalterin Hildegard Pontow war selbst um ein Haar Augenzeugin des Geschehens. Sie kam gerade heim, als die Schützenstraße in Folge des Polizeieinsatzes abgesperrt worden war. „So haben wir gleich erfahren, dass dort ein junges Menschenleben ausgelöscht wurde. Ich will kein Urteil fällen, da die genauen Umstände des Polizeieinsatzes noch nicht geklärt sind. Aber dass jemand getroffen wurde, der nicht Herr seiner Handlungen ist, ist erschreckend“, sagt Pontow. Was er genau als Bedrohung wahrgenommen habe, um dann zum Messer zu greifen, werde jetzt niemand mehr erfahren. „Auf der anderen Seite habe ich selbst Verwandte, die bei der Polizei beschäftigt sind und kenne daher die schwierige Situation, in der sich die Beamten befinden. Für alle ist es tragisch. Der, der den Schuss abgegeben hat, wird auch seines Lebens nicht mehr froh.“

Er schlief vor dem Heizraum in Fötushaltung

Daniel Kabak gehört zu den Menschen, die dem jungen Mann häufiger begegnet sind. Er war bis Mai dieses Jahres als Hausmeister für die Hochhäuser Hölk und Poggenbreeden zuständig war. „Er hat oft im Keller geschlafen oder im 13. Stock vor dem Heizungsraum in Fötusstellung mit dem Pullover über dem Kopf“, berichtet Kabak. Ein-, zweimal habe er die Polizei gerufen, auch als der Obdachlose an seinem Schlafplatz Munition für eine Pistole zurückgelassen habe. Es habe auch in letzterem Fall den Eindruck gemacht, als hätten die Beamten damals gar nicht herkommen wollen, weil sie den Mann offenbar für harmlos hielten.

Die Munition hätten sie aber dann doch mitgenommen. Später dann habe er den jungen Mann einfach gewähren lassen. „Er wirkte ja auch nicht so, als könnte er jemandem etwas tun. Er sah eher ängstlich aus und soll schizophren gewesen sein“, sagt Kabak. Da er sich als Hausmeister und Mensch verantwortlich gefühlt habe, sei er auch an örtliche Behörden herangetreten und habe auf die problematische Situation des jungen Mannes hingewiesen – ohne Erfolg. Einige hätten sogar gesagt, jeder habe das Recht zu verwahrlosen. Kabak zufolge gibt es in Bad Oldesloe noch mehr Menschen, die ähnlich am Rande der Gesellschaft stehen wie der jetzt erschossene 21-Jährige.

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Krank und durchs soziale Raster gefallen

Q8-Quartiersmanagerin Maria Herrmann, die mit der Gruppe Plan B seit einem Jahr Stadtteilarbeit im Gebiet um den Hölk leistet, hatte eine ähnliche Entdeckung gemacht. Vor ihrem Büro lagen eines Tages Gaspatronen, die auch sie damals an die Polizei weiterleitete. Aus Herrmanns Perspektive ist der Fall des jungen Obdachlosen ein trauriges Zeichen dafür, dass kranke Menschen, die durchs soziale Raster gefallen sind, kaum Hilfe zu erwarten haben. „Unserer Gesellschaft fehlen funktionierende Netzwerke, um solche Menschen mit psychischen Problemen aufzufangen. Ich will keiner einzelnen Person die Schuld zuweisen. In der Gemeinschaft sind wir alle schuld, dass es soweit gekommen ist. Jeder –auch in den Behörden –schaut nur auf seinen Punkt und weist seine Zuständigkeit ab, anstatt an passende Hilfsangebote zu vermitteln. Es fehlt das Ineinandergreifen“, sagt Herrmann.

Pastor erinnert an Amokläufe

Der für den Pfarrbezirk rund um den Hölk zuständige Pastor beschreibt den inneren Konflikt, den das Geschehene in ihm auslöst. „Erschüttert sind wir sicher alle in Bad Oldesloe“, sagt Volker Hagge. „Zumal der junge Mann in einem Alter war, in dem auch unsere Kinder sind.“ Gleichwohl mahnt er, nicht nur die eine Seite zu betrachten und jetzt die Polizei an den Pranger zu stellen. Schließlich habe es in der jüngsten Vergangenheit auch schlimme Vorfälle gegeben, da Leute mit Messern Amok gelaufen seien. „Wenn so jemand dann die Kontrolle verliert und zusticht, fragt jeder ’Wer hat das zugelassen? Warum ist niemand eingeschritten’“, gibt der Pastor zu bedenken. Er selbst war schon einmal Zeuge eines Überfalls in einem Supermarkt. „Das Bild des Marktleiters mit blutendem Revers habe ich noch genau vor Augen. Deshalb versuche ich beide Dimensionen gleichzeitig zuzulassen. Nur so wird man dem Geschehenen gerecht“, sagt Volker Hagge.

Trauermarsch im Gedenken an den Toten

Auf Initiative der Stadtverordneten Hartmut Jokisch und Hendrik Holtz wird es heute einen Trauermarsch im Gedenken an den verstorbenen Obdachlosen geben. Treffpunkt ist ab 19 Uhr am Gänselieselbrunnen vor dem Rathaus. Von dort aus ziehen alle in die Schützenstraße.

Dorothea von Dahlen

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