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Stormarn Ratlos vor dem Kirchencomputer
Lokales Stormarn Ratlos vor dem Kirchencomputer
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21:03 14.01.2016
Erhard Graf kapituliert vor der Hightech-Anlage. Allerdings sieht es der Pastor für Hamberge und Klein Wesenberg auch nicht als seine Aufgabe an, sie zu warten. Quelle: Fotos: Uwe Krog

Die nächste Kirchengemeinderatswahl steht im November an. Pastor Erhard Graf und seine Lutheraner in Hamberge suchen Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Kenntnissen, die sie in dieses Amt einbringen könnten -aber so lange will die Gemeinde nicht warten, bis jemand gefunden ist, der ihre neue Steuerungsanlage und die Glocken-Schaltuhr vernünftig programmieren kann.

Die Fenster haben sich mehrfach wie von Geisterhand geöffnet. Eines Morgens etwa war das Gotteshaus derart ausgekühlt, dass die Chorsänger draußen auf den Pastor warteten, „weil es dort wärmer als drinnen war“, berichtet Erhard Graf. Da habe wohl irgendjemand dem Computer einen falschen Befehl gegeben, schätzt er. Die Bedienung erfordere weit mehr Kenntnisse, als für die Steuerung einer Heizungsanlage nötig seien. Die Firma, die diese Anlage installierte, habe zwar „ordentliche Arbeit“ geleistet. „Doch wir als Gemeinde haben die Komplexität unterschätzt“, bekennt der Geistliche.

Ratlos sitzt der Pastor vor dem Bedienungspult und schaut auf die Kontrollleuchten. Er traut sich nicht, die Knöpfe zu drücken. „Das ist auch nicht meine Aufgabe als Pastor.“ Obwohl er einen Gesellenbrief als Mess-, Steuer- und Regelungstechniker besitzt. Aber der stammt aus den 70er Jahren, bevor er sich für eine pastorale Laufbahn entschieden hatte. Obwohl er eine gewisse Computeraffinität besitzt. Mit einem Commodore-PC hatte Graf die damals noch junge virtuelle Welt betreten. Inzwischen zeigt er zwar Virtuosität im Umgang mit seinem Mac. Aber steht er vor dem Schaltschrank in der Hamberger Kirche, muss er passen: „Irgendetwas läuft hier immer falsch.“ Selbst das Handbuch für diese Anlage lassen ihn und die anderen, die sich daran versucht haben, ratlos zurück. Und schlicht einen Wartungsdienst kommen zu lassen, lehnt der Pastor ab. „Der drückt ein paar Knöpfe, ist schnell wieder weg. Wir zahlen 200 Euro. Aber wir wissen immer noch nicht, wie das Ding funktioniert.“

Unzureichend ebenso die Hamberger Kenntnisse im Umgang mit der automatischen Turmuhr. Das hat eines Mitternachts im vergangenen Sommer dazu geführt, dass die Glocken halb Hamberge aus den Betten läuteten. Alle fragten, was um diese Zeit mit dem Gotteshaus los sei, und niemand wusste das Gebimmel abzustellen, bis endlich ein Helfer aus Ratzbek kam. Der wusste auf den richtigen Knopf zu drücken. Seither greift die Automatik nur noch sonnabends um 18 Uhr und zu Silvester ein. „Zu Gottesdiensten wird manuell geläutet“, sagt Graf.

Auch dieser Schaltschrank fordert jeden Küster genauso wie den Pastor. Und der sagt: „Ich gehe nicht an die Schalter.“ Die Kirchengemeinde, stolz auf ihre Unabhängigkeit, solle aus eigenen Reihen jemanden organisieren, der mit der neuen Anlage umgehen kann.

Das Beherrschen der Computer und vor allem des Zusammenspiels mit dem Temperatur- und Feuchtigkeitsfühler draußen an der Backsteinwand ist schon deshalb dringlich, weil es gilt, die Kunstgegenstände wie Taufengel, Altar und Orgel drinnen vor Schäden zu bewahren. Genau sie waren schließlich der Grund für den Einbau der Hightech-Anlage. „Es darf im Kirchenschiff nicht kälter als zwölf und nicht wärmer als 18 Grad sein“, weiß der Pastor. Gestern war die obere Toleranzgrenze mit 17,5 Grad schon fast erreicht. „Ich weiß nicht, warum die Heizung jetzt läuft“, zumal keine Menschen in der Kirche zu erwarten waren. Für die sei die neue Technik ohnehin nicht angeschafft worden, sondern für die Kunst. „Wer friert, soll sich wärmer anziehen.“

Die Hamberger haben schon Erfahrung mit den Folgen falschen Bauens gemacht. Weil einst die Stützwand gegen den Friedhofshang falsch gezogen worden war, verschoben die Erdmassen mit den Jahren den Turm so weit, dass die gläserne Verbindung zum Kirchenschiff eines Tages zersplitterte.

Glockenturm seit 1958
Die Hamberger Kirche ist ein rechteckiger Saalbau aus Ziegelmauerwerk — teils aus dem späten Mittelalter (Nordhälfte), teils aus dem 18. Jahrhundert mit Korbbogenfenstern und pfannengedecktem Satteldach, das nach Osten abgewalmt ist. Das vermauerte frühere Nordportal ist mit pilasterartigen Streifen und Gesims eingefasst. Im Westen sind 1958 eine Vorhalle und Glockenturm angebaut worden. Dekan Johann von Wickede stiftete den spätbarocken Kanzelaltar, der 1722 vom Lübecker Bildhauer Hieronimus Hassenberg geschaffen wurde. Quelle: Nordkirche

Uwe Krog

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