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Stormarn „Putsch in der Türkei musste scheitern“
Lokales Stormarn „Putsch in der Türkei musste scheitern“
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17:06 19.07.2016
Solidarität mit den Menschen in der Türkei und in Frankreich: Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde in Bad Oldesloe. Quelle: hfr
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Bad Oldesloe

Ferit und Jolanta Tekbas sitzen fast schon auf den gepackten Koffern, denn am Freitag will das Ehepaar zusammen mit seinen drei Kindern wieder in die alte Heimat des 49-jährigen Ehemann aufbrechen. Es geht von Bad Oldesloe in die kleine türkische Stadt Hatay nahe der syrischen Grenze. Doch dieses Mal steht der traditionelle Sommerurlaub unter einem ganz besonderen Vorzeichen. „Wir haben sehr viel Glück gehabt. Und der Putsch musste scheitern“, sagt Ferit Tekbas mit Blick auf den versuchten Staatsstreich von Teilen der Armee.

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Auch die in Bad Oldesloe lebenden Türken sind froh, dass der Aufstand von Teilen der Armee am Widerstand der Bürger in der Heimat scheiterte – Große Unterstützung für Präsident Recep Tayyip Erdogan.

„Unsere Unterstützung gilt der Demokratie und der Freiheit.“ Türkisch-islamische Gemeinde in Bad Oldesloe

„Ich lehne die Todesstrafe ab, weil die momentanen Gesetze ausreichen, um die Putschisten zu verurteilen.“ Önder Karanfil

„Wir lieben Erdogan, und wenn er ein Diktator wäre, hätten wir ihn auch nicht gewählt.“ Sevim Acar

„Wir haben schon früher erlebt, dass das Militär an der Macht war. Das war schon immer schlecht.“ Ferit Tekbas

„Wir haben schon früher erlebt, dass das Militär an der Macht war. Und das war immer schlecht für die Türkei“, sagt der Wirt der Bestebar. Er diente als junger Mann für 18 Monate als Wehrpflichtiger in den Streitkräften in seiner Heimat: „Da steht die Disziplin über allem. Es gilt die Befehlskette, und ein Befehl muss unbedingt ausgeführt werden“, erläutert der Gastromonom, der seit 24 Jahren in Deutschland lebt. So sei auch zu erklären, dass von den Soldaten unter anderem die wichtigsten Brücken in Istanbul gesperrt worden seien.

Dass die Putschisten hart bestraft werden müssten, ist für den 49-Jährigen eine Selbstverständlichkeit. Er sei auch damit einverstanden, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan darauf dränge, zahlreiche Richter und Staatsanwälte aus dem Staatsdienst zu entlassen und sie möglicherweise vor Gericht anzuklagen. „Das wäre doch in Deutschland auch nicht anders, wenn sich Beamte ganz bewusst gegen den Staat stellen. Dann müssten auch sie entlassen werden“, sagt Ferit Tekbas. Wünschenswert wäre allerdings, wenn das Staatsoberhaupt und die Regierung in der Türkei nicht nur eine Seite im Blick hätten: „Wichtig ist, dass einen weiterhin einen Dialog gibt.“ Der Gastwirt bezieht auch Stellung in der Diskussion um die Einführung der Todesstrafe: „Die sollte es nicht geben.“

Die Familie will die rund 3500 Kilometer bis die alte Heimat in ihren großen Fahrzeug zurücklegen. Ferit Tekbas wird dann mehrere Tage hinter dem Lenkrad sitzen, um das Auto umsichtig über Autobahnen und teilweise noch schlechte Landstraßen zu steuern. Groß wird dann die Freude unter den Verwandten sein, wenn sie die Angehörigen aus dem fernen Stormarn wieder in die Arme schließen können. In Hatay allerdings, das haben die Oldesloer bereits erfahren können, sei es während des Putschversuches offensichtlich ruhig geblieben. Schießereien mit Todesopfern habe es nur in Istanbul und der Hauptstadt Ankara gegeben.

Auch in Sinop, einem kleinen Ort am Schwarzen Meer, hat es offensichtlich keine Auseinandersetzungen gegeben. Davon berichten Sevim Acar (45) und Fatma Altintas (39) – die Schwestern stammen aus dieser Region. „Wir lieben Erdogan, und wenn er ein Diktator wäre, hätten wir ihn auch nicht gewählt“, betonten die Türkinnen. Der Präsident habe nicht nur dafür gesorgt, dass es mit dem Land wirtschaftlich bergauf gegangen sei. „Auch die Mitarbeiter in den Behörden müssen sich jetzt an die Gesetze halten. Es gibt keine Willkür mehr“, sagt Fatma Altintas. Beide Frauen fordern eine harte Bestrafung der Putschisten. „Ich wäre auch dafür, die Todesstrafe wieder einzuführen“, so Sevim Acar.

„Ich lehne die Todesstrafe ab, weil die momentanen Gesetze ausreichen, um die Putschisten zu verurteilen “, ist Önder Karanfil überzeugt. Die aktuelle Situation dürfe nicht dazu genutzt werden, um neue Gesetze zu erlassen. Auch der Vorsitzende des SV Türkspor übt deutliche Kritik an der Aktion von Teilen der Armee. „Das ist nicht akzeptabel. Die Türkei ist ein demokratisches Land, und die Menschen haben mit ihrem Widerstand gezeigt, dass sie für die Demokratie auch für Erdogan in den Tod gehen würden“, betont Önder Karanfil.

Auch die türkisch-islamische Gemeinde in Bad Oldesloe verurteilt die tragischen Ereignisse und den Putschversuch. „Wir teilen in diesen schwierigen Zeiten unsere uneingeschränkte Solidarität mit dem türkischen Volk“, heißt es in einer Stellungnahme. Die Türkei sei ein demokratisches Land und werde niemals die Zerstörung seiner gesellschaftlichen und freiheitlichen Grundordnung zulassen: „Unsere Unterstützung gilt der Demokratie und der Freiheit.“

Die Gemeinde, deren religiöses Zentrum die Moschee an der Oldesloer Turmstraße ist, verurteilt ebenfalls die Terroranschläge in Frankreich: „Gewalt und Menschenrechtsverletzungen dürfen niemals ein legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Mittel gesehen werden“, heißt es.

 Michael Thormählen

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